Review

Gleich der Vorspann vermittelt, dass wir es hier keineswegs mit einem gewöhnlichen Horrorfilm zu tun haben. Eine Großstadt, genauer gesagt Illinois, aus der Vogelperspektive, dazu die gotischen, ins trübsinnig Dunkle verzaubernden Klänge von Philip Glass. Wir bekommen eine schaurige Geschichte über eine junge Frau erzählt: Eine junge Babysitterin wird, nachdem sie mit ihrem Freund (btw: Sam Raimis Bruder Ted), die Worte „Candyman“ fünf mal in den Spiegel aufgesagt hat, brutalst ermordet.  

Hellen (Virginia Madsen) eine Anthropologin, möchte dieser Geschichte, die auf eine urbane Legende zurückgeht, auf den Grund gehen. Wie das sich eisern haltende Gerücht von Krokodilen in der Kanalisation, oder anderen teilweise obskuren Geschichten, die sich erstaunlich fest im kollektiven Bewusstsein der modernen, vermeintlich aufgeklärten Gesellschaft gehalten haben, so ist auch die vom Candyman nicht nur äußerst gespenstisch, sondern auch allseits bekannt. Schnell stößt Hellen auf vereinzelte grausame Geschichten, die dem Candyman angelastet werden und diese führen sie in die fast ausschließlich von Schwarzen bewohnten Armenviertel von Illinois. Mit ihrer Freundin im Schlepptau und einer ordentlichen Portion nassforscher Entdeckungslust beginnt sie in den maroden Sozialbauten zu recherchieren und fällt bald einer brutalen Straßengang in die Hände, dessen Oberhaupt sich den markant gefürchteten Namen gegeben hat. Kurze Zeit nach dieser Attacke, trifft sie in einer Tiefgarage den tatsächlichen Hakenmann. Mehr gottgleiches Wesen als wild mordender Maniac, genährt aus Mystik und Albträumen, bietet er Hellen an, sein Opfer zu werden (be my Victim) und sogleich beginnt ihr Martyrium. 

Wie auch bei Clive Barkers „Hellraiser“ wird unter anderem erneut das Motiv des Schmerzes in surreal masochistischer Ausprägung und seiner Erhabenheit bzw. seiner bewusstseinserweiternden Möglichkeiten aufgegriffen. Diesem hoch ästhetisierten Schmerz-Fetisch blieb Autor Barker bzw. sein filmischer Verarbeiter Bernhard Rose auch in "Candyman" treu, wenn auch etwas dezenter. Das größere Anliegen, wenn nicht gar Hauptmotiv des Filmes, ist die kongenial eingefangene Verquickung aus der kalten, trostlos urbanen Großstadtzivilisation mit ihren dreckig-tristen Armenviertel und der für Barker gewohnt dunkel-romantischen Horror-Mythologie. Man beginnt sich zu fragen, was den eigentlichen Horror ausmacht, denn in diesen Ghettos hat die Anwesenheit einer solch diabolischen wie sinnlichen Märchengestalt etwas Tröstliches. Und dieser Trost, der im Mythos gefunden werden will, soll mit Hellen fortgesetzt werden. In dem rauschhaften Finale, das die Motive aus Traum bzw. Legende und Realität zusammenfließen lässt und ihre gegenseitige Abhängigkeit deutlich macht, wird die unheimliche Geschichte des Candyman um ein weiteres Kapitel erweitert und der Beginn einer neuen dunklen Gestalt hinzugefügt. 

Die Figur des Candyman wird hier zum Symbol eines allgegenwärtigen und aus mannigfaltigen Ursprüngen stammenden Elends. Der Rassismus, der den Candyman überhaupt erst erschaffen hat, bleibt auch den gesamten Film ein starkes Motiv. Schwarz und Weiß, das auch leicht in arm und reich zu transformieren ist, scheinen hier in einer Art Parallelgesellschaft zu leben, in der nicht mit, sondern nebeneinander gelebt wird. Kein offen ausgesprochener Rassismus mehr, sondern ein gesellschaftlich zwar ebenso manifestierter, aber gemeinhin kaum mehr als solcher wahrgenommener. So wie Freddie Krüger, die Kinder für die Verbrechen der Erwachsenen büßen ließ, so ist auch der Candyman mehr als ein  unterbewusstes, kollektives Gewissen zu verstehen, das die Gesellschaft alleine durch seine Präsenz nicht ihre Sünden vergessen lässt.

In der ersten Hälfte des Filmes, wird von Beginn an eine spannende Atmosphäre aufgebaut, die sich vor allem aus dem Spiel mit der Erwartungshaltung, quälend langsamen Kameraeinstellungen und erschreckenden oder blutigen Schockmomenten zusammensetzt. Die zweite Hälfte scheint immer mehr in die surreal-traumhafte, aus Wahnsinn und fiebriger Ausweglosigkeit bestehenden Welt zu versinken und bietet eine regelrechte Lehrstunde in verstörend schöner Horror-Romantik. Über all dem liegt natürlich der ausnehmend großartige Score von Philip Glass, der den Film wunderbar abrundet. 

Mit „Candyman“ hat Clive Barker nach den Ursprüngen von Legenden bzw. Mythen gesucht und ist in der Durchmischung von realem Grauen, in Form von sozialen Missständen, und in faszinierende, pechschwarze Diabolik übersetzte Romantik fündig geworden. Auch bleibt sich Autor Barker treu, was seine ikonischen Figuren angeht. Tony Todd gibt die Titelfigur, die zwischen melancholischem Dandy und heißblütigen Dämon pendelt, mit viel Charisma und verstörender Sinnlichkeit. Virginia Madsen verkörpert ihre Rolle mit unglaublich viel Hingabe und steuert durch den von ihr glaubhaft gemachten Leidensweg viel zum gelingen des gesamten Filmes bei. Fernab jeglicher Horrorklischees, ist Bernhard Rose eine faszinierende Umsetzung von Clive Barkers Kurzgeschichte (Book of Blood: The Forbidden) gelungen, die gezielt die Spannungskurve mit grausam schönen Bildern steuert. Dieses hymnische, gehaltvolle Gruselmärchen bietet wunderbar poetische Horrorromantik, dessen sozialkritischer Unterbau das gesamte Genre nicht nur sehr bereichert hat, sondern es auch ein wenig erwachsener und intelligenter werden ließ.

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