Es ist schon etwas ungewöhnlich für Hollywood, das Remake eines 22 Jahre alten obskuren südkoreanischen Films in Auftrag zu geben. Aber BUGONIA ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Ursprünglich sollte der Film sogar vom Regisseur des Originals, Jang Joon-hwan, inszeniert werden, landete dann aber im Schoß von Yorgos Lanthimos, der daraus schließlich in Zusammenarbeit mit Drehbuchautor Will Tracy (THE MENU) den Lanthimos-Film BUGONIA machte.
SAVE THE GREEN PLANET! von 2003 war ein wilder Genremix aus Comedy, SciFi, Horror und Drama, der selbst fürs asiatische Kino extrem eklektisch daherkam. Lanthimos’ Film teilt zwar in gewisser Weise die Wildheit des Originals und bleibt auch der Storyentwicklung mit ihren zahlreichen twists and turns treu. Im Gegenteil zu Jang Joon-hwans durchgeknalltem Stilmix inszeniert Lanthimos jedoch mit ruhiger Hand ein in weiten Teilen sehr ernsthaftes und intensives Kammerspiel, das nur gelegentlich ins inszenatorische Extrem ausbricht – beispielsweise in den manipulativen Rückblenden.
Die Achterbahnfahrt, auf die Lanthimos seine Zuschauer mitnimmt, ist vor allem emotionaler Art: Die unterschwellige Stimmung des Films ist stets beunruhigend, wechselt aber mehrmals von belustigend zu beängstigend, von der Farce zum Psychothriller zum blanken Horror.
Zur Handlung: Der Verschwörungsfanatiker Teddy (Jesse Plemons) entführt gemeinsam mit seinem etwas zurückgebliebenen Cousin Don (Aidan Delbis) die Pharma-Chefin Michelle (Emma Stone). Teddy ist sich sicher, dass sie ein Alien vom Planeten Andromeda ist und die Menschheit zerstören will. Sein Plan ist es, zur anstehenden Mondfinsternis durch Michelle eine Audienz beim „Emperor“ Andromedas zu erwirken, um ihn dazu zu bewegen, seine Aliens von der Erde abzuziehen, damit endlich alles wieder gut werde.
Das klingt natürlich absolut absurd, aber die Kunst des Films ist es, den Zuschauer tatsächlich mehrfach den eigenen Standpunkt hinterfragen und wechseln zu lassen. Selten gelang es einem Film außerdem, die „Echokammer“ eines fanatischen Gehirns so transparent und gleichzeitig undurchdringlich zu zeigen. Emma Stones rhetorisch gewandte und durchsetzungsstarke CEO kommt gegen Teddys in „eigener Recherche“ erlangte und zementierte Weltsicht einfach nicht an. Ganz gleich, welche Strategie sie wählt, er kennt alle Argumente und kann sie mit seinen „Wahrheiten“ entkräften. Die sich anbietenden Analogien sind naheliegend, sie reichen von Impfgegnern über religiöse Fundamentalisten und politische Radikale bis zu amerikanischen Präsidenten.
Nicht nur Lanthimos zeigt sich hier auf der Höhe seines Könnens – trotz Verzicht auf die phänomenalen Schauwerte eines POOR THINGS –, auch die Schauspieler sind allesamt fantastisch. Jesse Plemons zeigt erneut, was für ein wandlungsfähiger Darsteller er ist, unberechenbar, selbstsicher, und doch jederzeit schmerzhaft durchlässig. Emma Stone ist erwartet großartig, dass sie sich für den Film on camera die Haare scheren ließ, ist nur konsequent, nach POOR THINGS ist ihr ohnehin alles Körperliche auf der Leinwand zuzutrauen. Sie brilliert hier jedoch vor allem in den Dialogszenen. Michelle ist ein Entführungsopfer, das keines sein will, eine toughe Geschäftsfrau, die es gewohnt ist, argumentativ schnell die Oberhand zu gewinnen und die sich an diesen verblendeten Hinterwäldlern die Zähne auszubeißen scheint. Die psychische und emotionale Anstrengung ist unter der Oberfläche immer spürbar, bis sich irgendwann Frust und Entschlossenheit Bahn brechen. Aidan Delbis, selbst auf dem Autismus-Spektrum, kann in seiner ersten Filmrolle (!) als naiver und von Teddy offensichtlich ausgenutzter Mitläufer neben den Stars bestehen, sein Don ist eine Zeitlang Hoffnungsträger für den Zuschauer, dass es doch noch einen friedlichen Ausweg aus dieser Situation geben möge.
Die Verunsicherung des Zuschauers scheint in diesem Film Lanthimos’ wichtigste Mission zu sein. Hat man bis zum Schluss des Films mitgelitten und mitgefiebert, den Kopf geschüttelt und den Mund weit aufgerissen, so offenbart der Film am Ende einen tiefen Humanismus und entlässt uns mit Bildern, die zu Tränen rühren. Großes Kino.