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„Liebe ist… mit seinem Ofen zu verschmelzen“. So zartfühlend würde wohl ein echter Motorradliebhaber die von ihm eingegangene Symbiose aus Fleisch und Metall umschreiben. Steht man jedoch vor der Aufgabe, die Bindungsfähigkeit der 850cc Norton Commando aus „I Bought A Vampire Motorcycle“ in Worte zu fassen, muss man schon zu härteren Bandagen greifen. In diesem Fall wäre Liebe… vom eigenen Ofen zerteilt, aufgespießt, geschächtet, verschluckt und verdaut zu werden.

Denn in der Maschine aus britischer Manufaktur steckt nicht nur der böse Geist eines Ermordeten, sondern auch der sadistische Einfallsreichtum zweier mittelloser Filmemacher. Mycal Miller und John Wolskel hatten es sich als Produzenten mit kleinstem Budget zum Ziel gesetzt, die dämonische Präsenz eines Vampirs auf ein Motorrad zu übertragen, das einen guten Tropfen Blut jederzeit einem Tank voll Benzin vorziehen würde.

Klar, da denkt man zunächst einmal gleich an den „Vampir aus dem Ferat“ (1982), einen blutsaugenden Skoda 110 Super Sport, der unter der exzentrischen Regie von Juraj Herz allerdings wesentlich subtiler zu Werke ging. Bei unserem rustikalen Zweirad handelt es sich hingegen um eine aufbrausende Persönlichkeit, jawohl, einen echten Hitzkopf von jener Sorte Villain, deren Schandtaten man laut zujubeln möchte, auf dass sich der Tank bis zum Rand und darüber hinaus mit rotem Nährstoff fülle.

Dirk Campbell drehte da jedenfalls in der Hochphase der „bösen Videofilme“ unter DIY-Bedingungen in den Kneipen, Werkstätten und Seitenstraßen von Birmingham eine konsequente Slapstick-Komödie, die ganz genau wusste, was sie ist. Sie tarnt sich mit ihrer körnigen Sleaze-Optik vielleicht als zwielichtiger Horrorfilm, doch wann immer Hauptdarsteller Neil Morrissey mit seinem ungepflegten, zum provisorischen Pferdeschwanz zusammengebundenen Haar und seiner archaischen Biker-Montur vor die Kamera tritt, ist einem automatisch zum Lachen zumute.

Nicht, dass man es mit einer laufenden Comedy-Veranstaltung zu tun hätte, bei der sich ein Witz mit dem nächsten die Hand gibt. Bevor der Regisseur – meist wie aus dem Nichts – den Ballon zum Platzen bringt, lässt er oft minutenlang die verrauschten, kontrastarmen Impressionen der menschenleeren Plätze wirken, die tagsüber von fahlem Herbstlicht und nachts von trostlosen Straßenlaternen oder Rücklichtern beleuchtet werden. Er verzichtet bewusst darauf, seinen Akteuren eine Pistole auf die Brust zu setzen, um eine Dauerversorgung an Gags zu erzwingen. Wenn aber mal einer durchkommt, dann mit der vollen Breitseite typisch britischer Trockenheit. Schon von der Hauptfigur geht ein dezent verschmitztes, chauvinistisches Humorverständnis aus, das mit seiner Verlierer-Ausstrahlung oft noch im gleichen Moment ironisch gebrochen wird. Rund um Morrissey selbst versammelt sich außerdem eine wilde Zusammenstellung schillernder Nebenfiguren, die ihrerseits in unregelmäßigen Abständen zur Situationskomik beitragen. Keiner kann zum Beispiel so fies gucken wie Andrew Powell. Wäre die Vampirrolle nicht an das Bike gegangen, er hätte auch problemlos einen spielen können. Anthony „C3PO“ Daniels bringt als lässiger Priester mit einer gewissen Ähnlichkeit zu Eric Idle einen Hauch Monty Python ins Spiel und Michael Elphick soll sogar Method Acting betrieben haben, indem er Knoblauchzehen kaute, um seine Szenen als Inspektor mit Mundgeruch möglichst authentisch über die Bühne zu bringen… was wohl auch seine Kollegen zu schauspielerischen Höchstleistungen in nur wenigen Takes angestachelt haben dürfte.

Weil die Pointen in der Regel völlig aus dem Nichts kommen, nimmt das Drehbuch bisweilen eine zerstückelte, episodische Form an, was vielleicht auch ein wenig die für einen Genrefilm leichte Überlänge von etwa 105 Minuten (anstatt der üblichen 80-90) erklären könnte. Viele Sequenzen wirken wie aus dem Zusammenhang gerissen; das gilt insbesondere für eine tonal stark vom Rest abweichende Alptraum-Trickszene, in der sich eine Art Mr. Hankey aus der Toilettenschüssel seinen Weg zurück in den Mund seines Erzeugers zu bahnen versucht. Die Arbeit an Masken und Effekten ähnelt in diesem Ausschnitt derjenigen früher Werke von Stuart Gordon und Brian Yuzna; sie lässt die Begeisterung der Ideengeber für Abstrusitäten und Monströses auf jeden Fall spürbar werden. An anderer Stelle gebärt sich der Film als Actionkrimi aus dem Rocker-Milieu, wenn sich ein paar Hell’s-Angels-Mitglieder in einer Bar vom linkischen Helden ordentlich auf die Nase geben lassen. Auch ein Hauch von Rom- und Sitcom liegt in der Luft, wenn der stolze Motorradbesitzer und seine Freundin (nicht auf den Mund gefallen: Amanda Noar) eines ihrer heiteren Beziehungsgespräche führen. Nicht zu vergessen die Exorzismus-Anleihen im letzten Drittel sowie der offensive Umgang mit Vampir-Konventionen, der Kreuze, Lichtbündel und Knobi-Kränze in allen Farben und Formen zu bieten hat. Und dann steht auch noch eine Beerdigung auf dem Plan, der perfekte Nährboden feucht-fröhlicher Trash-Abende… insbesondere, wenn der Sarg hochkant im Beiwagen auf den Friedhof kutschiert wird.

Dieses Nebeneinander unterschiedlichster Segmente führt zwar zeitweise zu gewissen Tempoproblemen und damit Durchhängern, doch insgesamt funktioniert all das aus zwei Gründen besser als man erwarten würde. Erstens wird der große Rahmen nie aus den Augen verloren. Morrissey bleibt durchgehend im Mittelpunkt und das nächtliche Treiben seines fahrbaren Untersatzes steuert geradewegs auf ein fest definiertes Filmende zu, mit Endkampf, offenem Schluss und allem drum und dran. Zweitens, und hier kommt neben der Regie nun auch die Effekte-Crew zu ihren verdienten Lorbeeren, ist ein jeder Abschnitt mit Leidenschaft, absoluter Willenskraft und der Lust an der Überraschung, ja fast schon der Überrumpelung des Zuschauers umgesetzt. Obwohl das Geld an allen Ecken und Enden fehlte, fliegen die Gummi-Extremitäten und spritzen die angerührten Liter Kunstblut nur so durch die Luft, dass es eine wahre Freude ist – wenn auch in einem moderaten Rahmen. Die gelegentlichen Gore-Highlights ergeben außerdem einen hübschen Kontrast zu der mechanischen Anmutung und Präsentation des Motorrads. Dessen Fahr- und Angriffs-Stil mutet durch die Nutzung einer Plattform mit Hebelwirkung unterhalb des sichtbaren Bildausschnitts etwas unbeholfen an, dadurch aber eben auch herrlich charmant und einfallsreich. Motorrad-Tüftler Steve Watts sorgt mit martialischen Metall-Erweiterungen (spitze Nieten, die aus dem Tankdeckel wachsen, rotierende Zylinder an den Felgen, verdrehte Lenkstangen, die an Dämonenhörner erinnern) für ein mutierendes Erscheinungsbild der Norton, die sich vom Standard-Modell langsam in ein abstraktes Monster verwandelt. Obgleich sich die Persönlichkeitsentwicklung des motorisierten Blutschluckers in Grenzen hält (hauptsächlich wird sie durch beherzte Motor-Grunzgeräusche erzeugt), macht es dennoch Spaß zu sehen, wie sie die Verhaltensweisen eines klassischen Vampirs imitiert und letztlich auch mit den Waffen eines Van Helsing bezwungen werden kann… oder doch nicht?

Im schmissigen Originaltitel „I Bought A Vampire Motorcycle“ steht im Grunde bereits alles drin, was man wissen muss: Hier wird der Elefant im Raum nüchtern konstatiert und mit eben dieser Nüchternheit auch gleich knatternd über die Ziellinie gefahren. Diesem Low-Budget-Streifen gelingt es unverschämt leicht, dass man ihm Dinge verzeiht, die man anderen Produktionen seiner Art um die Ohren hauen würde. Überflüssige Szenen, durchwachsene Dramaturgie… alles halb so wild, weil es am Ende eben doch der Zuschauer ist, der zuletzt lacht.

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