(Keine) Vampire in der neuen Welt
"Abraham's Boys" setzt erfrischend nach den ganzen Hammer Studios-Produktionen und Legenden um Dracula und den Vampirismus an - wenn der von seiner Aufgabe gezeichnete Abraham Van Helsing mit seiner Familie nach all den Kämpfen gegen das Dunkele in die frischen Staaten von Amerika auswandert und neu beginnen will... Aber Schatten folgen auch in die Prärie...
Ist das Blut erstmal dreckig, scheint der Stammbaum ewig scheckig...
Als mutigen Vampirwestern - und davon gibt's ja beileibe nicht mehr allzu viele! - mit arthousigen Anflügen habe ich vor "Abraham's Boys" durchaus Respekt. Das geht von der kompakten Aspect Ratio über einige gute Jugenddarsteller und äußerst erhabene Visuals bis zu gesellschaftspolitischen Parallelen nach einer einschneidenden, narbenhinterlassenden Epoche. Das hat alles schon Packan und Hintergedanken, Hand, Fuß und Beißkraft. Zumindest auf dem Papier. In der Theorie. Selbst der Score hat echte Gänsehautmomente und Alleinstellungsmerkmale. Umso ärgerlicher, dass die Komponenten im Gesamtergebnis für mich dann nicht zusammenlaufen. Zumindest nicht genug. Es bleibt staubtrocken, es bleibt nicht involvierend, es bleibt mit wenig Empathie und Eindringlichkeit eingefangen. Und wenn man dermaßen auf Abstand bleibt, dann fehlt halt ein ganzes Stück, vor allem Spannung, und selbst knapp 90 Minuten können sich lange anfühlen... Alles zu behäbig, lethargisch, nur in Ansätzen und schleichend. Den Kern, dass die Tätigkeiten des Vaters bzw. vorangegangener Generationen noch weit in die Gegenwart der aktuellen Jugend hineinreichen, halte ich aber für nachhaltig, wahrhaftig und böse genug, um "Abraham's Boys" ganz sicher nicht als völligen Fehlschlag anzusehen.
Das Leben nach dem Trauma...
Fazit: ein exquisiter Look, frische Gesichter, ein neues (Frontier-)Setting für die Van Helsings, durchaus dichte Atmosphäre und ein langsamer aber sicherer Spannungsaufbau samt einiger persönlicher Themen Stammbaum, Traumata, Gesellschaft, Vaterschaft und Vergangenheit betreffend... verpuffen gewaltig. Das ist dann trotz edler Absichten zu wenig. Eigentlich schade um die famose Kamera und die unverbrauchten Ideen... Es braucht eben doch einen Payoff. Zumindest einigermaßen. Und Vampire wären eigentlich auch ganz nett... Da kann die Geschichte und Vorlage dazu von Joe Hill eigentlich nur mehr Biss haben!