Review

Der neue Film von Paul Thomas Anderson startet mit unglaublichen Vorschusslorbeeren. Vom besten Film des Jahres ist (mal wieder) die Rede, von einem Meilenstein. Interessant wäre es, wie der Film wohl aufgenommen würde, wenn er von einem unbedeutenderen Regisseur stammte, womöglich mit weniger Staraufgebot in den Hauptrollen. Als gewagter und gelungener Film, sicherlich. Aber als Meisterwerk? 

Die Handlung (mit leichten Spoilern): Die Schwarze Perfidia Beverly Hills (!) (tough: Teyana Taylor) ist eine Anführerin der linksterroristischen Gruppe „French 75“, ihr love interest Pat (ungewohnt verstrahlt: Leonardo DiCaprio) ist der Bombenbastler des Teams. Bei einer Befreiungsaktion in einem Immigrationscamp trifft Perfidia auf Colonel Lockjaw (!) (Sean Penn, MVP des Films), der sich von der Widerstandskämpferin unwiderstehlich angezogen fühlt – die beiden haben eine kurze Affäre. Perfidia wird schwanger und bringt Charlene zur Welt. Obwohl Pat sie lieber zu Hause bei der Kleinfamilie hätte, führt sie ihre Terroranschläge fort. Dabei wird sie festgenommen, verrät die Gruppe, taucht unter und wird für tot erklärt. 16 Jahre später leben der dauerbekiffte Pat und die aufmüpfige Charlene (Entdeckung: Chase Infiniti) inkognito in einem kleinen texanischen Kaff. Colonel Lockjaw bewirbt sich um die Aufnahme im Kreis eines geheimen elitären White Supremacy Clubs, muss dabei jedoch erfahren, dass Gerüchte um seine Affäre mit einer Schwarzen existieren und beschließt, Charlene ausfindig zu machen, um seine Vaterschaft zu klären – und gegebenenfalls das „Problem“ aus dem Weg zu räumen. So hetzt er die geballte Kraft der Einwanderungssöldner von ICE auf Pat und Charlene. 

ONE BATTLE AFTER ANOTHER basiert lose auf Thomas Pynchons Roman „Vineland“, der in der Reagan-Ära der 80er-Jahre spielt. Anderson hat den Stoff aktualisiert, konnte jedoch nicht ahnen, wie aktuell die Thematik zum Start des Films in einer Welt sein würde, in der der US-Präsident seine ICE-Truppen nicht nur gegen Immigranten, sondern auch gegen US-Bürger einsetzt. Die Straßenschlachten im Film erinnern auf unangenehmste Weise an die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen ICE und Menschenrechts-Demonstranten in Kalifornien. Vielleicht hat auch dieser Umstand zu den überschwänglichen Kritiken des Films geführt. Einerseits verständlich. Andererseits muss man auch konstatieren, dass der Film recht deutlich gewalttätige terroristische Akte verherrlicht. 

Darüber hinaus dauert es sehr lange, bis wir wirklich sympathische Handlungsträger präsentiert bekommen, um die wir bangen können: Perfidia ist eine egozentrische „Ratte“, Pat ein verweichlichter Loser, der sich in einen Dauerrausch geflüchtet hat. 

DiCaprio ist wirklich gut in der Rolle, channelt quasi Jeff Bridges’ „Dude“ aus THE BIG LEBOWSKI, wenn er verpeilt im karierten Bademantel durch die Stadt schlurft und sich mit seinem zugedröhnten Hirn nicht an das vermaledeite Passwort erinnern kann, das ihm den Aufenthaltsort seiner Tochter verraten würde. Chase Infiniti als Charlene kann es überraschend gut mit ihren Superstar-Schauspielpartnern aufnehmen: Sie gibt überzeugend eine Sechzehnjährige, die je nach Situation zwischen Stolz, Angst, Mut und Verzweiflung agiert. Benicio del Toro ist der heimliche Held des Films, sein „Sensei“ Sergio – die Ruhe in Person – wird erst in der zweiten Hälfte des Films komplett ohne Backstory eingeführt, ein paar längere Kamerafahrten durch seinen Laden und sein Wohnhaus werden später mehr erzählen als lange Dialoge. Bleibt Sean Penn, der in diesem Film eine ungewohnt exaltierte Rolle spielt: Sein Colonel Lockjaw ist im Grunde eine jämmerliche Witzfigur, schon sein Gang ist ein Gag, doch Penn macht aus der Figur einen unberechenbaren Charakter, dem man sowohl die Bedrohung, als auch die eigene Lächerlichkeit jederzeit abnimmt. 

Dem Film gelingen viele starke Szenen, insbesondere das ausgedehnte Finale mit seiner Autoverfolgungsjagd als Berg- und Talfahrt, die man so noch nicht gesehen hat und bei der man im IMAX wahrscheinlich mit einer Spucktüte gut beraten wäre. 

Doch seine Länge verdankt der Film nicht etwa einer besonders epischen Geschichte, sondern vielmehr PTAs geruhsamer Inszenierung, die Szenen gerne etwas länger laufen lässt, als man das heutzutage gewohnt ist. Zusammengehalten werden sie häufig von Johnny Greenwoods Soundtrack, der zum Teil zur nervösen und treibenden Stimmung des Films beiträgt, ab und zu jedoch auch an einen nervigen Manierismus grenzt, wenn Szenen minutenlang zugeklimpert und vollgezupft werden. Dennoch wird der Film trotz knapp drei Stunden Laufzeit nie langweilig und fühlt sich eher an wie eine Miniserie, deren Figuren man gerne weiter begleiten würde.

So ist ONE BATTLE AFTER ANOTHER eine solide Polit-Action-Farce, die leider an überraschender Aktualität gewonnen hat, mit starken schauspielerischen Leistungen und einigen guten inszenatorischen Einfällen. Ein Meisterwerk sieht jedoch anders aus – zum Beispiel so wie MAGNOLIA.

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