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Als actionaffiner Videothekenkunde kam man in den 1980er- und 1990er-Jahren an Namen wie Michelle Khan (aka Michelle Yeoh), Moon Lee, Cynthia Khan, Sibelle Hu, Cynthia Luster (aka Yukari Ôshima) und Jade Leung nicht vorbei. Drei dieser schlagkräftigen, trittsicheren und schießwütigen Deadly Asia Dolls spielen die Hauptrollen in Tony Liu Jun-Guks Dreaming the Reality, hierzulande bekannt unter dem Titel Blood Sister. Tatsächlich kennen all diejenigen, die sich die hiesige Videoveröffentlichung von Splendid Video (frei ab 18 Jahren) zu Gemüte geführt haben, nur etwa 89 Prozent des Filmes, da sage und schreibe mehr als elf Minuten der Zensurschere zum Opfer fielen. Ja, es ist ein regelrechtes Schnittmassaker, das man hier veranstaltet hat, wobei die Anzahl der entschärften Szenen (es sind runde fünfzig) dem hohen Bodycount des Filmes ernsthafte Konkurrenz macht.

Silver Fox: "Sister, what will you do if one day I die?"
Black Cat, nach kurzer Überlegung: "Die with you."

Seit frühester Kindheit werden Silver Fox (Moon Lee Choi-Fung) und Black Cat (Yukari Ôshima) von ihrem strengen Pflegevater Fok (Eddy Ko Hung) beinhart trainiert. Fok ist ein skrupelloser Gangsterboß, mit dem nicht gut Kirschen essen ist. Wer auch nur den Anschein erweckt, ihn zu hintergehen oder gar einen Auftrag in den Sand setzt, wird von seinen Schergen gnadenlos abserviert. Silver Fox und Black Cat sind seine Star-Killer, folgen seinen Anweisungen aufs Wort und haben ihn noch nie enttäuscht. Doch das wird sich nun ändern. Nach einem Attentat auf einen von Foks Konkurrenten geht ein Kleinbus voller fröhlicher Schüler in Flammen auf. Die verbrannten Kinder sind ein Kollateralschaden, der weder Fok noch Black Cat etwas ausmacht. Bei Silver Fox allerdings regt sich erstmalig das Gewissen und sie hat deswegen heftige Alpträume. Etwas später bekommen die beiden Killer den Auftrag, in Bangkok eine Floppy Disk abzufangen, auf der sich Beweise gegen ihren Ziehvater befinden. Die Mission verläuft alles andere als reibungslos, es kommt zu einer wilden Schießerei im Bahnhofsgebäude, und bei der Flucht werden Silver Fox und Black Cat getrennt. Erstere, welche die Diskette bei sich hat, erleidet einen Unfall und verliert das Gedächtnis. Sie wird von der ehemaligen Polizistin Si Lan-Fa (Sibelle Hu Hui-Zhong) und ihrem thaiboxenden Bruder Rocky (Ben Lam Kwok-Bun) aufgenommen und gesund gepflegt. Fok gefällt es natürlich gar nicht, daß sein Schützling samt Diskette verschwunden ist. Er wittert Verrat, womit die Jagd auf Silver Fox eröffnet ist. Und schließlich stehen sich Silver Fox und Black Cat, die "Blood Sisters", Auge in Auge gegenüber.

Dreaming the Reality ist ein insgesamt sehr gelungener Actionstreifen, der sich jedoch leider einige Zeit in seinem viel zu lang ausgewalzten zweiten Handlungsstrang verzettelt. Für eine gute Dreiviertelstunde laufen die beiden Erzählebenen um Silver Fox und Black Cat bzw. Si Lan-Fa und Rocky parallel ab, wobei letztere die an und für sich rasant erzählte Geschichte immer wieder zum Stillstand bringt. Drei Thaiboxkämpfe werden uns da präsentiert (der zweite davon ist ziemlich lang geraten), welche für die Handlung kaum relevant sind. Und auch die Szenen mit dem Wettmafioso Chin, der Rocky ständig drangsaliert, weil dieser bei seinen zwielichtigen Geschäften nicht mehr mitspielen will, sind lange Zeit uninteressant und fast schon nervend. Glücklicherweise führt ausgerechnet diese lahme Storyline zu einer der besten Szenen des Filmes. Als Chins Männer Si Lan-Fas kleines Pub in Stücke schießen, versteckt sich Silver Fox erst mal verängstigt unter einem Tisch. Plötzlich fällt ihr eine Waffe vor die Füße, sie gewinnt schlagartig die Erinnerung zurück, wandelt sich vom ängstlichen Schmusekätzchen zur wilden Killerkatze und streckt die gesamte Truppe im Alleingang nieder. Eine tolle, wuchtige Actionsequenz, die sich auch in einem John Woo-Film gut gemacht hätte. Überhaupt ist die abwechslungsreiche Action in Dreaming the Reality erste Sahne, da haben Genrefans keinen Grund zur Klage. Egal ob blutige Shootouts, dynamische Verfolgungsjagden, heftige Explosionen, brutale Fights, geile Stunts... das alles ist kompetent und übersichtlich in Szene gesetzt und punktet mehr mit Energie und Power als mit Realismus (immer wieder erstaunlich, was Menschen so alles einstecken können). Und der explosive Showdown in einem verminten Tempel rundet die Chose perfekt ab.

Moon Lee, Yukari Ôshima und Eddy Ko agieren gewohnt gut, wobei besonders das Zusammenspiel der beiden Blutsschwestern überzeugt. Ausgesprochen durchwachsen ist hingegen die Performance von Sibelle Hu, da diese nicht nur einen auf Chow Yun-Fat für Arme macht, sondern auch für einige, aus meiner Sicht höchst unnötige Comedy-Einlagen sorgt (Stichwort: Si Lan-Fas "Klavierkünste"). Immerhin macht sie mit der Knarre in der Hand eine gute Figur. Die in den Heroic Bloodshed-Filmen immer wiederkehrenden Themen wie Loyalität, Ehre, Moral und (Bluts-)Brüder/Schwestern, die auf verschiedenen Seiten stehen, werden natürlich auch in Dreaming the Reality aufgegriffen. Allerdings droht die viele Action die emotionale Komponente zu erschlagen. Erst mit der Konfrontation der beiden "Schwestern" kommen die geschürten Emotionen auch beim Zuseher an, welche sich mit den folgenden Twists dann sogar noch spürbar verstärken. Und da man am Schicksal der Figuren endlich Anteil nimmt, entwickelt sich die letzte halbe Stunde des Streifens zu richtig großem Actionkino. Tony Liu Jun-Guk war seit Mitte der Siebziger bis zur Jahrtausendwende als Regisseur tätig. Neben Dreaming the Reality, den Leo Moser in seinem 2001 erschienenen Eastern Lexikon auf Seite 66 als "einer der besseren Filme aus der Flut feministischer Actionreißer" bezeichnet, gehen unter anderem auch Killing Angels (1989), The Holy Virgin Versus the Evil Dead (1991) und Angel Terminators 2 (1993) auf seine Kappe.

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