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Vergebene Liebesmüh

In China, genauer gesagt in Hongkong, ist ein Sack Reis umgefallen. Die Körner rasseln auf den Boden des Lagers. Der Reishändler wälzt sich mit seiner Geliebten darin. Die Stadt interessiert sich nicht für diese Zusammenkunft; sie zieht am Horizont einfach weiter Gebäude hoch und reißt sie wieder ab, ohne sich um die Individuen zu scheren, die in ihr leben und lieben.

Die Impressionen Hongkongs, die Stanley Kwans Drama „Love Unto Waste“ von optischer Seite dominieren, zeugen von dem massiven wirtschaftlichen Wandel, dem die Metropole Mitte der 80er unterlag. Das produzierende Gewerbe wurde zunehmend ins Festland ausgelagert, der Dienstleistungssektor gewann an Bedeutung. Abgebildet als flüchtiges Moment zwischen Vergangenheit und Zukunft, scheint somit permanent alles in diesem Film in Bewegung, inklusive der Hauptfiguren; nur, dass die nicht so recht wissen, in welche Richtung sie sich bewegen sollen.

Kwans zweiter Film nach „Women“ widmet sich erneut hauptsächlich der Rolle der Frau im Zuge gesellschaftlicher Restrukturierung, auch wenn es Tony Leung ist, der gewissermaßen die Hauptrolle innehat; doch ist er weniger emotionales Zentrum des Films als vielmehr ihr Katalysator, um die Ereignisse in Gang zu setzen. Sein Innenleben bleibt dem Zuschauer zwar keineswegs verborgen, hauptsächlich sind es aber die weiblichen Figuren Billie (Irene Wan), Liu (Elaine Jin) und Chao (Tsai Chin), an denen die zentralen Themen festgemacht werden.

Bereits mit der Auftaktszene rund um einen Geburtstag in einem Club wird eine sprunghafte Dramaturgie etabliert, die den Verlauf der Zeit nicht wie eine gleichmäßige Kurve abbildet, sondern dem Punktualismus aus der Paläontologie vergleichbar ansetzt: Besondere Ereignisse markieren den Wandel, führen innerhalb der filmischen Struktur mitunter sogar zu einem Genre-Switch. Was mit dem einleitenden „Happy Birthday“ in eine aufgedrehte Ensemble-Komödie hätte münden können, entwickelt sich völlig anders: Mit einem Donnerschlag, der auch gerade für den überrumpelten Betrachter völlig aus dem Nichts kommt, befinden wir uns plötzlich mitten in einer aufkeimenden Murder Mystery. Doch anstatt sich nun in diese Nische einzunisten, macht der Plot eine erneute Kehrtwende und gibt sich nun endlich seinem wahren Kern hin: Der existenziellen Tragödie im Spannungsfeld zwischen Individual- und Sozialstudie.

Die Richtungslosigkeit der handelnden Figuren macht „Love Unto Waste“ aber noch lange nicht zu einem richtungslosen Film, denn Anzeichen seiner späteren Entwicklung zeigt er von Anfang an durch seine melancholische Bildsprache. Die Settings üben einen enormen Einfluss auf die Wirkung des Films aus. Insbesondere das Apartment in unmittelbarer Nähe eines Flughafenlandeplatzes ist hier zu erwähnen. Die Wände karg, der Geräuschpegel hoch, werden die Figuren in jeder Minute daran erinnert, dass direkt vor ihrer Haustür permanenter Austausch stattfindet. Dialoge über das fortschreitende Alter, über die sich verändernden Anforderungen im Beruf oder über Reisen ins Ausland fungieren dabei zusätzlich als emotionale Verstärker und vertiefen zunehmend die Intension des Vermittelten.

Zeitgleich klammern sich die Figuren an das Haptische, an bewährte Tradition und vertrauten Stillstand; Räucherstäbchen werden vor der unüberschaubaren Kulisse eines Hochhauskomplexes als meditativer Kontrast gezündet, Erinnerungen an die Vergangenheit, altmodische Gesellschaftsspiele und die haptische Wahrhaftigkeit der Kochkunst, fast wie bei Ang Lee („Eat Man Drink Woman“, 1994) oder Juzo Itami („Tampopo“, 1985), bäumen sich auf gegen die sich zuspitzende Düsternis, in die hinein die Handlungsträger getrieben werden.

Kwan gelingt es mit Hilfe seiner behutsamen Regie, diese Entwicklungen trotz der vielen radikalen Wendungen und unerwarteten Verläufe durchweg organisch wirken zu lassen; vermutlich auch, weil er aktiv Klischees torpediert, wenn sie sich gerade aufzubauen beginnen. Als beispielsweise Chow Yun-fat („The Postman Fights Back„, „Corruptor – Im Zeichen der Korruption„) nach einer Weile als ermittelnder Inspektor ins Geschehen eingreift, würde man erwarten, dass er das Heft unmittelbar an sich reißt und den Kriminalfall im Sinne der ihm zugeschriebenen Funktion zur obersten Priorität macht. Doch obgleich der Darsteller in seiner Nebenrolle tatsächlich wieder sein unvergleichliches Charisma wirken lässt, das man aus so vielen seiner Rollen gewohnt ist, behaupten sich letztlich eher unerwartete Entscheidungspfade gegenüber den konventionellen Mustern, so dass der Kriminalfall – womöglich zum Unmut so manchen Zuschauers – am Ende beinahe vergessen ist und sich die Motivation seiner Aufklärung einfach verflüchtigt.

Eine möglicherweise irgendwo zwischen Reis und Hühnchen im gefüllten Saumagen versunkene Symbolik wird bei alldem subtil und unaufdringlich eingearbeitet, auch weil sie eng mit dem angrenzenden Realismus verwoben ist, der den Film durchaus auch zu einem authentischen Zeitdokument für den Heimatort des Regisseurs geraten lässt; eine weder durch schwülstige Dialoge noch durch dick aufgetragene Musik oder aggressives Color Grading überbetonte, sondern vielmehr das Wahre, Nüchterne und Unbestimmte unterstreichende Impression kommt dadurch zustande, deren Unaufdringlichkeit wiederum etwas Magisches an sich hat.

Ein Stück weit süßlich-melodramatisch wird es am Ende trotzdem noch, bis in den weichgezeichneten Abspann hinein. Die volle poetische Tiefe und den zwingenden Ausdruck der großen Autorenfilmer dieser Filmgattung erreicht Stanley Kwan zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere vielleicht noch nicht, wohl aber gelingt ihm mit „Love Unto Waste“ eine intensiv bebilderte Abhandlung zu Themen wie Liebe, Dysfunktionalität, Identitätsfindung und Selbstaufopferung, die an Subtext reich ist und in seinen Deutungsmöglichkeiten offen.

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