In der Geschichte des Films wurde das Prädikat "schlechtester Film aller Zeiten" schon häufig erteilt. So verliehen beispielsweise die Medveds in den "Golden Turkey Awards" jene Auszeichnung an Ed Woods wundervollen "Plan 9 from Outer Space". Durch Joel Hodgsons vorzügliche Serie "Mystery Science Theater 3000" kamen Connaisseure des schlechten Geschmacks in den zweifelhaften Genuss des Bodensatzes des B-Movies der 50er und 60er Jahre wie "Monster A-go go", den nihilistischen Schlaftabletten von Coleman Francis oder "Manos: The Hands of Fate", welcher in manchen Kreisen "Plan 9" längst abgelöst hat. Doch auch unter Produktionen mit deutlich höherem Budget finden sich einige legendäre Machwerke von fragwürdiger Qualität, ob nun "Battlefield Earth", welcher - wie von Kritikerlegende Roger Ebert vorhergesehen - zur Pointe zahlreicher Diskussionen zu diesem Thema wurde, oder fürchterliche Fortsetzungen vom Schlage eines "Highlander 2: The Quickening" oder "Exorcist II: The Heretic".
Ob die oben genannten Filme dieses Prädikat nun verdient haben oder nicht sei mal dahingestellt (zumindest "Plan 9" ist viel zu charmant und mit ehrlicher Begeisterung gemacht für eine solche Diskussion), doch was Amazon im Jahre des Herren 2025 auf der eigenen Streamingplattform veröffentlicht hat, schlägt dem Fass den Boden aus.
Aufgrund abgelaufener Urheberrechte versuchte sich das Studio an einer Neuinterpretation von H.G. Wells' Science Fiction Klassiker "Krieg der Welten", allerdings nicht als typischer "Alien Invasion" Kracher wie Spielbergs Verfilmung des Stoffes von 2005 oder der revolutionären ersten Version von 1953, sondern als sogenannter "Screenlife Film" wie "Searching" oder "Unfriended" - beide ebenso wie der hier besprochene Film mit Beteiligung von Produzent Timur Bekmambetov.
Zugegeben, die Idee, dem betagten Science Fiction Klassiker einen neuen Anstrich zu verpassen, ist nicht per se schlecht, insbesondere das Format als "Screenlife Film" böte durchaus Potential für ein kontemporäres Äquivalent zur Orson Welles Adaption des Stoffes als Radiostück von 1938. Doch leider, werter Leser, bleibt es bei jenem grundsätzlich interessanten Ansatz, denn die Umsetzung spottet jeder Beschreibung und stellt eine Bruchlandung in wirklich jeder Disziplin dar, wie sie die Filmwelt noch nicht gesehen hat.
Das fängt schon bei den Schauspielern an. Der Film soll größtenteils von Ice Cube als Will Radford (im Film scheinbar einziger Mitarbeiter der DHS) getragen werden. Der gute Mann ist nun nicht unbedingt als Leinwandgröße bekannt, stattdessen werden Trash Fans ihn wohl noch aus "Ghosts of Mars" oder der kläglichen Fortsetzung von xXx kennen. Doch Ice Cube scheitert nicht nur, er liefert eine Vorstellung ab, welche in den Geschichtsbüchern verewigt werden muss. Über nahezu die gesamte Laufzeit sitzt unser Eiswürfel vor seinem Computer im DHS Hauptquartier und reagiert auf außerirdische Invasoren und Schicksalsschläge in Nachrichtensendungen oder Videoanrufen mit dem gleichen Elan, welchen man bei Footballfans bei der Übertragung eines x-beliebigen NFL Spiels erwarten könnte. Und wenn Herr Cube bei einem Zoom Meeting der wichtigsten Akteure der USA eine Zusammenfassung der Lage liefert, dann merkt man, wie gnadenlos fehlbesetzt der arme Kerl ist. Auf dem Filmplakat ist eine gewisse Ähnlichkeit zu Jeffrey Wright nicht abzustreiten - vielleicht hätte er ja der Rolle eine gewisse Würde verleihen können.
Eva Longoria und Clark Gregg sind die einzigen restlichen Schauspieler/-innen, welche als namhaft bezeichnet werden könnten. Viel zu tun haben die beiden nicht, und man kommt nicht umhin zu vermuten, dass ihre Auftritte (ebenso wie die der anderen Datsteller) während der COVID-19 Pandemie gefilmt wurden, wahrscheinlich für einen gänzlich anderen Film, welcher erst im Nachhinein den "War of the Worlds" Stempel aufgedrückt bekam, um arglose Filmfans in die Falle zu locken.
Diesen Kuddelmuddel Eindruck kann man auch bei den Effekten gewinnen. Die Tripods sollten eigentlich der Scene-Stealer einer WotW Verfilmung sein, vor allem in Spielbergs Fassung hatten sie durch CGI und Sound Design einen wirklich denkwürdigen Auftritt erhalten. Da der Film nunmal als Screenlife Interpretation angedacht ist, sieht der Zuschauer keine traditionellen Schlachten, sondern vielmehr TV Nachrichten und Videoanrufe aus Ice Cubes Sicht, in denen alle Jubeljahre ein Tripod zu sehen ist - mal verpixelt, mal durch Shaky Cam verborgen. Die Qualität des CGI für die ikonischen Kriegsmaschinen ist erbärmlich, sogar auf der in Ehren ergrauten PlayStation 4 müsste sich ein Entwickler dafür schämen, derart schlecht animierte, scheinbar gewichtslose und nicht einmal ansatzweise in die Umgebung passende Objekte anzubieten. Von den Raumschiffen der Invasoren abgesehen ist noch eine Szene hervorzuheben, in der ein Fighterjet abgeschossen wird - die dargebotene Qualität schießt selbst den Vogel ab. Und sonst? Archivaufnahmen diverser amerikanischer Sender sowie ins wackelnde Handy glotzende Schauspieler sollen uns den Eindruck vermitteln, die Erde würde gerade von den Marsianern überrant werden - wie passend, dass in einer Szene, in welcher das Ausmaß der "Zerstörung" zu Sprache kommt, eine völlig normale Verkehrssituation einer beliebigen Innenstadt zu sehen, verdächtigerweise ohne einen Hauch von Zerstörung. Das ist einfach nur noch frech, dass die reichste Firma der Welt so etwas als Alien-Invasion Film anpreist, das ist nahe an der Arbeitsverweigerung (und könnte locker von jedem unabhängigem Filmemacher besser nachgeahmt werden). Es ist schockierend, dass so etwas allen Ernstes als "Film" durchgeht und dabei auch noch 65 Millionen Dollar (!!!!) verbraten worden sind.
Doch wie so oft ist es auch hier ein unsägliches Drehbuch, welches die ganze Chose endgültig in den Abgrund zieht. Effekte und schauspielerische Leistungen waren schon kläglich genug, doch der Schwachsinn, den uns Kenneth A. Golde und Marc Hyman hier präsentieren, spottet jeder Beschreibung. Da wäre zum einen die Tatsache, dass Will Radford scheinbar der einzige Mitarbeiter der Homeland Security ist und von seinem Supercomputer jedes digitale Gerät (und soga den Kühlschrank seiner Tochter) überwachen kann. Dann wäre da noch die unglaubliche Leistung des Drehbuchs, das Raum-Zeit Gefüge völlig außer Kraft zu setzen. Von der ersten Sichtung der Invasoren bis zum gemeinsamen Gegenschlag der Regierungen der Welt vergehen scheinbar maximal 15 Minuten, und nach knapp 90 Minuten ist die Bedrohung aus der Welt geschafft, ohne dass Zeitsprünge wirklich klar erkennbar wären (die Crux am Screenlife Format). Dass Golde und Hyman fast schon unverschämt in der Klischee Kiste kramen und uns den trauernden Witwer mit Kontrollzwang, den ungeliebten Schwiegersohn, die erfolgreiche Tochter und den Versagersohn servieren? Geschenkt, war ja so zu erwarten. Richtig übel ist jedoch, dass Bruder Zufall scheinbar überall seine Finger im Spiel hat. Wie sonst ließe sich erklären, dass nicht nur Will Radford selbst, sondern auch Tochter, Sohn und Schwiegersohn allesamt genau die Fähigkeiten besitzen, um den Aliens den gar aus zu machen? Dass die Dialoge auch an Debilität kaum zu überbieten sind, versteht sich fast von selbst. Ein Skript für die Tonne.
Aber reicht das alles aus, um "War of the Worlds" als schlechtesten Film aller Zeiten zu deklarieren? Vielleicht noch nicht, aber neben der peinlichen, billigen Machart und der Inkompetenz in allen filmischen Bereichen kommt hier nun das dunkle Geheimnis des Streifens zum Vorschein: "War of the Worlds" stellt in der langen Geschichte des Mediums Film den wohl unverschämtesten und jämmerlichsten Fall von Product Placement, und das mit weitem Abstand. Bill Cosby wurde einst für eine schamlos platzierte Coca Cola Dose in "Leonard Part 6" kritisiert, in "Double Team" rettete ein Coca Cola Automat Dennis Rodman und Jean-Claude van Damme und in Madame Web wurde der Schurke u.a. durch eine Pepsi Werbetafel besiegt. Doch in diesem Streifen ist es nicht nur eine Szene. Der gesamte Film ist von unsäglicher Produktplatzierung durchzogen - ob Zoom oder Facebook, kaum eine Szene kommt ohne Firmennamen aus. Doch wie sollte es anders sein, Amazon selbst erklimmt den Gipfel der Peinlichkeit. Beispiele gefällig? Will Radfords Schwiegersohn ist Auslieferungsfahrer für Amazon. Unschön, aber gegebenenfalls noch erträglich. Wenn jedoch das Finale des Films darauf aufbaut, dass eben jener Fahrer mithilfe einer von Amazon verwendeten Drohne einen über die Plattform bestellten USB Stick in das DHS Hauptquartier liefert, erübrigt sich jede Diskussion. Das ist an Dreistigkeit nicht mehr zu überbieten, zumal auch ein Obdachloser mit einem 1000 Dollar Amazon Gutschein davon überzeugt wird, die abgestürzte Drohne wieder aufzurichten. Und nein, es handelt sich dabei nicht um eine Parodie. Der Film will ernstgenommen werden.
Dazu passt die Scheinheiligkeit des Finales. Wie sich herausstellt, wollen die Außerirdischen uns nicht wie im 2005er Film "ernten", sondern vielmehr ernähren sich die techno-organischen Wesen von Daten. Und da laut Drehbuch Daten unsere wichtigste Ressource sind, ist es nur logisch, dass die Aliens ausgerechnet die Erde als Ziel ihrer Invasion ausgewählt haben, denn der Überraschungsschurke des Films leitet ein geheimes Projekt, welches Daten zu allen lebenden Menschen sammeln soll - was Will natürlich schockiert. Doch genau hier liegt der Hund begraben: der Mann verfolgt seine Kinder auf Schritt und Tritt über Kameras, Handys etc. und weiß sogar exakt, welche Nahrungsmittel samt Nährwerten seine Tochter jeden Tag zu sich nimmt, aber über dieses Goliath Programm echauffiert sich der werte Herr? Und wie perfide ist es, wenn ausgerechnet Amazon das Sammeln von Daten anprangert?
In meinen Augen stellt dieses Machwerk einen absoluten Tiefpunkt der Filmgeschichte dar. Hier war kein Amateur am Werk, um irgendeinen Monsterstreifen fürs Autokino runterzukurbeln; hinter diesem Film steckt ein unermesslich reiches Unternehmen, welches wie schon erwähnt über 60 Millionen Dollar in diese Vollkatastrophe investiert hat. Das Maß an Inkompetenz in wirklich jedem Bereich ist nahezu einzigartig für einen Big Budget Film, und in Verbindung mit der schäbigen Produktplatzierung und Selbstbeweihräucherung des Studios ergibt das ein Werk für die Geschichtsbücher, das sogar "Battlefield Earth" unterbietet. Sogar 1 Stern ist hier zu viel der Ehre.