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Es ist wahrlich erstaunlich was Drehbuchautor und Regisseur Bernard Rose (Paperhouse) aus Clive Barkers Kurzgeschichte "The Forbidden" gemacht hat. Dort schlitzte sich ein Killer mit Hakenhand durch eine Wohnsiedlung in Liverpool, diese Kurzgeschichte basiert auf einer düsteren Legende. Doch Rose drehte "Candyman" in Chicago, sogar im gefährlichen Cabrini-Green Viertel, wo er einige Mitglieder von Gangs zur Mitarbeit animieren konnte. Der Dreh dort war so gefährlich, dass ein riesen Aufgebot von Polizisten die 6-tägigen Filmaufnahmen rund um die Uhr überwachen mussten. Der Rest wurde in den Filmstudios von Los Angeles gedreht. Und die Kulisse spielt in diesem intelligenten Horrorfilm auch eine maßgebende Rolle. Wirklich bedrohlich wirkt das heruntergekommene Cabrini-Green Viertel, doch noch unheimlicher wirkt die Behausung des Candymans mit den furchteinflößenden Wandmalereien. Die Musikuntermalung von Philip Glass ist fast rein instrumental und immer stimmig. Es kommt einem ab und zu so vor, als hätte sie Ähnlichkeiten mit der Bondmelodie, ist ganz besonders bei der Titelmelodie zu hören.

Es geht um Daniel Robitaille (Tony Todd), der vor langer Zeit zur Legende Candyman wurde, weil er bestialisch ermordet wurde. Seitdem kursiert ein Mythos, sagt man fünfmal hintereinander Candyman in einen Spiegel, so soll er erscheinen. Genau diesem Mythos will Helen Lyle (Virginia Madsen) auf die Spur kommen. Mit ihrer Freundin Bernie (Kasi Lemmons) will sie einen Bericht über den Candyman verfassen. Ist er etwa Schuld an der Mordserie, die Chicago in Angst und Schrecken hält ?
Ich bin wirklich froh, dass Rose hier keinen Slasher vom Reißbrett inszeniert hat, der den Candyman massig Leute abschlachten lässt. Er ist dem Publikum auch wirklich keinen Blutzoll schuldig. Dies hätte diesem intelligenten Horrorfilm überhaupt nicht gestanden. Der Candyman taucht erst in der zweiten Filmhälfte auf, die wenigen Morde sind atmosphärisch in Szene gesetzt und geschehen auch mal im Off. Auch darf man sich selbst nicht sicher sein, ob nun Helen oder wirklich der Candyman die Morde begeht ? Jedesmal wacht Helen blutüberströmt neben einer Leiche auf, bewaffnet mit einem Messer oder Küchenbeil. Der Candyman drängt sich in ihr Leben, zerstört ihr Leben, weil Helen zuvor nicht an ihn geglaubt hat.

Nun hätte Rose die Aufgabe gehabt, uns den Charakter Robitaille ein wenig ausführlicher zu erläutern. Wir erfahren nur wenig über sein früheres Leben und vor allem über seine Motivation im Hier und Jetzt Leute blutigst abzuschlachten. Der Grund hier, eine Legende darf nicht sterben. Helen und Bernie glaubten nicht an den Candyman, somit werden sie auf tragische Art und Weise eines Besseren belehrt. Trotzdem fehlen hier noch Antworten, gerade auch was das Ende anbelangt. Warum soll Helen unbedingt das Opfer sein, warum soll sie selbst zur Legende werden ? Es besteht noch Erklärungsbedarf, trotzdem siedelt die Story auf hohem Niveau an. Stets hochspannend, aber oft auch zu ruhig erzählt. Doch dafür hat Rose einige tolle Einfälle, man nehme nur mal die Bienenschwärme, die sogar echt sind. Fast eine Viertelmillion Bienen ließ man auf die Darsteller los. Das Ergebnis sind grandiose Bilder.
Genauso agieren auch die Darsteller. Gerade für Tony Todd ist dies eine Paraderolle. Mit was für einer innerlichen Ruhe und angsteinflößendem Auftreten er diesen Charakter bereichert. Doch auch Virginia Madsen offenbart sich als harte Konkurrenz. Ihr vielseitige Verkörperung der Helen Lyle ist auch mehr als glaubwürdig, die restliche Besetzung ist mit Xander Berkeley, Kasi Lemmons und Vanessa Williams auch sehr prominent ausgefallen.

Das Sprichwort "In der Ruhe liegt die Kraft" ist hier völlig zutreffend. Das Erzähltempo ist nicht hoch, aber die Spannung dafür um so mehr. Wirklich begeistert bin ich von der düsteren Kulisse und dem instrumentalen Score von Glass. "Candyman" hat auch seine Schocksekunden und Tony Todd agiert sehr furchteinflößend. Die Story von hochwertiger Qualität, aber nicht alle Fragen werden beantwortet. Eine lohnende Abwechslung zum sonstigen, eher stumpfsinnigen, Horrorkino.

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