Tron: Ares
Auch der dritte TRON-Film ist ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk, bei dem die redundante und wenig tiefschürfende Science-Fiction-Handlung kaum stört. Die Industrial-Rocker Nine Inch Nails liefern einen fantastischen Score, der den temporeichen Film kongenial vertont und vorantreibt. Ein Film für Fans und die große Leinwand.
Der griechische Kriegsgott Ares gilt gemeinhin als rüpelhafter Rabauke. Ähnliches assoziiert man auch mit dem Musiker und Schauspieler Jared Leto, der durch bizarres Verhalten an diversen Filmsets und auf Konzertbühnen eine nicht unerhebliche Zahl an Hatern anhäufte. Im neuesten Ableger des Kult-Franchise TRON steht „Ares“ für ein Mensch gewordenes Computerprogramm, mit dem ein finsterer Software-Mogul noch finsterere Dinge plant. So gesehen scheint die Besetzung mit dem polarisierenden Leto durchaus stimmig. Zumal die Roboter-DNA der Ares-KI sehr gut mit Letos entrücktem und starrem Spiel korrespondiert. Aber dann entwickelt Ares ein Bewusstsein, wendet sich gegen seinen Schöpfer und wird somit zur doppelten Gefahr, nämlich sowohl innerhalb wie auch außerhalb des Films.
Film-immanent spielt TRON: ARES mit dem gängigen Science-Fiction-Motiv einer außer Kontrolle geratenen künstlichen Intelligenz. Ähnlich wie in den Subgenre-Klassikern TERMINATOR 2 (1991) oder BLADE RUNNER (1982) beginnt ein künstlich erschaffenes Wesen eine eigene Identität zu entwickeln und sich gegen seine Programmierung aufzulehnen. Ares wurde von Software-CEO Julian Dillinger (Evan Peters) als ultimativer Soldat der Zukunft entwickelt, der nie ermüdet, keine Nahrung braucht, keine Fehler macht und kinderleicht zu reproduzieren ist. Einziges Manko: Zwar kann er in der realen Welt als materialisierter Körper existieren, zerfällt aber nach 29 Minuten in Bits und Pieces. Also schickt Dillinger Ares und einen Trupp weiterer KI-Krieger um die aggressiv-fokussierte Athena (Jodie Turner Smith) aus, um den einst von TRON-Erfinder Kevin Flynn (Jeff Bridges) virtuell versteckten Quellcode ausfindig zu machen, der seinen Soldaten ewiges Leben und ihm entsprechenden Reichtum bescheren soll. Die Zeit drängt allerdings nicht nur aufgrund des halbstündigen Zeitfensters. Flynns CEO-Erbin Eve Kim (Greta Lee) bei ENCOM arbeitet an derselben Technologie und versucht Dillingers finstere Pläne zu vereiteln …
Man kann die eigentliche Filmhandlung sicher leicht als gängiges Jump and Run-Scenario abtun und sich über ihre mangelnde Tiefe und redundante Themenwahl echauffieren. Fairerweise muss aber erwähnt werden, dass die beiden Vorgänger TRON (1982) und TRON: LEGACY (2010) keineswegs wegen ihrer inhaltlichen Komplexität und meisterhaften Dialoge zum Kult wurden. Vielmehr punkteten sie zuvorderst mit innovativer und bahnbrechender Optik sowie im Fall von LEGACY einem fulminanten Sounddesign. Den reflexartig ausgespuckten Style-over-Substance-Vorwurf kann man hier dennoch müde weglächeln, schließlich ist der Stil hier Programm und zudem eines das voll und ganz aufgeht. In diesem Sinne kann für alle Fans Entwarnung gegeben werden, denn TRON: ARES fügt sich nahtlos in die besagten Franchise-Stärken ein und liefert vollumfänglich ab. Wie schon im ersten Sequel sind die diesmal rot leuchtenden Neon-Anzüge und Light Bikes ein visuelles Fest, das vor allem auf einer großen Leinwand und in 3D fantastisch aussieht. Das enorme Tempo - man steht ja permanent unter Zeitdruck - sowie der hohe Actionanteil tun ein Übriges, um die dünne Grundhandlung und nur an der Oberfläche verhandelten philosophischen Themen vergessen zu machen. Vor allem aber ist es der wummernde Score, der das vornehmlich, aber eben auch außergewöhnliche audiovisuelle Erlebnis perfekt macht. Ähnlich der Elektro-Pioniere von Daft Punk in LEGACY, gelingt es der Industrial-Rockband Nine Inch Nails die futuristische TRON-Welt zu einem düster-treibenden Disco-Ritt zu machen. NIN-Gründer Trent Reznor und sein Partner Atticus Ross wissen genau, wie man (meist düstere) filmische Stimmungen musikalisch aufwertet. Allein für David Fincher arrangierten sie fünf teilweise mehrfach prämierte Soundtracks. Für TRON: ARES komponierten sie nun erstmals unter dem Bandnamen, was vor allem stilistisch perfekt passt.
Gegen einen weiteren Kinoerfolg der Kult-Reihe spricht also kaum etwas. Wie beim Vorgänger LEGACY darf sich der geneigte Fan auf ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk freuen, bei dem die erzählte Geschichte eher Nebensache ist. Hauptdarsteller Jared Leto sollte man dabei unbedingt eine Chance geben, denn erstens hat er sich seit einer Dekade massiv für einen weiteren TRON-Film eingesetzt und ist beispielsweise auch als Produzent mit an Bord. Und zweitens bekundet er als Ares mehrfach seine Liebe zur Synth-Rock-Kultband Depeche Mode. Wenn er darüber mit TRON-Urgestein Jeff Bridges auf dem Grid des Original-Films fabuliert, dann sind sämtliche negativen Assoziationen wie weggeblasen. Ein Mann, auch als Programm, mit so viel Musik-Geschmack hat mindestens eine zweite Chance verdient. In diesem Sinne: We just can´t get enough. Enter the grid!