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Ein Rausch in Neon

Fünfzehn Jahre. Eine halbe Ewigkeit in Filmzeit. So lange hat es gedauert, bis wir endlich wieder ins Raster eintauchen dürfen – jene glühende, neongetränkte Parallelwelt, die einst mit Tron: Legacy (2010) wie ein digitales Fiebertraum-Synthpop-Video aus den Achtzigern wirkte. Und doch hat diese Rückkehr ins „Grid“ etwas Feierliches, beinahe Altmodisches: ein Sequel, das sich Zeit gelassen hat – zu viel Zeit, möchte man fast sagen –, um dann mit voller Wucht zu kommen.

Nun also Tron: Ares. Nach unzähligen Verzögerungen, kreativen Kurskorrekturen und einem Wechsel am Regiestuhl hat Joachim Rønning (u. a. Pirates of the Caribbean: Salazars Rache) das Zepter übernommen – und er liefert ein Spektakel, das man getrost als Kinoereignis bezeichnen darf. Kein Film, der neu denkt, was Kino ist, aber einer, der mit solcher audiovisuellen Entschlossenheit auftritt, dass man das gerne übersieht. „Ares“ ist kein klassisches Sequel, sondern eine Art Neuanfang im alten System – ein Soft-Reboot, wie man heute so schön sagt. Die Handlung spielt mit vertrauten Versatzstücken: digitale Welten, rebellische Programme, das Ringen zwischen Mensch und Maschine. Und doch wirkt alles etwas entschlackt, kompakter, weniger mythologisch überfrachtet als noch beim Vorgänger. Wer in Tron: Ares eine metaphysische Abhandlung über künstliches Bewusstsein erwartet, wird hier nicht gerade zum Philosophiestudenten bekehrt. Die Story bleibt überschaubar, linear, leicht verdaulich. Doch genau das ist Teil ihres Charmes.

Ares (Jared Leto), eine neuartige Programm-KI mit der Fähigkeit, zwischen der realen und digitalen Welt zu wechseln, wird zum Dreh- und Angelpunkt eines Konflikts, der weniger mit Codezeilen als mit Emotionen arbeitet. Es geht – wie so oft – um Kontrolle, um Freiheit, um Schöpfung und Selbstbestimmung. Aber Tron: Ares behandelt das alles mit der leichten Eleganz eines Hochglanzmagazins, das weiß: Tiefgang ist nett, aber Style ist besser. Rønning versteht, dass hier niemand wegen der Handlung in den Kinosaal kommt. Er serviert die Story als funktionales Gerüst, auf dem sich das Spektakel aufbauen kann – schlank, effizient, ohne viel Ballast. Und das funktioniert erstaunlich gut.

Das Drehbuch (mehrfach überarbeitet, was man spürt) bleibt dabei angenehm geradlinig und tut genau das, was es soll: es treibt an. Keine vertrackten Zeitebenen, keine endlosen Expositionen – nur eine klare, fast archaische Geschichte über Identität und Selbstbestimmung, verpackt in blitzende Effekte. Die Charaktere bleiben archetypisch, aber sympathisch. Besonders Ares selbst, dessen innere Zerrissenheit zwischen Mensch und Maschine zwar angedeutet, aber nie wirklich ausgelotet wird. Inhaltlich mag das dünn erscheinen, dramaturgisch funktioniert es erstaunlich gut. Denn was Tron: Ares so besonders macht, ist seine Atmosphäre. Es ist dieses Gefühl, wieder im „Grid“ zu sein – dieser Welt aus Lichtlinien, geometrischer Klarheit und technoider Schönheit. Aber diesmal wirkt alles greifbarer, plastischer, realer. Die Tiefe des 3D-Effekts verstärkt das noch. Der Film sollte unbedingt in IMAX 3D gesehen werden, da er größtenteils IMAX Footage enthält und das 3D hier nicht nur eine nettes Gimmick ist, sondern schon fast essenzieller Bestandteil des Films. Hier entfaltet Tron: Ares seine volle Wucht – es ist weniger ein Film als ein audiovisuelles Erlebnis.

Ein audiovisuelles Manifest

Wenn Tron: Ares in Bewegung gerät, dann richtig. Rønning inszeniert Action nicht als bloßes Spektakel, sondern als choreografierte Energie. Besonders die Lightcycle-Sequenzen – einst schon Markenzeichen der Reihe – erreichen hier eine neue Dimension. Das Zusammenspiel aus praktischen Kamerafahrten, CGI und Sounddesign erzeugt ein Gefühl von Dynamik, das einem fast die Schuhe auszieht. Die Bewegungen sind präzise, rhythmisch, fast tänzerisch. Wenn Ares über die Lichtbahn jagt, das Rad hinter ihm Flammen zieht und der Raum in pulsierenden Linien zerfällt, hat das etwas Hypnotisches. Rønning hat ein Auge für kinetische Komposition. Die Kamera fliegt, gleitet, schwebt – fast so, als sei sie selbst ein Programm im Grid. Der Einsatz von IMAX-Kameras zahlt sich hier massiv aus. Große Teile des Films wurden nativ in diesem Format gedreht, und das sieht man. Die Kameraarbeit ist dynamisch, aber nie hektisch. Statt reiner Effekthascherei gibt es hier visuelle Poesie in Bewegung. Diese kinetische Eleganz ist es, die Tron: Ares von der gängigen Blockbuster-Masse unterscheidet. Hier wird nicht einfach „Action“ abgefeuert; hier wird Bewegung zelebriert – als Kunstform, als visuelle Komposition.

Der Klang von Tron: Ares ist ein Ereignis für sich. Wo Legacy noch von Daft Punks hymnischem Synth-Wummern getragen wurde, schlägt das Duo Nine Inch Nails – Trent Reznor und Atticus Ross – eine andere Tonart an. Ihr Score ist dunkler, industrieller, körperlicher. Reznor & Ross haben schon so manchen Film in Schwingung versetzt (The Social Network, Gone Girl), doch hier treiben sie ihr Konzept auf die Spitze. Der Soundtrack pulsiert wie ein neuronales Netzwerk, er hämmert, pocht, dröhnt – und doch mit feiner Abstimmung. Zwischen metallischem Zischen, wuchtigen Bässen und sphärischen Klangflächen entsteht ein akustischer Sog, der den Zuschauer nicht nur begleitet, sondern regelrecht ansaugt. Das Sounddesign fügt sich nahtlos ein: Laser zischen, Energieblitze splittern, Datenströme rauschen wie Sturmwellen.

Wenn man Tron: Ares auf einen Satz bringen müsste, wäre es: „Style over substance.“ Und das ist hier keineswegs negativ gemeint. Das Produktionsdesign ist schlicht überragend. Die Designer haben eine Welt erschaffen, die zugleich vertraut und neu wirkt – eine Evolution des bekannten Grid-Designs. Alles glänzt, pulsiert, reflektiert. Die Anzüge? Eine Mischung aus High-Fashion und Kampfanzug. Die Motorräder? Skulpturen aus Licht und Geschwindigkeit. Die Fluggeräte? So elegant, dass sie auch in einem Ridley-Scott-Film bestehen könnten.

Jared Leto überrascht als KI-Programm Ares. Nach seinen teils exzentrischen Auftritten der letzten Jahre spielt er hier kontrollierter, fokussierter – fast stoisch. Seine Präsenz trägt den Film und verleiht seiner Figur eine stille Fragilität. Zwischen menschlicher Sehnsucht und digitaler Logik balancierend, gibt Leto der Rolle etwas beinahe Poetisches, ein Bewusstsein von Andersartigkeit, das subtil, aber effektiv ist. Greta Lee überzeugt als Gegenpol: menschlich, verletzlich, aber mit scharfem Verstand. Ihre Szenen geben dem Film jene emotionale Erdung, die das Ganze davor bewahrt, in purer Ästhetik abzudriften.

Tron: Ares ist, im besten Sinne, ein Film der Oberfläche. Und er steht dazu. Während andere Science-Fiction-Epen noch mit existenziellen Fragen ringen, dreht sich Rønnings Werk lustvoll um Form, Rhythmus und Sensorik. Das ist keine Schwäche, sondern eine bewusste Entscheidung. Denn in einer Zeit, in der Kino sich ständig selbst rechtfertigen muss, weil Streaming bequemer ist, erinnert Tron: Ares daran, dass Film vor allem eines sein darf: überwältigend. Man spürt in jeder Szene, dass Rønning das Kino liebt – als physisches Erlebnis, als Raum aus Licht, Bewegung und Klang. Es ist fast altmodisch in seiner Sinnlichkeit, und gerade darin liegt die Modernität.

Fazit

Nach 15 Jahren Pause ist Tron: Ares kein Neuanfang – es ist ein Comeback mit Stil. Eine neonleuchtende Erinnerung daran, dass Kino immer noch Magie sein kann. Ein audiovisueller Traum, der mit Licht, Sound und Style verführt – und zeigt, dass manchmal die Oberfläche alles ist, was man braucht, wenn sie so verdammt gut aussieht. Klar, die Story bleibt konventionell, die Themen werden nur gestreift, nicht vertieft. Aber – und das ist das große „aber“ – das ist in diesem Fall völlig egal. Denn Rønning hat verstanden, worum es im Kern geht: um die Faszination des Sehens, des Fühlens, des audiovisuellen Erlebens. Tron: Ares ist ein Film, der nicht erzählt, sondern vibriert. Er ist das Kinoerlebnis, das du nicht über Kopfhörer am Laptop schauen willst, sondern das dich mit voller Lautstärke und riesiger Leinwand mitten ins Geschehen zieht. Joachim Rønning hat das Raster nicht neu erfunden – aber er hat es neu aufgeladen. Und das mit solcher Präzision, dass man fast vergisst, wie simpel die Geschichte darunter eigentlich ist.

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