Die Gegenwart starrt zurück
Einfach hatte es das „Tron“-Franchise nie. Immer dem nerdigen „Real Deal“, der IT, näher als dem Mainstream und dem Marketing, trotz technischer und kinohistorischer Bedeutung. Zu konfus, zu cool 4 school, zu 101, zu visionär gar vielleicht. Sowohl „Tron“ als auch „Tron: Legacy“ waren keine Kritikerlieblinge, keine waschechten Kassenhits (auch weil sie immer sehr teuer waren) und erarbeiteten sich erst im Laufe der Jahre ihren Status, Wiederspielwert und enormen Impact auf die Popkultur. Kann das auch „Tron: Ares“ gelingen? Sehen wir dessen „Genialität“ jetzt einfach noch nicht? Oder kommt er (trotz K.I.- und 3D-Drucker-Fortschritte) viel zu früh, viel zu leer, viel zu „Style over Substance“? Oder bin ich jetzt eben langsam der alte weiße Mann, der die Jugend, die Technik, die Zukunft oder gar ganze kommende Generationen nicht mehr wirklich versteht? Jedenfalls war „Tron: Ares“ einer meiner heisserwarteteren Titel des Kinojahres und er erzählt ohne allzu gewichtige Connections zu seinen Vorgängern (und sogar ohne Tron selbst!) von einer gefährlichen Technik bzw. einem umkämpften Code, der Computerprogramme dauerhaft in unsere reale Welt bringen und diese somit für immer verändern könnte…
Eher Shit als Grid
Der originale „Tron“ hat mehr Weichen gestellt als man aufzählen kann. Und „Tron: Legacy“ hat mindestens als Guilty Pleasure, viel mehr sogar als Wegweiser von Synthwave über Virtual Reality bis zum Retrorevival seinen festen Stand in der jüngeren Popkultur. Was kann „Tron: Ares“ dazu nun hinzufügen? Der K.I.-Aufhänger als Thema der Stunde reicht dabei mir jedenfalls nicht… Doch seien wir nicht direkt zu negativ. Auf der Habenseite hat er wieder sehr coole Visuals, manch einen Action-Wow-Moment und z.B. handgemachte, haptische Vehikel, Anzüge, Explosionen. Dazu ein Wiedersehen mit Jeff Bridges und dem „Retrogrid“, das mir echt das Herz hat aufgehen lassen und ein fettes Grinsen ins Gesicht gezaubert hat. Und allgemein ein wahres Beleuchtungsfeuerwerk ist’s irgendwie auch, dieses tiefe Digitalrot vor der pechschwarzen Nacht von Vancouver. Nicht zu vergessen die elektrisch-pushenden Sounds und Songs von Nine Inch Nails, die brachial gut klingen und viel mehr als nur eine rockigere Vertretung von Daft Punk sind. Ihr Soundtrack spricht seine eigene Sprache und ist ein Brecher, der sicher alsbald in meine Plattensammlung wandert. Das erfüllt die riesigen Erwartungen in diesem musikalischen und bei „Tron“ äußerst wichtigen Departement mit Nachdruck. Nur leider war es das im Grunde schon an guten Dingen in diesem leeren Eyecandy-Autopilot von Film… Vor allem ist es die Rückwärtsgewandtheit von „Tron: Ares“, die mir übel aufstößt. Mit Jared Leto, der als Held einfach nicht funktioniert, schießt sich der Big Budget-Sci-Fi-Trash ins Bein - aber verblutet daran nicht. Mit dem Fakt, dass mir hier deutlich zu wenig in der Cyberwelt, im Grid spielt, muss ich leben. Der (wie immer bei „Tron“) im Kern sehr hohe „Style over Substance“-Faktor war fest eingerechnet und stößt mir wenig auf. Ebenso manche Logik- und Handlungsfragen. Und dass die ganze Effektchose manchmal näher an sowas wie „Lego Movie“, „Pixels“ oder „Free Guy“ ist, darüber freut sich zumindest das sehr kleine Kind in mir. Als okaye Hollywoodberieselung taugt „Tron: Ares“ sicherlich auch. Richtig weh getan hat er nicht. Aber dieses nun maximal Zurückgewandte eines Franchises, das immer für technische Innovation, Revolution, Evolution und eine immense popkulturelle, zukunftsweisende (!) Energie bekannt war, macht mich doch irgendwie traurig. Das ist eine andere Form von negativem Punkt. Das wird gerade Fans der beiden Vorgänger verärgern und nicht befriedigen. Und das hält „Tron: Ares“ weit und deutlich davon ab, Akzente zu setzen, in die Zukunft zu schauen oder gar den Takt vorzugeben. Egal wie geil der Beat dazu von Raznor und Ross ist…
Der Beat pumpt, die Handlung verstummt
Fazit: von Jared Leto über teils Leerlauf bis zu den recht wenigen technischen Innovationen und vor allem der allgemeinen Rückwärtsgewandtheit… „Tron: Ares“ punktet mit schnieken Sounds & Sights - der NiN-Soundtrack ist beispielsweise der erwartbare Banger! - hinkt seinen beiden Vorgängern jedoch trotzdem überraschend deutlich hinterher, wirkt unreif, seelenlos und… mindestens zehn Jahre zu früh?!
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FRANCHISERANKING
Tron - 8/10
Tron: Legacy - 7,5/10
Tron: Ares - 5,5/10