Auf dem Dach der Grauzonen
„Roofman“ ist ein Film, der sich Zeit nimmt, sich nicht anbiedert, nicht buhlt, sondern beobachtet. Dass er dabei von Derek Cianfrance inszeniert wurde, ist kein Zufall. Cianfrance war nie der Mann für Effekthascherei oder moralische Holzhammer. Ihn interessieren die Risse im Beton, nicht die Skyline. „Roofman“, basierend auf wahren Begebenheiten und prominent besetzt, reiht sich nahtlos in dieses Werkverständnis ein – als nüchternes, stellenweise sperriges, aber ehrliches Charakterdrama, das mehr fragt als beantwortet. Ein Film, der nicht perfekt ist, aber bemerkenswert konsequent in seinem Unperfektsein.
Die Geschichte von „Roofman“ klingt zunächst wie ein moderner Mythos aus der amerikanischen Randzone: ein Mann, der sich dem System entzieht, auf Dächern lebt, zwischen Legalität und Illegalität pendelt und dabei versucht, so etwas wie Familie und Würde zu bewahren. Das Drehbuch – bewusst unspektakulär konstruiert – verweigert sich dem klassischen Aufstieg-und-Fall-Narrativ. Stattdessen folgt es einem episodischen Fluss, der eher an eine Chronik erinnert als an einen Thriller.
Cianfrances Inszenierung folgt einem Prinzip der Entschleunigung, das man wahlweise als wohltuend oder ermüdend empfinden kann. „Roofman“ ist kein Film, der sich beeilt, irgendwo anzukommen. Er verweigert den dramaturgischen Sprint, setzt stattdessen auf den ausgedehnten Spaziergang. Das Drehbuch reiht Episoden aneinander, Beobachtungen statt Höhepunkte, Alltagsreste statt plotgetriebener Zuspitzung. Manchmal wirkt das behäbig, ja: Der Film zieht sich, verliert sich in Momenten, die nicht immer tragen. Doch zugleich liegt in dieser Nüchternheit eine eigentümliche Konsequenz. Das Leben seiner Figuren ist eben auch nicht effizient geschnitten.
Besonders stark ist „Roofman“ dort, wo er sich jeder klaren moralischen Einordnung verweigert. Cianfrance denkt nicht in Schwarz und Weiß, sondern in Grauzonen – und das in allen erdenklichen Schattierungen. Sein Protagonist ist weder klassischer Outlaw noch missverstandener Held. Er ist Täter und Fürsorger, Trickser und Träumer, ein Mann, der versucht, in den Rissen des Systems so etwas wie Sinn zu finden. Der Film bewertet das nicht. Er hält Abstand, beobachtet, notiert.
Ein besonderes Lob verdient das Anfang-2000er-Setting, das mit bemerkenswerter Präzision eingefangen wird. Das ist die Zeit vor HD-Streaming, vor algorithmischer Dauerberieselung, eine Welt mit Toys"R"Us-Filialen, Röhrenfernsehern und einem Alltag, der noch nicht vollständig digitalisiert war. Diese Ära wird nicht nostalgisch verklärt, sondern beiläufig rekonstruiert – durch Produktionsdesign, Kostüme, Musikfetzen im Hintergrund. Es ist ein Amerika ohne Glamour, ohne ironische Brechung, dafür mit spürbarer Erdung.
Im Zentrum steht Channing Tatum, der sich einmal mehr von seinem einstigen Image als Muskelprotagonist emanzipiert, und hier vielleicht eine seiner reifsten Leistungen abliefert. Tatum spielt zurückgenommen, fast spröde. Sein Gesicht ist eine Projektionsfläche für Müdigkeit, Hoffnung, Resignation – oft alles gleichzeitig. Er erklärt wenig, er trägt. An seiner Seite überzeugt Kirsten Dunst mit einer warmen, geerdeten Performance. Die Beziehung zwischen ihren Figuren – ebenso wie zu den Töchtern – wird glaubhaft aufgebaut, ohne Zuckerguss, ohne Abkürzungen, ohne sentimentale Tricks. Auch die Nebenrollen sind mehr als bloßes Dekor. Peter Dinklage bringt eine trockene, fast beiläufige Schärfe ein, während Ben Mendelsohn einmal mehr seine besondere Fähigkeit ausspielt, Autorität und Fragilität in ein und derselben Geste zu vereinen.
Fazit
„Roofman“ ist kein Film für den schnellen Konsum. Er fordert Geduld, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich auf Zwischentöne einzulassen. In seiner Nüchternheit und gelegentlichen Schwerfälligkeit verpasst er es zwar, ganz großes emotionales Kino zu sein, doch genau darin liegt auch seine Stärke. Er ist nicht frei von Längen, nicht immer dramaturgisch präzise, aber in seiner Haltung bemerkenswert konsequent, ehrlich und unaufgeregt. Nicht das Dach des Jahres, aber ein solider Aussichtspunkt auf ein Kino, das sich Zeit nimmt, wo andere längst weitergezogen sind.