Review
von Leimbacher-Mario
Einer flog ins Kuckucksnest
Wenn es um "Psychatriefilme" geht, fallen einem natürlich sofort "Einer Flog Übers Kuckucksnest" oder "12 Monkeys" ein - die ältere Generation denkt jedoch sicher noch lieber an Sam Fullers "Shock-Corridor" zurück. Zumindest die, die dem radikalen Genre- & Pulpkino schon in den 60ern nicht abgeneigt waren. In diesem stylischen Mix aus Psychothriller, Film Noir & Gesellschaftskritik, liefert sich ein verbissener Journalist selbst in eine Irrenanstalt ein, um einen mysteriösen Mord aufzuklären - dabei geht er den sogenannten Schock-Korridor entlang, kommt der Wahrheit immer näher & gleitet selbst gefährlich in Richtung Wahnsinn. Was für ein riskanter & spannender Trip ins finstere Herz des Amerikas der 60s!
Selten bis nie würde ich folgendes behaupten: dieser Film hätte ein Remake verdient! Aber genau das ist hier der Fall. Ein sinnvolles, gutes, die kritischen Themen in unsere Zeit übertragendes Remake selbstredend. Trotzdem spricht allein das für die Zeitlosigkeit & Genialität dieses charmanten Beinahe-B-Movies. Die Darsteller wirken trotz dem abgefahrenen Szenario immer glaubhaft & verlieren nie die Bodenhaftung - obwohl ihre Figuren genau dies psychisch tun. Der Look ist in haarscharfem Schwarz-Weiß gehalten & trotzdem einem Fiebertraum nicht unähnlich. Die gesamte Atmosphäre schwankt bedrohlich launisch von gefährlich über (melo-)dramatisch bis zu lustig fast experimentell trashig. Fantastisch & eine krasse Tour de Force, die man seines Lebens wohl nicht mehr vergisst.
Typisch für den gesellschaftlich engagierten Regisseur Samuel Fueller & der komplette Unterbau des Films, ist dessen Übertragung der Paranoia, Ängste & Gefahren des Amerikas im Jahr 1963 auf die Psychatrieinsassen. Ob Rassenhass, kalter Krieg oder Kriegstraumata, jeder der bemitleidenswerten & geschädigten Insassen kann auf ein Thema umgemünzt werden. Das war mutig, ist mutig & geschieht selbst heute viel zu selten. Und so clever, unterhaltsam & unter dem Pulp-Mantel getarnt, erst recht nicht. Fuller schnallt uns Zuschauer fest mit an den elektrisierende Schock-Korridor, lässt uns unangenehm nah heran, an problematische Menschen & menschliche Probleme. Aus einer Zeit, als B-Movies noch Aussagen hatten & wichtig waren. Plus ein absolut niederschlagendes Ende, selbst wenn man es schon erahnen kann.
Fazit: Fullers radikalster & (mit "Pickup On South Street") bester Film! Ein menschlicher, stylischer & psychologischer Schocker aller erster Güte, irgendwo zwischen Hippietum & Film Noir. Beeindruckend & einflussreich gut!