Nach einem traumatischen Erlebnis versucht der psychisch gebrochene Lehrer Sergio in einem abgelegenen Alpendorf einen Neustart. Im krassen Kontrast zu seinem eigenen Zustand wirken alle Einheimischen seltsam glücklich. Bald erfährt er den Grund: Wer den introvertierten Jugendlichen Matteo umarmt, verliert alle negativen Gefühle. Der Junge wird von seinem Vater und der Kirche als eine Art Heiliger vermarktet und gnadenlos ausgenutzt. Als Sergio den „Holy Boy“ dazu ermutigt, aus dieser Rolle auszubrechen, hat das verheerende Konsequenzen.
Ja, natürlich schreit hier wieder jeder sofort nach der italienischen Variante der Ari-Aster-Filme, da das Ganze eher Arthouse-Horror ist statt klassischem Gemetzel oder sonstiger Genre-Standard, den man im Horrorbereich anderweitig bekommt.
Anscheinend ist dieses Kunsthorror-Genre gerade ziemlich angesagt, denn neben dem bereits erwähnten Ari Aster gibt es auch noch Jordan Peele oder Osgood Perkins, die sich auf ähnlichem Terrain bewegen. Mal funktioniert das richtig gut, mal eher weniger – je nach Wahrnehmung.
Bei HOLY BOY baut sich über den gesamten Film hinweg eine wirklich starke Grundstimmung auf, und auch der Score trägt seinen Teil dazu bei. Wobei dieser eine italienische Song in der Mitte des Films wirklich grausig ist und die Stimmung kurzzeitig killt – warum der drin ist, würde ich den Regisseur echt gerne mal fragen.
Die Geschichte ist originell und hält im Verlauf einige wirklich spannende Twists bereit. Der „Engel“ kann nämlich noch deutlich mehr, als nur Leute zu umarmen – aber das wäre jetzt Spoiler, also lassen wir das lieber.
Die letzte halbe Stunde ist dann einfach nur die absolute Härte – was ein krasser Scheiß. Man überlegt ja als Rezensent während des Films schon, wo man am Ende landen wird, und ich war hier eigentlich bei einer soliden 7. Aber diese letzten 30 Minuten zwingen einen fast schon, noch einen draufzulegen.
Das ist vielleicht der intensivste Part eines Films, den ich seit Langem gesehen habe. Stimmung und Grundidee drehen da komplett auf, und der Film mutiert fast schon in ein anderes Subgenre des Horrors.
Der Regisseur scheint genau auf so etwas spezialisiert zu sein – leider gibt es von ihm bisher kaum etwas auf dem deutschen Markt. Vielleicht entwickelt sich HOLY BOY ja zum Geheimtipp und wir bekommen künftig mehr von Paolo Strippoli zu sehen. Potenzial ist auf jeden Fall reichlich vorhanden.