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In der palästinensischen Rotkreuz-Notrufzentrale geht ein Anruf ein: Ein sechsjähriges Mädchen sitzt in einem evakuierten Gebiet im Gazastreifen fest, ihr Auto ist unter Beschuss, ihre Familie bereits tot – die Kleine ist mit sechs blutigen Leichen im Wagen. Nur acht Minuten ist der nächste Rettungswagen entfernt. Doch ohne Genehmigung durch diverse Behörden kann die Rettungsfahrt zur Todesfahrt werden. Die kommenden knapp anderthalb Stunden werden zu einem Thrillerkammerspiel, bei dem wir gemeinsam mit dem Rotkreuzteam um das Leben der kleinen Hind Rajab bangen und auf eine unbürokratische Lösung hoffen. 

Das Erschreckendste an Kaouther Ben Hanias Film ist, dass es sich um eine sogenannte Doku-Fiktion handelt. Die Geschehnisse haben sich sehr genau so zugetragen und wurden für den Film lediglich dramaturgisch nachgestellt. Der Film verwendet die original Tonaufnahmen der Telefonate, die immer wieder abbrechen, dabei blenden manchmal die Originalstimmen der Rotkreuzmitarbeitenden in die der Schauspieler über, gegen Ende werden sogar authentische Handyaufnahmen mit den „gespielten“ Szenen kombiniert. 

Auch wenn dadurch der reale Bezug deutlicher wird, führen diese Momente doch dazu, dass man manchmal aus dem Film herausgeholt wird, möglicherweise ein beabsichtigter Effekt. SAWT HIND RAJAB verweigert sich an solchen Stellen der üblichen Thrillerdramaturgie, sorgt dafür, dass wir unsere Lust am Nervenkitzel hinterfragen. Auch wirken die Reaktionen der Figuren (insbesondere von Motaz Malhees’ unkontrolliertem „Omar“) manchmal etwas unglaubwürdig übertrieben, die Dramaturgie etwas redundant. So unterscheidet sich der Film doch deutlich von ähnlichen Werken wie THE GUILTY (2018/2021), ON THE LINE (2023) oder PHONE BOOTH (2002). 

Nichtsdestotrotz fährt der Film auch ohne eine typische Hollywoodinszenierung – oder vielleicht gerade deswegen – in die Magengrube. 

6.5/10

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