Der Tiger
Kompetent inszenierter und stark gespielter Kriegsfilm um eine deutsche Panzerbesatzung im zweiten Weltkrieg, der allerdings einen Teil seiner eindringlichen Wirkung durch einen unnötigen und prätentiösen Schlusstwist wieder verballert.
Seit Erich Bergers Erfolg mit der Klassiker-Verfilmung „Im Westen nichts Neues“ (2022) gibt es wieder Leben im bundesdeutschen Kriegsfilm. Für ein Filmland, in dem Genre-Kino seit Jahrzehnten ein mehr als trauriges Dasein fristet, definitiv eine gute Nachricht. Das dachte sich wohl auch Amazon MGM Studios und stellte nicht nur ein ansehnliches Budget zur Verfügung, sondern sorgte auch für ein absolutes Novum bei der Veröffentlichungspolitik Streaming-Giganten. So ist Dennis Gansels „Der Tiger“ das erste deutsche Amazon-Original, das es auf die große Leinwand schaffte. Ein großer Erfolg für die hiesige Branche, die sich praktisch nur noch über mehr oder weniger seichte Komödien definiert und international kaum (noch) eine Rolle spielt.
Die Entscheidung für Dennis Gansel ist vor diesem Hintergrund in mehrfacher Hinsicht schlüssig. Mit „Napola - Elite für den Führer“ (2004), „Die Welle“ (2008), „Wir sind die Nacht“ (2010), „Die vierte Macht“ (2012) hatte er sowohl Faible wie Expertise für Genre-Filme bewiesen. Vor allem aber versteht er sich darauf, düstere Stoffe spannend und massenkompatibel zu präsentieren, ohne dabei allzu oberflächlich und plakativ zu werden. Für „Der Tiger“ prädestinierte ihn aber auch noch ein ganz persönlicher Umstand. Der beste Freund seines Großvaters war im 2. Weltkrieg Kommandant eines Tiger-Panzers gewesen und Gansel war mit dessen (Kriegs-)Geschichten aufgewachsen. Neben einigen lustigen Anekdoten seien im Lauf der Zeit auch düstere und verstörende Erlebnisse dazugekommen, was ihn zunehmend beschäftigt und auch verstört habe. Schon lange trug er sich daher mit dem Gedanken daraus und darüber einen Film zu drehen.
Dieser sehr persönliche Bezug prägt dann auch den ganzen Film. Ostfront im Herbst 1943. Gansel nimmt uns mit der fünfköpfigen Besatzung eines Tiger-Panzers auf eine Reise ins Herz der Finsternis. Vieles erinnert dabei an Coppolas Vietnam-Klassiker „Apocalypse Now“. Hier wie dort wird der Protagonist auf eine geheime Mission zwischen die feindlichen Linien geschickt, um einen untragbar gewordenen Offizier zur Rechenschaft zu ziehen. Auf ihrer Reise erleben sie eine Reihe bizarrer und verstörender Zwischenfälle, die das grausame und nihilistische Wesen des Krieges grell beleuchten, bis der Wahnsinn alles zu verschlingen droht.
Die Fokussierung auf lediglich fünf Figuren dient aber auch Gansels zweitem Anliegen: Den zweiten Weltkrieg aus Sicht des deutschen Frontsoldaten zu zeigen und dabei die so zentrale Frage nach Schuld und Verantwortung zu verhandeln. Der Versuchung bzw. Gefahr einer moralisierenden und klischeehaften Darstellung kann Gansel glücklicherweise widerstehen. Weder präsentiert er tumbe oder geifernde Nazis, noch edelmütige Widerständler. Die Besatzung des Tigers geht durch alle Bevölkerungsschichten und bietet mit dem Desillusionierten, Schüchternen, Zupackendem, Grüblerischeren und Zweifelndem vor allem völlig unterschiedliche Charaktere. Vor allem David Schütter als Panzerkommandant Gerkens liefert eine famose Vorstellung zwischen Pflichtbewusstsein, Vorbildfunktion, Verantwortung, Verdrängung und Gewissensbissen. Dass dabei nicht jede Redewendung und Verhaltensweise der dargestellten Zeit entspricht kann man kritisieren, dem glaubhaft und eindringlich geschilderten Bild einer heterogenen und zunehmend zermürbten Armee tut das allerdings keinen Abbruch.
Ähnliches gilt für ein paar historische Unsauberkeiten beim titelgebenden Panzer sowie Ausrüstung und Kleidung. Der häufiger als Action-Showhöhepunkt kritisierte Tauchgang des Tigers ist dagegen durchaus möglich gewesen, wenn auch aufgrund des Aufwands selten bis nie passiert. Schwerer wiegt da schon die Prämisse einer Rettungsmission mit einem einzigen Panzer. Das ist historisch gesehen Unfug, aber im Gesamtkontext des Films, vor allem vor dem Hintergrund des Schlussaktes, wiederum grundsätzlich stimmig. Sofern man Gansels finalen Schlenker schluckt, denn der hat es in sich.
„Der Tiger“ ist bis zu den letzten 20 Minuten ein grimmiger, düsterer und überaus spannender Kriegsfilm. Handwerklich und optisch versiert, bekommt man endlich mal wieder deutsches Genre-Kino geboten, das auch internationalen Ansprüchen genügt. Was Gansel allerdings bei seinem Schlusstwist geritten hat, lässt einen einigermaßen sprachlos zurück. Der bis dato bestens geölte Motor gerät durch den wichtigtuerischen Mindfuck-Schlenker gehörig ins Stottern und packt dann doch noch den befürchteten Holzhammer aus. Gut, er schätzt offenbar „Fight Club“ und „The sixth Sense“ und auch „Apocalypse Now“ ist mit Sicherheit ein hoch geachteter Film, aber „Der Tiger“ wäre ohne den prätentiösen Schlussakkord noch viel eindringlicher und wirkungsmächtiger gewesen.