Von Sergio Corbuccis jüngerem Bruder Bruno, der zwar weniger bekannt war aber genauso fleißig Filme drehte und später oft mit Bud Spencer („Bud, der Ganovenschreck“, „Die Miami Cops“,„Aladin“) arbeitete, stammt dieser zumindest nicht durchgehend mit verbrauchten Motiven hantierende Italowestern.
Die akzentuierte Regie des großen Bruders fehlt Bruno zwar, doch über den Standards kann auch er inszenieren und so darf „Im Staub der Sonne“ getrost zu den besseren Genrebeiträgen gezählt werden.
Brian Kelly, dessen Schauspielkarriere nach diesem Film durch einen schweren Motorradunfall fast beendet wurde und dessen Name man am ehesten mit „Blade Runner“ als ausführender Produzent verbindet, mimt hier einen überaus gewitzten, einfallsreichen und intelligenten Pistolero, der mit dem Schießeisen und der Peitsche gleichermaßen umgehen kann und sich mittels einer mit getrocknetem Lehm improvisierten Lepra aus dem Gefängnis in Yuma befreien kann. Für seinen achtmonatigen Aufenthalt bedankt er sich auf tödliche Art bei seinem verräterischen Komplizen, wird darauf aber von einer Gruppe Mexikanern festgesetzt. Ihr Anführer, der Großgrundbesitzer Don Francisco Quintara (Folco Lulli), schlägt Chad (Kelly), dem schon die Schlinge angelegt wird, einen Deal vor. Gegen eine fürstliche Entlöhnung von 5000 Dollar soll er Quintaras Sohn Fidel (Fabrizio Moroni, „Für eine Handvoll Blei“, „Vier Fliegen auf grauem Samt“), der sich einer Gruppe von marodierenden Kriegsveteranen angeschlossen hat, an den heimischen Herd zurückholen.
Bruno Corbucci, der im Italowestern weitaus weniger als sein Bruder zustande brachte, macht formal alles richtig, kann sich auf einen guten Score Sante Maria Romitellis („Zwei Trottel im wilden Westen“, „Wir sind die Stärksten“) genauso wie auf den charismatisch aufspielenden Brian Kelly und das mit guten Ideen gespickte Drehbuch verlassen und kreiert eine Prämisse, sie sich auf den zweiten Blick als interessante Charakterstudie ausweist.
Denn Fidel, dem die starke Vaterfigur fehlt, und der sich mit seinem strengen Vater nie arrangieren konnte sucht nach einem Vorbild, an dem er sich orientieren kann, ausgerechnet in dieser Bande gealterter Verbrecher und glaubt ihn zunächst in Major Charlie Doneghan (Keenan Wynn, „Black Moon Rising“) zu finden, der leider, eine Schwäche des Drehbuchs, eine marginal ausgearbeitete Figur bleibt, deren Gefühle für Fidel nur rudimentär beleuchtet werden, auch wenn er später alles in Gang setzt um „seinen“ Fidel wieder zurückzuholen. Diverse Ausfälle, wie seine Ente, ein merkwürdiger Talisman, und nach Auflockerung strebender Humor innerhalb der eigenartigen von Doneghan geführten Gemeinschaft trüben leider die ambitionierte Studie.
Nach einem kleinen Durchhänger, der Fidel, Charlie und Anhang mittels eines Banküberfalls und einer späteren Schlägerei einweist, dringt dann auch Chad geschickt in diese Truppe hinein, indem er sich Fidels Vertrauen verdient und zufällig auch noch Charlie aus gemeinsamen Zeiten bei der Armee kennt. Nun folgt dieser Charlie aber seinen eigenen Regeln, bei Überfällen lieber mit List und Tücke an sein Ziel zu gelangen, anstatt auf pure Gewalt zu setzen, was ihn genauso wie Fidel anfällig für Chads geschickte Tattik macht, erst Loyalität, Einsatzbereitschaft und Zuversicht auszustrahlen, um dann Fidel aus Charlies Händen unter dem Vorwand von Auskundschaften des nächsten Überfalls zu lösen. Im Schlaf fesselt er ihn dann nachts und will ihn durch die Wüste zu seinem Vater zurückbringen, hat aber nicht mit Fidels hartnäckiger Widerspenstigkeit gerechnet. Jener in Folge von schwindenden Wasservorräten geführte verzweifelte Kampf ums Überleben durch die Wüste und ohne Wasser ist zwar kurz, aber ein ungemein intensiv gefilmtes Highlight.
In diesen Minuten keimt dann auch die besondere Beziehung zwischen Chad und Fidel auf, die beide noch gar nicht so richtig wahrnehmen. Als Fidel Chad anschießt, ihn zum Arzt bringt, auf der Straße erkannt wird und schließlich in die Bredouille gerät, ist es nämlich Chad, der ihm das Leben rettet. Ein spielerisches Katz- und Mausspiel des Entkommens und Einfangens führt zu kämpferischen Zweisamkeit der beiden Männer, die sich so gar nicht so unähnlich und so ebenbürtig sind, dass sie sich ständig gegenseitig austricksen, woraus der gegenseitige Respekt für den anderen erwächst.
Und so schweißt die Reise sie zusammen, obwohl sie nun einmal völlig gegenteiliger Ansichten sind. Bruno Corbucci scheinen in einigen Bildmontagen dabei mehrmals, ob bewusst oder unbewusst, homoerotische Andeutungen zwischen den beiden Protagonisten zu unterlaufen, auf die das Ende auch undeutlich hinweist, so dass ein Audiokommentar eine interessante Sache wäre. Nun ja, Bruno Corbucci und Brian Kelly weilen ja leider nicht mehr unter uns. Dagegen spricht aber zumindest Chads kurzes Gespräch mit Sally (Erika Blanc, „Django – Sein letzter Gruß“, „Django und Sabata - Wie blutige Geier“).
Seine Vergangenheit soll nicht nur Fidel in Person von Chad, der Fidels Vater vertritt, sondern auch den Gesandten selbst schließlich einholen, als ihn ein paar Soldaten seiner ehemaligen Einheit als Deserteur identifizieren und zwecks Erschießungskommando in Gewahrsam neben, worauf sich seinerseits Fidel dann mit einer beherzten Tat bei Chad des Nachts revanchiert und sehr viel Einfallsreichtum an den Tag legt, indem er eine Frucht als Schalldämpfer für seine Pistole zweckentfremdet und mit Dynamit genügend Verwirrung stiftend, bis das Duo die zahlenmäßig deutlich überlegenen Soldaten überwältigen.
Natürlich führt der Weg Fidel und Chad am Ende auf die Farm von Quintara, der inzwischen ganz neue Einsichten gewonnen hat, was zu einem groß angelegten Shootout mit einem hohen Bodycount führt, der das zweite inszenatorische Highlight gibt. Besonders die bewegliche Kameraführung und der doppelt tragische Ausgang inklusive der symbolträchtigen Kreuzigung seien dabei lobend erwähnt und in den letzten, toll in Szene gesetzten Einstellungen endet dann wirklich alles.
Fazit:
Guter Italowestern der intelligenteren Sorte, dem das Großartige fehlt, der jedoch ganz zweifellos seine Qualitäten hat und sich seinem relativ unverbrauchten Thema ganz souverän nähert.
Bruno Corbucci dringt nicht in die Liga seines Bruder vor, versteht aber auch viel von seinem Handwerk und behält bis auf kleinere Patzer alles im Griff, so dass man bei „Im Staub der Sonne“ von einem gehaltvollen Italowestern schreiben kann, der gute Darstellerleistungen n und ebenso ein gelungenes Drehbuch vorzuweisen hat, das keine Ermüdungserscheinungen besitzt. Sicherlich hätte sich mit den Gesetzeshütern im Nacken noch mehr Spannung aus der Prämisse kitzeln lassen können, doch der Fokus gilt nun einmal dem Duo und seiner Entwicklung. Darüber hinaus kann man der Produktion zu seinen geballten Ambitionen gratulieren. Ganz klar einer der Besseren!