„Ich bin kein Pferd, dem man die Sporen geben kann!“
Der italienische Regisseur Tanio Boccia war ein echter Genre-Arbeiter: Ab 1960 diente er sich einige Jahre lang dem Sandalenfilm an, um nach einer Ritterromanze und einem Eurospy-Beitrag auf Italo-Western umzusatteln. Hierzulande erlangte sein 1967 gedrehter „Die sich in Fetzen schießen“ als Vorlage der psychedelischen „Willkommen in der Hölle“-Neuverfilmung eine gewisse Bekanntheit, seinen Einstand im Genre feierte er jedoch bereits ein Jahr zuvor mit dem Sergio-Leone-inspirierten „Für eine Handvoll Blei“.
„Mein Colt ist immer bereit und ich halte mein Pulver trocken!“
Familie Griffith terrorisiert eine amerikanische Kleinstadt, bekommt jedoch unangemeldeten Besuch von Kopfgeldjäger Ringo (Rod Dana, „Gigant des Grauens“), der sich als violinespielender Jerry ausgibt und der Familienbande die Möbel geraderückt, indem er deren Spross Spot (Fabrizio Moroni, „Im Staub der Sonne“) mitsamt dessen Männern in Notwehr tötet. Von Familie Drumont, auf deren Ranch nur noch die attraktive Tochter Lisa (Elina De Witt, „Isabella – Mit blanker Brust und spitzem Degen“) zusammen mit ihrem Cousin Steve (Tony Rogers) und ihrer Großmutter (Mary Land, „My American Wife“) lebt, erfährt er vom ganzen Ausmaß der verbrecherischen Griffith’schen Umtriebe, während der feindliche Patriarch Jonathan Griffith (Furio Meniconi, „Kathargo in Flammen“) den Auftragsmörder Baltimore Joe (Gordon Mitchell, „3 Kugeln für Ringo“) anheuert, um Spot zu rächen. Und auch auf Lisa hat es die Bande bald abgesehen…
„Hier fliegt einem verdammt viel Blei um die Ohren!“
Die Exposition könnte klassischer kaum sein: Ein Jüngling tanzt dem Sheriff (Andrea Bosic, „Arizona Colt“) auf der Nase herum; ein fremder Violinenspieler betritt den Saloon, wo eine Prügelei zur Schießerei wird, sich der Fremde als äußerst wehrhaft erweist und dem Jungspund samt dessen Kumpanen eine Lektion erteilt. Bei jenem Jüngling handelt es sich um Spot Griffith, vor dessen krimineller Familie alle Angst haben, da sie ständig Überfälle begeht und ihre Mitmenschen bedroht. Der Fremde, der sich Jerry nennt, lernt Lisa kennen, in die jedoch auch Chester (Alberto Farnese, „Aladins Abenteuer“), Anführer der Griffith-Bande, verliebt ist. Somit spielt nun auch Eifersucht eine Rolle, die – natürlich – in einem Duell „verhandelt“ wird. Und natürlich geht Jerry als Sieger hervor, indem er als echter Revolverheld alle erschießt. Zunächst blieb noch Spot übrig und eigentlich hätte man erwartet, dass es in einem Showdown gegen Ende zu einem finalen Kampf Ringos (wie Jerry eigentlich heißt) gegen Spot kommt. Doch an dieser Stelle überrascht die Handlung damit, dass Ringo kurzerhand auch Spot den Garaus macht und die Handlung um neue Antagonisten ergänzt wird.
So kommt es zur Konfrontation mit Baltimore Joe, die Ringo ebenfalls für sich entscheidet, was schließlich den Sheriff auf den Plan ruft, dem das alles nicht geheuer ist. Er hat Ringos wahre Identität herausgefunden und will, dass er verschwindet. Der Sheriff vertritt damit einen klassischen Konservatismus, der die alten Verhältnisse restaurieren und festigen will. Damit baut er folgerichtig auf Sand, denn dass Chester Ringo dafür in Ruhe lassen werde, entpuppt sich als dreiste Lüge: Ringo wird – ein weiteres klassisches Genremotiv – misshandelt und bis zum Hals eingegraben, um ihn langsam und qualvoll sterben zu lassen. Doch wie in jeder dieser Geschichten ist es ein großer Fehler der Schurken, ihn nicht kurzerhand zu erschießen, und so wird Ringo gefunden und vom alten Petrack (Beniamino Maggio, „Die Gezeichnete“) aufgepäppelt, während Chester für gut Wetter bei Lisa zu sorgen versucht (und ist sie nicht willig, so braucht er Gewalt). So weit, so traditionell, aber auch grundsolide. Interessanter wird die Handlung, wenn Chester eine Hochzeit und ein großangelegtes Mordkomplott plant. Eine Rufmordkampagne ist ein weiterer aufgegriffener Topos: Es wird die Mär kolportiert, Ringo habe Gesetzeshüter auf dem Gewissen.
Der Showdown auf der Hochzeitsfeier, für den sich Ringo mit dem Sheriff verbündet, ist ein würdiges Finale dieses passablen Genrebeitrags, dessen aus Ringos Mund kommende Kalendersprüche spätere Produktionen durch gehobene Sprücheklopferei persiflierten, während hier Lisas mürrische, keifende Oma und Petrack, also wie so oft die Alten, für etwas Humor sorgen. Die streicherlastige musikalische Untermalung changiert zwischen hörenswert angemessen und unpassend fröhlich, während der Handlung das große Überraschungsmoment der Genregrößen ebenso fehlt wie US-Amerikaner Rod Dana und seiner Rolle das Geheimnisvolle bis Abgründige echter Italo-Western-Antihelden und die Handlung nur schwerlich aus dem Wust ähnlicher, sich an „Für eine Handvoll Dollar“ und „Django“ orientierender Drehbücher hervortut.