„Ich will ein Spiel mit dir spielen!“
Zwischen den Fernsehfilmen „Im Schatten“ und „Von Eifersucht besessen“ startete der Schweizer Regisseur Carl Schenkel 1992 mit einer größer angelegten deutsch-kanadisch-US-amerikanischen Koproduktion in die letzte Dekade des Jahrtausends: dem Düster-Thriller „Knight Moves“, dessen Handlung im Schachspieler-Milieu angesiedelt wurde.
„Schach ist ein Spiegelbild des Lebens.“
Während Schach-Profi Peter Sanderson (Christopher Lambert, „Highlander – Es kann nur einen geben“) sich eigentlich auf ein Turnier des Spiels der Könige auf einer US-Insel konzentrieren möchte, treibt ein wahnsinniger Mörder sein Unwesen, der sich scheinbar wahllos Opfer sucht und Peter mit hineinzieht, indem er dessen Bettgespielin Debi (Kehli O'Byrne, „Die Rückkehr der Piranhas“) abmurkst, ihn telefonisch kontaktiert und ihm kryptische Nachrichten u.a. auf Fotos der Leichen zuschickt. Das Ermittler-Duo Frank Sedman (Tom Skerritt, „Alien“) und Andy Wagner (Daniel Baldwin, „Ein ganz normaler Held“) versucht, mit Peters Hilfe den Mörder ausfindig zu machen, ermittelt jedoch in alle Richtungen – auch gegen Peter. Um diesen besser einschätzen zu können, wird die Polizeipsychologin Kathy Sheppard (Diane Lane, „Die Outsider“) hinzugezogen, die mit Peter anbändelt, schließlich jedoch ebenfalls an dessen Unschuld zweifelt. Es stellt sich heraus, dass es sich bei den Morden um eine besonders perfide Variante des Schachspiels handelt. Ist Peter evtl. also doch der Mörder?
Dass hochbegabte Gören, die bereits im zarten Kindesalter auf Schachturnieren glänzen, möglicherweise nicht alle Latten am Zaun haben, unterstreicht der in Schwarzweiß-Ästhetik gedrehte Prolog, eine Rückblende ins Jahr 1972: Zwei Jungen (Codie Lucas Wilbee, „12 Stunden Angst“ und Joshua Murray, „Ich war ein Playmate“) spielen vor Publikum eine entscheidende Partie gegeneinander, woraufhin sich der Verlierer als ein schlechter erweist, neben der Partie offenbar auch den Verstand verliert und sein Gegenüber mit einem Füllfederhalter angreift. Später findet der Wüterich seine Mutter blutüberströmt und beinahe tot in ihrem Bett vor, ihn um Hilfe bittend. Doch stattdessen schnappt er sich sein Schachbrett und vertieft sich ins Spiel. Eindeutiger Fall von autistischem Arschlochkind.
In der Gegenwart spielt Peter Sanderson Schachturniere, hat eine kleine naseweise Tochter (Katharine Isabelle, „Ginger Snaps“), einen blinden Trainer (Ferdy Mayne, „Gebissen wird nur nachts - Happening der Vampire“) und in Debi eine Sexualpartnerin, was Schenkel zum Anlass für eine Erotikszene nimmt. Länger hätte er damit auch nicht warten können, denn kurz darauf wird sie aus dem Drehbuch gemeuchelt: „Remember“ hat ihr Killer mit ihrem Blut an die Wand über ihrem Bett geschmiert, ihr übriges Blut fehlt. Die Ermittler Sedman und Wagner geben je einen klassischen „good cop“ und „bad cop“, als sie einen emotionslosen und sie anlügenden Peter befragen, der kurz darauf vom Mörder kontaktiert wird. Dies nimmt Peter zum Anlass, nun doch mit der Polizei zusammenzuarbeiten, was nun unter denkbar schlechten Vorzeichen steht.
Schenkel lenkt den Fokus nun auf die Ermittlungsarbeit inkl. starker psychologischer Komponente, Psychologe Alan ist zeitweise ebenfalls involviert. Weitere Morde geschehen, die leicht gialloesk in düsterer Ästhetik vorbereitet, jedoch nie gezeigt werden. Stets spielt Licht bzw. dessen Abwesenheit eine Rolle: Der Mörder blendet seine Opfer mit einer Art Blitz. Beim zweiten Mord löscht er das Licht, indem er eine Glühlampe zerquetscht. Auf jeden Mord folgt Kommunikation mit dem Mörder, der auch schon mal eine seiner kryptischen Botschaften in einer Form sendet, die wie ein Faltblatt des Satire-Magazins „Mad“ gelesen werden muss. Von nervigen Hollywood-Klischees kann sich „Knight Moves“ leider nicht befreien und integriert so unglaubwürdigen Quatsch wie die natürlich attraktive Polizeipsychologin Kathy, die Peters rustikalem Charme verfällt. Diese Beziehung wird indes auch genutzt, um Peter erneut in den Kreis der dringend Tatverdächtigen zu rücken, wenn Kathy in seinem Telefonbuch die Opfernamen markiert vorfindet.
Die Spur führt schließlich zu einer Maklerfirma und endlich gewinnt Peter die Erkenntnis, dass der Mörder eine legendäre Schachpartie auf höchst morbide Weise nachspielt – woraus man sich einen Informationsvorteil erhofft, mir als Zuschauer jedoch den Eindruck einer reichlich abstrus konstruierten Handlung vermittelt. Abermals schlägt diese einen Haken und suggeriert erneut eine etwaige Täterschaft Peters, denn der Zuschauer ahnt natürlich, dass es das Durchdreherbalg aus dem Prolog sein muss, weiß aber nicht, welches beider Kinder Peter war… Dies stellt sich erst im Finale mit seinem Showdown in einem überfluteten Hotelkeller heraus, das dennoch – was zu befürchten war – einige Fragen offenlässt und so die eine oder andere Logiklücke nicht ver-, sondern besiegelt.
Den auch an der Produktion beteiligt gewesenen Lambert versucht man dem Publikum hier als hochintelligentes Schach-Ass, kernigen sexy Lover und trauernden Witwer (womit man seine Gefühlskälte zu begründen versucht) zugleich zu verkaufen, was nicht wirklich gelingt und ebenso an der Glaubwürdigkeit krankt wie weite Teile der Handlung. Dennoch gelingt Schenkel recht effektiver Spannungsaufbau, fängt die Kamera einige faszinierende Bilder ein und ahnt man zumindest immer wieder, welche Atmosphäre Schenkel erzeugen wollte, bis sie durch die eine oder andere Plumpheit wieder gefährdet wird. In seinen besten Momenten erinnert dieser Semi-Neo-Noir an David Finchers drei Jahre jüngeren „Sieben“, vor allem, da auch hier ein psychopathologischer Serienmörder seine Opfer „aufbereitet“ zurück- und mit ihrem Blut geschriebene Nachrichten hinterlässt. Auch „Das Schweigen der Lämmer“ scheint immer einmal wieder durch; zwei Pole, zwischen denen „Knight Moves“ jedoch ziemlich zerrieben wird – zeigten doch beide genannten Beispiele, wie man derartigen Stoff wesentlich schlüssiger konstruiert und verkauft.