Seit Ende der 80er-Jahre trugen Nine Inch Nails (NIN) maßgeblich zur Popularisierung des „Industrial Rock“ bei, blieben dem Mainstream jedoch weitgehend fern. Erst Stücke wie „Closer“ und das vielfach gecoverte „Hurt“ (beide von „The Downward Spiral“, 1994), wurden auch jenseits der entsprechenden Szene bekannt.
NIN waren die meiste Zeit als Soloprojekt von Trent Reznor angelegt, 2005 stieß Musiker und Programmierer Atticus Ross dazu, wurde jedoch trotz zahlreicher Kollaborationen erst 2016 festes Mitglied der Band. Reznor hatte mit NIN bereits Tracks und Soundscapes zu den Videospielklassikern Quake und Doom beigesteuert, den ersten offiziellen Soundtrack-Credit gab es allerdings erst 2010 für THE SOCIAL NETWORK – inklusive einem Oscar. Seitdem sind Atticus Ross und Trent Raznor gefragte Hollywoodkomponisten, u. a. für die Werke von David Fincher, aber auch für Luca Guadagnino (CHALLENGERS) und sogar Pixar (SOUL).
Für das Promo-Video ihres neuesten Nine Inch Nail-Albums gingen Reznor und Ross einen ungewöhnlichen Weg, den bislang erst die Electro-Funker von Daft Punk vor ihnen beschritten hatten: Sie ließen einen neuen TRON-Film drehen.
Für TRON: ARES wurde der norwegische Regisseur Joachim Rønning verpflichtet, der sich bislang zwischen ambitionierteren Projekten (KON-TIKI, MAX MANUS) und Franchises (MALEFICIENT 2, PIRATES OF THE CARIBBEAN 5) bewegte. Offenbar hatten Rønning und seine Drehbuchautoren recht freie Hand. So wurde aus TRON: ARES ein zwar visuell und auditiv eindrucksvolles Video, in dem die neuen Stücke der Band hervorragend platziert sind und entsprechenden Impact hinterlassen, die Handlung folgt jedoch den simpelsten Hollywood-Prinzipien von Gut gegen Böse.
Julian Dillinger (Evan Peters, X-MEN), Erbe eines Mega-Tech-Unternehmens, kann unbesiegbare Panzer und Cyber-Soldaten aus dem „Grid“ generieren – allerdings nur für 29 Minuten. Für einen dauerhaften Einsatz seiner künstlichen Kriegsmaschinerie benötigt er den „Permanence Code“. Eve Kim (Greta Lee, PAST LIVES), CEO des Gamingkonzerns ENCOM, hat diesen gerade in einem Haufen Floppydiscs in der Arktis gefunden und möchte damit Hunger und Krebs stoppen. Dillinger hetzt sein Security-Programm „Ares“ (Jared Leto) und dessen rechte Hand „Athena“ (Jodie Turner-Smith, QUEEN & SLIM) auf Kim, um sich den Code zu schnappen. Diese einfache Prämisse bietet die Vorlage für einige Verfolgungsjagden und Spannungsszenen, die sowohl in der „realen“ Welt als auch in Computerprogrammen angesiedelt sind.
Würde man TRON: ARES mit den Maßstäben eines gewöhnlichen SciFi-Films bewerten wollen, dann käme man aus dem Kritisieren wohl kaum heraus. Das gesamte Konzept, das logischerweise an das Original von 1982 angelehnt ist und sich auch aus dessen naiver Vorstellung über das Innenleben von Computern und das Eigenleben von Programmen speist, ist natürlich völliger Humbug. Wenn hier eine Handvoll „Hacker-Viren“ in Form von schwarzrot uniformierten Cyber-Ninjas in eine Serverfarm eindringt (man beachte die digitalen Pflanzen!), wenn Ares dann im Datenstrom steht, um Eves E-Mails zu lesen und sich die Söldner auf der Flucht noch einen Kampf mit dem offensichtlichen Antivirenschutzprogramm-Personal liefern, dann ist das in höchstem Maße albern. Andere Szenen wiederum versinken im Blinkekitsch der glimmenden Datenströme. Andererseits ist es Hollywood auch noch so gut wie nie gelungen, digitale Vorgänge adäquat filmisch abzubilden – von LAWNMOWER MAN bis DISCLOSURE reicht die Galerie der Peinlichkeiten.
Doch TRON ist im Herzen ein Kinderfilm und aus dieser Perspektive darf man durchaus gnädig auf die hier dargestellten Vorgänge blicken, so lange sie nur gut aussehen. Und das tun sie. Die Lightcycle-Jagden durch die Straßenschluchten „unserer“ Welt wirken wie überdimensionale „Snake“-Spiele, die „Grid“-Welt ist ein Designertraum in Rot, Schwarz und Orange und ein kurzer Ausflug in die Retro-PC-Welt zum 5-Minuten-Gastauftritt von Jeff Bridges macht ebenfalls großen Spaß. Die 3D-Fassung des Films ist hier eigentlich ein Muss!
Aus der Prämisse „Mensch gegen Maschine/KI“ entwickelt sich sogar eine Art TERMINATOR-Szenario, das nur leider etwas von dessen Bedrohlichkeit vermissen lässt. Denn leider entwickelt Ares sehr schnell ein Bewusstsein und daraus den Wunsch, menschlich zu werden – ein altbekanntes Problem bei künstlichen Wesen, siehe auch BLADE RUNNER. Und wenn der zielorientierte KI-Söldner dann plötzlich seine Menschlichkeit entdeckt, wird klar, welch eine Fehlbesetzung Jared Leto hier darstellt, der sich selbst so ernst nimmt, dass er auch während des Drehs nur als „Ares“ angesprochen werden wollte (woran sich offenbar nur der "Dude" nicht gehalten hat). An seiner Stelle hätte man sich einen Actionstar mit der Fähigkeit zur Selbstironie vom Schlage eines John Cena oder Jason Momoa gewünscht.
Insgesamt ist TRON: ARES jedoch eine absolut kurzweiliges Spektakel, das nicht nur als Nine Inch Nails-Promotion funktioniert, sondern auch Kinogänger mit kindlichem Gemüt begeistern kann. Nur dass Ares sich ausgerechnet als Depeche Mode-Fan outet, wirkt in diesem Gesamtkontext etwas unsensibel.
6.5/10