Immer weniger Menschen können ihren Wohnraum frei wählen und manchmal muss man sich für das entscheiden, was der Geldbeutel gerade so hergibt. In Ballungszentren bleibt Lärm natürlich nicht aus, doch schlimm wird es erst, wenn man selbst in den eigenen vier Wänden keine Ruhe mehr findet, wie der südkoreanische Thriller von Kim Tae-joon und Sharon S. Park veranschaulicht.
Seoul: Woo-seung ist ein eher zurückhaltender Büroangestellter in den Dreißigern und ganz stolz auf seine Eigentumswohnung in einem Hochhauskomplex. Leider musste er dafür einen Kredit aufnehmen und spart an allen Ecken und Enden. Zudem gehen ihm seine Nachbarn wegen Lärmbelästigung zu Unzeiten mächtig auf den Zeiger. Mittels eines Kollegen erhält er einen Geheimtipp in Bitcoins zu investieren, doch wie soll sich Woo-seung bei dem Krach überhaupt auf das genaue Timing konzentrieren?...
Obgleich die Hauptfigur ein eher austauschbarer Typ ist, fühlt man doch relativ schnell mit dem armen Tropf mit: Im Job läuft es eher mittelmäßig, eine potenzielle Beziehung ist augenscheinlich in weiter Ferne, während finanzielle Probleme zwangsläufig Stress verursachen, was durch (akustische) Unruhe grundlegend verstärkt wird. Notgedrungen hakt Woo-seung bei den Nachbarn nach und ab da beginnt der Knaller-Teil des Streifens.
Denn hier paaren sich grimmiger Zynismus mit handfester Gesellschaftskritik, während der Schritt ins Surreale stets nur einige Zentimeter entfernt scheint. Zudem sind ab diesem Punkt nahezu alle Szenarien möglich, welche von A wie Angststörung bis Z wie Zwangsneurose reichen, wobei selbst eine Verschwörung durch Dritte nie ganz auszuschließen ist. Das Tempo stimmt, es gibt einige Situationskomik und hätte man nach rund 70 Minuten noch eine entsprechend raffiniert Pointe geliefert…
…doch Kim Tae-joon, der das Drehbuch verfasste, wollte offenbar noch ein paar Runden mehr durchs Hochhaus drehen, was ihm in der zweiten Hälfte nur bedingt gelingt.
Zwar konzentriert er sich dabei auf klassische Szenarien des Thrillers, wie dem Ausharren in einem vermeintlich sicheren Versteck, doch das Rätseln um Hintergründe findet weit vor dem eigentlichen Showdown ein Ende. Der vorherige Nervenkitzel ist ein wenig gewichen, obgleich sich immer noch eine gute Handvoll spannender Momente finden.
Insgesamt ist darstellerisch nichts zu beanstanden, der Score liefert eine gelungene Mischung aus Zurückhaltung und Suspense und bis auf kleine Makel beim raren Einsatz von CGI stimmt handwerklich nahezu alles. Inhaltlich stehen sich Ideenreichtum und Zynismus in der ersten Hälfte einer doch arg konventionell geratenen zweiten Hälfte gegenüber, doch wenn man über die üppige Laufzeit von 118 Minuten hinwegsieht, können Genrefans bedenkenlos reinschauen.
7,5 von 10