One Battle after another
Regie-Nerd Paul Thomas Anderson geht in die Offensive. Mit Superstar Leonardo DiCaprio und einem groß aufspielenden Sean Penn vor restaurierten Vista Vision Kameras, entfesselt er ein enorm unterhaltsames und überraschend humorvolles Konglomerat aus bissiger Gesellschaftssatire, spannendem Actionthriller und zu Herzen gehenden Familiendrama.
Wenn Paul Thomas Anderson einen neuen Film macht, dann sind zwei Dinge gewiss: die güldenen Oscar-Statuen der kommenden Award-Season dürfen sich schon mal auf eine Gravur mit seinem Namen freuen und die Kinobetreiber werden auf andere Filme hoffen, um satte Gewinne einzufahren. Anders ausgedrückt, Anderson wird von der (seriösen) Kritik geliebt und vom (Mainstream) Publikum weitestgehend ignoriert. Zumindest letzteres könnte sich diesmal ändern, denn der gefeierte Regisseur hat ein ungewohntes As im Ärmel. Man könnte auch sagen, er verfügt über eine exklusive Eintrittskarte in den bisher hermetisch abgeriegelten Box Office Tempel. Dieses Game-Changing Tool hört auf den klangvollen Namen „Leonardo DiCaprio“, also dem des aktuell größten Filmstars mindestens der westlichen Hemisphäre. Dass dieser den Ruf genießt auch sperrige und Anti-Disney-Stoffe in Box-Office-Gold zu verwandeln, ist gewissermaßen das Sahnehäubchen.
Und ein wenig Sahne kann nicht schaden, schließlich klingt die Mischung aus militantem politischen Aktivismus, dysfunktionalen Familienkonstellationen und paranoider All- wie Ohnmacht nicht gerade nach fluffiger Geschmacksexplosion. Andererseits, wer ein schwerfälliges Drama mit erhobenem zeitkritischen Zeigefinger erwartet, wird ganz schnell einen Nachschlag einfordern. ONE BATTLE AFTER ANOTHER lässt sämtliche Anderson-Befürchtungen ins Leere laufen. Die größte Überraschung ist dabei nicht einmal ein völlig unvermutetes Talent für Action, auch nicht der schlagende Beweis für eine temporeiche Inszenierung, sondern der verblüffend hohe Unterhaltungswert.
Anderson kreiert von Beginn an eine zugleich fiebrige wie entspannte Atmosphäre, soll heißen, der Film ist rasant und entschleunigt zugleich, was ihn zu einer der interessantesten Kinoerfahrungen der letzten Jahre macht. ONE BATTLE AFTER ANOTHER surrt wie ein gut geölter V8 Motor. Insofern ist es mehr als passend, dass in der finalen Autoverfolgungsjagd ein Ford Mustang das Tempo vorgibt. Diese Szene ist nicht nur ein Spannungshöhepunkt, sondern steht sinnbildlich für die erwähnte Kontrast-Paarung des gesamten Films. Ein Trio potent motorisierter Boliden liefert sich eine Jagd über steile Bodenwellen einer kargen Wüstenlandschaft, bei der sie mal zu kriechen und mal zu rasen scheinen. Die Ungewissheit, was nach dem nächsten Hügel wartet, wer aufgeholt hat, wer nicht, wer auflauert, wer davon prescht, treibt das Kontrast-Motiv auf die Spitze und dreht gekonnt an der Spannungsschraube.
Leonardo DiCaprio ist der ruhende Pol in all dem Chaos, was ebenfalls zunächst absurd klingt, schließlich leidet der ehemalige Bombenbastler unter permanenter Paranoia. Nachdem seine Sturm und Drang-Zeit in der Widerstandsgruppe „French 75“ mit einem missglückten Banküberfall ein jähes Ende nahm, lebt „Ghetto Pat“ Calhoun (DiCaprio) mit seiner 16-jährigen Tochter Charleen (Chase Infiniti) unter falschem Namen im ländlichen Exil. Charleens Mutter Perfidia (Teyana Taylor) wurde geschnappt und mit dem Zeugenschutzprogramm zum Verrat motiviert.
Auf der Gegenseite steht Faschismus-Bullterrier Colonel Steven J. Lockjaw. Trotz komplett konträrer Ansichten ist er in Perfidia vernarrt, was sie vor dem Schlimmsten bewahrt, Pat und Charleen aber zu gehetztem Freiwild macht. Sean Penn gibt diesen Migranten-Jäger als grotesk überzeichnenden und zutiefst Komplex-beladenen Machtmensch, dessen staksig-zuckende Körpersprache und kaum kontrollierte Dauergeilheit wie aus einer LSD-geschwängerten Graphic Novel daher kommen. Es ist allein Penns Schauspielkunst, die Lockjaw vor der kompletten Karikatur bewahrt und zu einem zwar nicht realistischen, aber beängstigend an reale Figuren erinnernden Antagonisten macht.
Bei all seinen Anklängen und satirischen Seitenhieben auf aktuelle politische Verwerfungen in den USA, ist ONE BATTLE AFTER ANOTHER aber auch ein fetziges und anrührendes Vater-Tochter-Drama. Der zunehmend desillusionierte und paranoide Ex-Revolutionär und seine rebellische, aufbrausende Tochter sind ein explosives Gespann, bei man nie weiß, in welche Richtung ihre Beziehung gehen wird. Natürlich kann sich Anderson auf seine beiden Darsteller verlassen, aber gibt ihnen mit Dialog, Musik und Kamera-Einstellungen auch einen prall gefüllten Baukasten um die schillernde Beziehung in allen Facetten auszuloten.
Überhaupt ist das audiovisuelle Gewand des Films allein den Kinobesuch wert. Anderson reaktivierte das längst vergessene Vista Vision-Format, mit dem in den 1950er Jahren vor allem große Historienepen gedreht wurden. Egal ob Close-Ups, Actionszenen oder Landschaftspanoramen, alles ist in diesem elegischen Breitbildformat ungemein plastisch und filmisch. ONE BATTLE AFTER ANOTHER wirkt damit sowohl wuchtig wie intim, womit wir wieder bei seiner Kontrast-DNA wären. Das gilt natürlich auch für den Score. Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood liefert mal pulsierende und treibende, mal melancholische, mal dissonante Töne, die aber stets so präsent sind, dass sie die verschiedenen Tonlagen und Stimmungen nicht einfach nur untermalen, sondern geradezu heraus stellen.
Es wird spannend sein zu sehen, ob das kolportierte Budget von 150 Millionen Dollar wieder rein kommt, schließlich hat Anderson bisher maximal die Hälfte davon geschafft. Anders als Kollegen wie Tarantino oder Villeneuve ist der Schritt vom Independent-Kino in den Mainstream bisher ausgeblieben. Vielleicht ist der Titel ONE BATTLE AFTER ANOTHER aber auch programmatisch im Sinne der nun entscheidenden Schlacht zum Durchbruch. Der ungemein unterhaltsame Mix aus bissiger Gesellschaftssatire, eigenwilligem Action-Thriller und einer innigen Vater-Tochter-Beziehung ist eine breite Aufmerksamkeit jedenfalls nur zu wünschen. Mit dem gerade in solchen Kämpfen gestählten Leonardo DiCaprio stehen die Chancen nicht schlecht. Und falls nicht, es wird garantiert eine weitere Schlacht geben.