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Vom Fiebertraum zum Leerlauf

Es gibt Entscheidungen im Kino, die wirken, als habe jemand die falsche Tür genommen. Darren Aronofsky, dieser ewige Beschwörer des Abgrunds, dieser Spezialist für schmerzvolle Intensität, hat sich für seinen neuesten Film genau für eine solche Tür entschieden. Dahinter lag nicht die nächste psychologische Höllenfahrt, kein metaphysisches Kammerspiel, keine Körper-Oper. Sondern: ein Gangster-Thriller. Caught Stealing heißt das Experiment, basierend auf dem Roman von Charlie Huston. Auf dem Papier klingt das spannend: Aronofsky nimmt sich ein Genre vor, das er bisher gemieden hat, und mischt die vertrauten Codes des Gangsterkinos mit seiner Obsession für extreme Figuren. Doch das, was man im Kopf vielleicht noch als kühne Verheißung imaginiert, zeigt sich auf der Leinwand als erstaunlich blasser Versuch.

Aronofsky bleibt Aronofsky – aber nicht genug, um den Film mit seiner Handschrift zu prägen. Gleichzeitig will er Ritchie oder Tarantino sein – aber ohne deren Coolness oder Biss. Herausgekommen ist ein Werk, das weder das eine noch das andere ist. Caught Stealing ist Kino, das nicht kracht, nicht fliegt, nicht einmal stolpert – sondern einfach dahinläuft. Es ist Kino im Niemandsland, solide und punktuell unterhaltsam, insgesamt jedoch unauffällig. Ein Aronofsky, der sich in fremdem Terrain verliert und ausgerechnet in der gefährlichsten Zone für einen Filmemacher wie ihn: der Durchschnittlichkeit.

Ein Puzzle ohne Rhythmus

Das größte Problem zeigt sich bereits am Fundament: dem Drehbuch. Hustons Vorlage hätte durchaus das Zeug zum packenden Thriller: ein heruntergekommener Ex-Baseballspieler, der in die Gewaltspirale einer kriminellen Unterwelt hineingezogen wird, abgedrehte Gestalten, viel Blut, noch mehr Chaos. Doch was Aronofsky daraus formt, wirkt wie ein seltsam mechanischer Hybrid und die Adaption fühlt sich an wie ein Flickenteppich. Die Szenen reihen sich aneinander, ohne einen organischen Erzählfluss zu entwickeln. Man hat ständig das Gefühl, dass Aronofsky von einer abgefahrenen Situation zur nächsten springen will, ohne wirklich zu wissen, wie er dorthin kommt. Verfolgungsjagden, Prügeleien, groteske Begegnungen – alles ist da, aber nichts hat rhythmische Kohärenz.

Wo Guy Ritchie einen rauschhaften Flow erzeugt, bei dem jede Figur, jede Szene und jeder Dialog wie Zahnräder ineinandergreifen, stolpert Aronofsky von Bild zu Bild. Der Film wirkt konstruiert, beinahe mechanisch, als ob er permanent die Checkliste eines Gangsterfilms abarbeitet: durchgeknallter Schurke? Haken dran. Missratene Verfolgungsjagd? Haken dran. Unerwartete Gewaltspitze? Haken dran. Schräge Wendung? Haken dran. Doch aus der Summe dieser Einzelteile entsteht keine lebendige Erzählung, sondern ein Puzzle, das nie so richtig zusammenpassen will.

Zwischen Noir und Groteske

Aronofsky ist eigentlich ein Meister der thematischen Schwere. Er seziert Obsessionen, Körper, Glaubensfragen. Doch in Caught Stealing bleibt das alles erstaunlich oberflächlich. Klar, es geht um Schuld, Gewalt, Überleben, und irgendwo im Hintergrund flackert die Frage, wie ein durchschnittlicher Typ in einen Strudel aus Wahnsinn und Kriminalität geraten kann. Aber das alles bleibt aufgesetzt, wie ein Kostüm, das dem Film nicht passt. Es fehlt die Tiefe, es fehlt die Handschrift. Ein Aronofsky-Film ohne Sog, ohne Abgrund – das ist wie ein Thriller ohne Spannung: schlicht unvollständig.

Die Atmosphäre schwankt zwischen düsterem Noir, ironischem Comic und routiniertem Crime, schafft es aber nie, eine eindeutige Identität zu entwickeln. Mal wirkt es, als wolle der Film existenziellen Tiefgang behaupten, dann wieder, als wolle er nur mit schrägen Typen unterhalten. Am Ende steht eine Atmosphäre, die mal düster, mal verspielt, mal brutal wirken will – und dabei genau das nicht schafft, was Aronofskys bisherige Filme so stark gemacht hat: eine unverwechselbare Stimmung zu erzeugen. Das Ergebnis ist ein Hybrid, der weder packend düster noch ironisch leichtfüßig funktioniert.

Coolness auf Sparflamme

Aronofsky ist ein Bildmagier, aber auch hier merkt man, dass er mit angezogener Handbremse fährt. Statt visionären Sequenzen bekommen wir Standardkost: shaky cam in Actionszenen, Neonlichter in Bars, rasante Schnitte in den Verfolgungsjagden, ein paar stilisierte Gewaltmomente. Alles ist kompetent, aber nichts bleibt wirklich hängen. Besonders auffällig ist der fehlende Drive. Ein Gangster-Thriller muss rauschen, drängen, explodieren. Er braucht Tempo, eine innere Getriebenheit, dieses Gefühl, dass die Geschichte wie eine tickende Bombe vorwärtsdrängt. Doch Caught Stealing bleibt statisch und tritt auf der Stelle. Szenen ziehen sich, Dialoge verpuffen, und wenn es dann mal kracht, wirkt es mehr wie ein isolierter Knall als wie der Höhepunkt einer spannungsvoll aufgebauten Szene.

Hinzu kommt der Humor – oder besser gesagt: das Fehlen desselben. Für einen Film, der sich ganz offensichtlich in der Tradition schwarzhumoriger Gangsterstreifen verortet, fehlen die wirklich scharfzüngigen Dialoge. Die Pointen sind zu zahm, die Sprüche zu glatt, um hängen zu bleiben. Es fehlt die Bissigkeit, die einen guten Gangsterfilm über die reine Gewalt hinaus trägt.

Dass Caught Stealing nicht vollends in der Belanglosigkeit versinkt, liegt am Ensemble. Allen voran Austin Butler. Nach Elvis und Dune: Part Two beweist er erneut, dass er nicht nur ein hübsches Gesicht mit markanter Stimme ist, sondern auch die verletzliche, zerrissene Seite eines Charakters herausarbeiten kann. Wo andere nur Coolness gespielt hätten, zeigt er auch Angst, Verzweiflung, Schuld. Sein Protagonist wirkt echt, greifbar, manchmal sogar berührend – und damit ist er fast zu gut für das schwache Gerüst des Films. Matt Smith sorgt als durchgeknallter Punk für den dringend benötigten Energieschub. Seine Performance ist laut, exzentrisch, übertrieben – und gerade deshalb unterhaltsam. Er bringt jene irrwitzige Note ein, die der Rest des Films so schmerzlich vermissen lässt. Zoë Kravitz überzeugt mit lässiger Eleganz, auch wenn ihre Figur eher schmückendes Beiwerk bleibt. Vincent D’Onofrio bringt die gewohnte Wucht, selbst wenn er nur sitzt und schweigt. Und Liev Schreiber gibt seiner Rolle eine Gravitas, die fast deplatziert wirkt – als sei er aus Versehen in ein Shakespeare-Drama hineingeraten.

Fazit

Am Ende bleibt Caught Stealing ein Film, der sich nie wirklich entscheiden kann, was er sein will. Für einen kompromisslosen Thriller ist er zu zahm, für eine schwarze Komödie zu unlustig, für ein intensives Drama zu oberflächlich. Darren Aronofsky wagt sich mutig auf neues Terrain, doch er verliert dabei genau jene Stärken, die ihn sonst auszeichnen: die obsessive Tiefe, den visuell unverwechselbaren Zugriff, die emotionale Wucht. Stattdessen versucht er sich in einem Genre, das anderen Regisseuren besser liegt – und das Ergebnis wirkt eben wie eine „Möchtegern-Guy-Ritchie-Geschichte“, ohne jemals an dessen Coolness oder erzählerische Eleganz heranzureichen.

Dass der Film nicht komplett scheitert, verdankt er seinem Cast. Austin Butler ist ein verlässlicher Anker, Matt Smith sorgt für Energie, und auch die übrigen Schauspieler liefern durchweg gute Arbeit. Doch all das reicht nicht, um den Film aus dem Sumpf der Durchschnittlichkeit zu ziehen. So bleibt Caught Stealing ein Film im Nirgendwo. Man schaut ihn, man zuckt mit den Schultern, man vergisst ihn. Für Aronofsky, der sonst für Filme sorgt, über die man noch Jahre später spricht, ist das fast schon die härteste Kritik: austauschbar zu sein.

























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