Gleich vorweg sei gesagt, dass 'Der Tiger' ein metaphorisches Monster von einem Film ist. Plakativen Unterhaltungswert für einen netten Filmabend sucht man hier vergebens. Der Film handelt von Entscheidungen und deren Auswirkungen auf die Ereignisse, die Kameraden und den eigenen Verstand.
Der Film begleitet eine Panzerbesatzung an der Ostfront, 1943. Ein Sonderauftrag führt die kriegsgebeutelten Kameraden tief hinter feindliche Linien und an den Abgrund der eigenen Seele. So man es benennen will, handelt es sich hierbei nahezu um ein Kammerspiel, denn der Film bewegt sich nicht von seinen fünf Protagonisten weg, die in und rings um ihren Tiger-Panzer einen Geiselgang durch Schuld und Sühne des Krieges bestreiten. Dreckig, düster und teilweise pathologisch wirkt die Inszenierung, und die Psychologie hinter dem Gezeigten erinnert nicht nur einmal an Lars von Trier, der mit seinen kontroversesten Filmen wie 'Antichrist' oder 'The house that Jack built' ebenfalls Manifeste der Tyrannei und tiefenpsychologischen Erkenntnis geschaffen hat.
Wer einen Kriegsfilm erwartet, wie ihn die Kinogeschichte schon mannigfaltig zum Vorschein gebracht hat, vom derben Antihelden-Epos wie Peckinpahs 'Steiner - Das eiserne Kreuz' bis hin zum grausam brutalen Blockbuster 'Der Soldat James Ryan', wird hier absolut enttäuscht sein. Statt Unterhaltungswert, wie ihn der durchaus witzige 'Stoßtrupp Gold', der neben Clint Eastwood ebenfalls einen Panzer als Hauptdarsteller hatte, uns bescherte, wird hier vorwiegend Kälte und tiefste Dunkelheit transportiert. Vielleicht finden sich ideelle Anleihen in Joseph Conrads 'Heart of Darkness', der Buchvorlage zu Coppolas Apocalypse Now, vielleicht auch in Darren Aronofskys großartigem aber weitgehend unterschätztem 'Mother!'. Wie auch immer Inspiration gesucht und gefunden wurde, mit 'Der Tiger' ist ein ebenso beklemmender wie erkenntnisreicher Beitrag zum Genre im Einzelnen und zum Thema im Gesamten geschaffen worden.
Dass Grausamkeit nur angedeutet und nie gezeigt wird, macht den Film nicht erträglicher und vielleicht ist es bildgebend, dass ein Panzer mit seiner unerträglichen Enge Synonym steht für die Beklemmung, die der Film im Gesamten transportiert, wenn nämlich jede Entscheidung Wirkung entfaltet und irgendwo in der Unglaublichkeit der kriegerischen Geschehnisse doch noch Menschen mit Gewissen agieren. Nicht zuletzt dadurch kommt trotz aller Untergeordnetheit immer wieder Spannung auf. Und obwohl die Charaktere nur sich selbst darstellen und keinerlei Vertiefung zur Sympathiebildung vorweisen, kommt man nicht umhin, auf ihrem Leidensweg mitzufiebern.
Fazit: Metaphorischer Psychotrip, der die Kulisse des Weltkriegsgeschehens nutzt um die Intensität der moralischen Marter zu untermauern. So geht intelligentes Kino.