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In seinem bisher letzten Langspielfilm „Inland Empire" ließ Hollywoods Kult-Surrealismus-Regisseur David Lynch neben allerlei anderen Absonderlichkeiten auch eine eher finstere und beklemmende Hasenfamilie - gespielt von Darstellern in braunen Hasenkostümen - auftreten. Diese Storyline basiert auf einer Reihe von eigenständigen Kurzfilmen, die 2002 wiederum zu einem Film zusammengeschnitten wurden: „Rabbits" nimmt den Stil des späteren Werks vorweg und versetzt den Zuschauer für 43 atemlose Minuten in eine surreale Parallelwelt, die aus einem einzigen karg eingerichteten Wohnzimmer auf einer dunklen Bühne besteht. Die Hasenfamilie, bestehend aus Mutter, Vater und fast erwachsener Tochter, geht ihrem bizarren Alltag nach, der aus langem Schweigen, seltsamen Dialogen und so unerklärlichen wie unheimlichen Ereignissen besteht.

Das wirklich Bizarre dabei aus heutiger Sicht: Wer den dreistündigen „Inland Empire" nicht kennt, wird mit diesem Werk wohl eher wenig anzufangen wissen. In welchem Kontext die furchteinflößende Hasenfamilie dort auftaucht, ist von essenzieller Bedeutung für das zumindest teilweise Verständnis von „Rabbits"; zumindest erlangt es eine größere Tiefe in diesem Zusammenhang. Was nicht heißt, dass man hier mit dem Verstand sonderlich viel zu verstehen hat: Das bizarre Setting, die unerklärlichen, realitätsfernen Handlungsweisen der Agierenden und die über sie und den Zuschauer hereinbrechenden mystischen Ereignisse stecken voller Symbolik und Metaphorik, erschließen sich aber eher emotional als rational.

Auch wenn es hier durchaus einiges zu analysieren gibt: Dem aufmerksamen Zuschauer fällt etwa bald auf, dass die scheinbar zusammenhanglosen Dialoge tatsächlich sehr clever konstruiert sind: Antworten auf gestellte Fragen werden nur mit reichlicher Verzögerung gegeben, nachdem schon viele weitere Sätze und Satzfetzen gefallen sind, auf die wiederum mit Verzögerung reagiert wird. Wie ein falsch zusammengesetztes Puzzle ergeben die Dialoge durchaus einen gewissen Sinn, wenn man ihre Reihenfolge im Geiste durcheinander wirbelt. Dieses Bild einer dysfunktionalen Familie und ihrer gestörten Kommunikation passt ziemlich gut ins Oeuvre von Lynch, der nicht nur mit seinen Werken rund um „Twin Peaks" derlei prototypische Szenarien zu dekonstruieren wusste.

Stichwort „Twin Peaks": Ähnlich wie er es in der Serie mit der Telenovela getan hatte, wird in „Rabbits" die US-Sitcom auf bizarre Weise parodiert: Der statische Handlungsort auf einer Bühne wird als künstlich untermauert, indem an den unpassendsten Stellen Publikumsgelächter eingespielt wird - und Applaus jedes einzelne Mal, wenn der Hasenvater oder ein anderes Mitglied der Familie durch die Tür kommt.

Dies jedoch bleiben die am ehesten zu durchschauenden Versatzstücke dieses surrealen Vexierspiels. Die extrem düstere, mehr und mehr beängstigende Atmosphäre - die gegen Ende in einem albtraumhaften Angstschrei zu blitzendem Stroboskoplicht eskaliert - zieht einen durchgehend in den Bann; die schwer zu entschlüsselnden Monologe der in regelmäßigen Abständen einzeln auftretenden Figuren lassen einen jedoch eher ratlos zurück, ebenso wie die Auftritte einer übersinnlichen, mit simpler Überblendungstechnik eingespielten Monster-Hasengestalt. Wer Lynchs Werke kennt, weiß, dass er hier mit dem Verstand nur bedingt weit kommt bzw. nur einen Teil der Metaphorik zu durchschauen vermag.

Diese 43 Minuten sind voller gestopft mit Symbolik und schwerer Mystik als so mancher abendfüllende Spielfilm. Mit vergleichsweise einfachen Mitteln, statischer Kamera (nur ein einziges Mal wechselt das Szenenbild zu einer Nahaufnahme auf ein klingelndes Telefon - und selten hat man in einem Film ein so gruseliges klingelndes Telefon erlebt) und streng komponierten Dialogen und Bewegungen der Figuren lässt Lynch hier ein kryptisches Vexierspiel erstehen, das auf den Spuren der Rätsel aus „Inland Empire" wandelt - man weiß nur nicht so richtig, wie. Für Fans und offene Geister ein spannendes Erlebnis, aber in jedem Fall mit Vorsicht zu genießen.

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