Review

Stein (auf den Kopf) / Schere (im Rücken) / Papier (in den Gedanken)

Die koreanische Regielegende Park Chan-wook bringt uns mit „No Other Choice“ eine vollkommen faszinierende und meisterhafte, vor allem thematisch und moralisch komplexe, tiefschwarze Thrillerkomödie über die koreanische, aber eher schon weltweite Arbeitswelt und den mörderischen Ellenbogenkampf um Stellen und Stellung (in der Gesellschaft) in Zeiten der Digitalisierung und Wegrationalisierung - wenn ein aus seinem Job gefeuerter Familienvater sich um eine neue Stelle bei einer Papierfirma bewirbt und dabei auf ganz „kreative“ Ideen kommt seine Bewerbungskonkurrenz aus dem Weg zu räumen… 

Das vollendet verplante Verbrechen…

Auch wenn ich Parks „Stoker“ als einzigen Film, den er bisher im Westen gedreht hat, damals nicht recht mochte, kann man durchaus die Behauptung aufstellen, dass dieser Mann und Ausnahmekönner bisher noch keinen einzigen schlechten Film abgeliefert hat. Vielleicht sogar fast nur richtig gute, gerade wenn man Meilensteine wie „Oldboy“ oder „Die Taschendiebin“ korrekt gewichtet. Oder auch sein „Die Frau im Nebel“ vor drei Jahren war eine echte Schönheit und ein Mysterium, das mir ewig lange nicht aus dem Kopf ging. Und schon jetzt merke ich, dass es mir mit „No Other Choice“ kein Stückchen anders gehen könnte. Umso mehr Minuten vergehen, umso mehr Eindrücke sich legen, umso mehr Zusammenhänge sich entknoten, auch auf den symbolischen Ebenen, desto mehr bin ich von dem abgründigen Genremix angetan, in Beschlag genommen und tief beeindruckt. Lee Byung-hun hat seit „I Saw The Devil“ keiner vergessen und hier liefert er die vielleicht facettenreichste Performance seiner eh schon erhabenen Karriere. Insgesamt stößt „No Other Choice“ clever in das Fahrwasser, das sich „Parasite“ für das koreanische Kino im internationalen Mainstream erkrault hat. Ohne diesen zu kopieren. Das hat Park ganz und gar nicht nötig. „No Other Choice“ ist sein ganz eigenes Ding. Wie Origami aus Scherben. Wie künstliche Intelligenz in Zeiten des humanen Autismus'. Wie Moralverfall bei wahnsinnigem Lachen. Wie klassische Streichmusik zum Kauen der Schnecken. Wie Papier, das zwischen den Fingern schneidet. Wie eine mechanische Walze auf dem gedämpften Boden der menschlichen Seele. Wie ein Gartenbeet voller Fleisch und dummer Düngeideen. In der Mitte gibt’s eine der lustigsten und sich überschlagenderen Szenen seit Ewigkeiten. Eine geniale Symphonie am Mordabgrund. Es gibt etliche feine Songs und Needledrops. Die satten 140 Minuten verschwimmen und verschwinden im Nu. Der finale Eindruck ist bleibend und bitter und böse. Er weitet sich nur noch aus. Gerade im Hinblick auf die Industrie, auf die Menschlichkeit, auf unser Zusammenleben (egal ob auf der Arbeit oder im Privatleben). Und der schlicht brillante Schnitt und einige sprachlos machende Kameratricks setzen dem ganzen giftigen Kuchen nochmal kongenial und edelst verspielt die Krone auf. Das Kinojahr könnte 36 Monate haben - am Ende hätte ich „No Other Choice“ ganz sicher noch klar und kantig als Highlight im Kopf… 

Die Ökonomie des Töten

Fazit: „No Other Choice“ lässt Filmfans weltweit keine andere Wahl als ihn zu bewundern, zu dechiffrieren, zu genießen… Was für ein cleverer, bissiger, tragischer, zeitaktueller und dunkelhumoriger Bonsaibaum! Scharfe (Säge-)Blätter und große Warnungen gedruckt auf Papier, Pappe und Personal! 

Details
Ähnliche Filme