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Die Dunkelheit ruft wieder an. Und diesmal sollte man verdammt nochmal abheben.

Manchmal genügt ein einziger Anruf, um alles zu verändern. Und manchmal ist es der zweite, der wirklich durchdringt. „Black Phone 2“ ist genau dieses Wunderkind: eine Fortsetzung, die den eher lauwarmen Vorgänger nicht nur übertrifft, sondern ihn rückblickend fast wie eine bloße Skizze wirken lässt – der grobe Entwurf eines Horrorgemäldes, das Scott Derrickson nun mit sicherer Hand und mutiger Vision zu Ende malt. Derrickson, der mit „Sinister“ schon vor Jahren bewiesen hat, dass er das Grauen nicht nur inszenieren, sondern zelebrieren kann, legt hier eine ordentliche Schippe Atmosphäre, Suspense und Brutalität drauf – und zwar mit einer Präzision, die fast schon beängstigend ist. Was 2021 als solides, aber etwas zaghaftes Horrordrama begann, verwandelt sich nun – vier Jahre später – in ein finsteres Meisterstück aus Atmosphäre, Wucht und hypnotischer Schönheit. Es ist, als hätte Derrickson selbst einen Pakt mit seinen filmischen Dämonen geschlossen, um die Essenz des 80er-Horrors durch das Zelluloid seiner Kamera zu jagen. Das Ergebnis ist ein hypnotisch verstörendes, fast schon transzendentes Stück Genre-Kino, das den Puls erhöht und die Sinne betört. Und ja – das ist keine Übertreibung.

Bereits die fantastische Eröffnungssequenz lässt keinen Zweifel: Derrickson meint es ernst. Wo der erste Teil sich noch tastend dem Bösen näherte, wirft uns die Fortsetzung kopfüber hinein. Derrickson schneidet Archivbilder, Kinderlachen, Blutspritzer und VHS-Ästhetik zu einer tranceartigen Collage des Unbehagens zusammen. Der körnige Look des Films, irgendwo zwischen Super-8-Rausch und abgenutztem Zelluloid, verstärkt dieses Gefühl noch – man meint, in vergessene, verfluchte Heimvideos aus den 80ern zu blicken. Und das ist auch das Zauberwort: die 80er. Derrickson fängt diese Ära so detailverliebt, so glaubwürdig und so atmosphärisch dicht ein, dass man fast meint, der Geruch von kaltem Metall und altem Staub liege in der Luft. Wenn Neonlichter flackern, Kinder auf BMX-Rädern durch Nebelschwaden fahren und ein Synthie-Score die Nacht zum Vibrieren bringt – dann weiß man: Hier versteht jemand sein Handwerk.

Während der erste „Black Phone“ vor allem die klaustrophobische Enge eines Kellers und das Duell zwischen dem jungen Finney (Mason Thames) und dem sadistischen Greifer (Ethan Hawke) auslotete, öffnet sich „Black Phone 2“ in jeder Hinsicht. Hier steht Gwen (Madeleine McGraw) im Mittelpunkt – Finneys kleine Schwester, die schon im ersten Teil mit ihren albtraumhaften Visionen den Hauch des Übernatürlichen ins Geschehen brachte. McGraw, schon im Vorgänger das emotionale Herz des Films, trägt hier die Handlung mit einer Mischung aus Verletzlichkeit und unbeugsamer Stärke, die schlicht umwerfend ist. Das Drehbuch – wieder von Derrickson und seinem langjährigen Partner C. Robert Cargill – verschiebt geschickt die Perspektive. Es ist kein Film mehr über Opfer und Täter, sondern über Schuld, Traumata und das Echo des Bösen. Gwen wird von Visionen und Träumen geplagt, die sie zurück in die Fänge des Greifers führen – oder zumindest in die Schatten seiner Vergangenheit. Diese Traumsequenzen sind nicht bloß Mittel zum Zweck, sondern Höhepunkte des Films: visuell berauschend, surreal, fast schon poetisch in ihrer Beklemmung. Immer wieder schiebt sich die Realität in diese Traumwelt – und umgekehrt. Derrickson spielt hier mit der filmischen Sprache des Surrealismus – irgendwo zwischen Lynch, Argento und einem verstörten Stephen King. Es ist diese filmische Grauzone, in der Derrickson brilliert: Er versteht, dass Horror nicht aus Schockmomenten besteht, sondern aus Spannung, Atmosphäre und Ahnung.

Ethan Hawke, im ersten Teil noch ein kalkulierter Psychopath und nicht wirklich bedrohlich, steigert sich hier zur reinen Verkörperung des Bösen. Er entfesselt ein wahres Inferno der Bedrohung – dämonisch, gebrochen, unberechenbar, fast übernatürlich. Der „Greifer“ ist kein Mensch mehr, sondern eine mythologische Figur – eine Art urbane Legende in Fleisch und Blut. Mit seinem dunkelblauen Anzug, der verbrannten Haut und dieser maskenhaften Präsenz wirkt er wie eine unheilige Mischung aus Michael Myers und Freddy Krueger – ein Albtraum, der durch die Jahrzehnte wandert. Hawke spielt diese Figur mit unheimlicher Kontrolle. Er übertreibt nie, er genießt das Grauen, das er erzeugt. Eine Art dämonischer Gentleman, der seine Opfer nicht quält, sondern kuratiert. Hawke spielt hier mit einer kalten Eleganz, die an die große Schule des Horrors erinnert. Kein Grimassen-Schurke, kein Effekt-Monster – sondern ein stiller, schleichender Albtraum, der weiß, dass Schweigen bedrohlicher sein kann als ein Schrei. Es ist diese Mischung aus kultivierter Bosheit und animalischer Gewalt, die ihn zu einer der faszinierendsten Horrorfiguren der letzten Jahre macht. Doch der wahre Triumph gehört Madeleine McGraw. Gwen ist eine moderne Final Girl-Ikone, irgendwo zwischen Nancy aus „Nightmare on Elm Street“ und Laurie Strode. Sie schreit nicht nur – sie kämpft, zweifelt, wächst. McGraw trägt den Film mit einer Intensität, die weit über ihr Alter hinausgeht. Mason Thames, als Finney, spielt diesmal im Hintergrund, doch gerade das macht seine Szenen umso wirkungsvoller. Die Geschwisterbeziehung – diese leise, unsentimentale Verbundenheit – bildet das emotionale Rückgrat des Films.

Man merkt in jeder Einstellung: Scott Derrickson liebt das Horrorkino. Er huldigt offen seinen Vorbildern, denn „Black Phone 2“ ist ein Film voller Zitate, aber ohne Anführungszeichen. Man spürt die Schatten von „Freitag der 13.“, den Traumterror von „Nightmare on Elm Street“, das beharrliche Böse von Carpenter. Wenn Gwen durch die nächtlichen Wälder rennt, während ein maskierter Schatten sie beobachtet, fühlt man die DNA der Slasher-Klassiker. Wenn ihre Träume sie in albtraumhafte Parallelwelten ziehen, ist das ein klarer Gruß an Freddy Krueger – und doch bleibt alles unverkennbar Derrickson. Seine Zitate sind keine Kopien, sondern Hommagen mit Haltung. Er nimmt die Zutaten des klassischen Horrors und destilliert daraus etwas Eigenes. Seine Handschrift – diese Mischung aus psychologischem Terror, melancholischer Schönheit und handfester Brutalität – bleibt unverkennbar. Derrickson beweist, dass Horror mehr sein kann als Jumpscares: Er kann Kunst sein, Emotion, Poesie. Er beweist, dass Brutalität nicht im Widerspruch zu Schönheit steht. Und dass Horror dann am effektivsten ist, wenn er sich nicht erklären will.

Fazit

„Black Phone 2“ ist ein Triumph des modernen Horrorkinos. Atmosphärisch, intensiv, emotional und brillant inszeniert. Er ist – und das darf man ruhig so deutlich sagen – Scott Derricksons bester Film. Und vielleicht sogar einer der besten Horrorfilme der letzten Jahre. Derrickson hat hier das Kunststück vollbracht, einen modernen Klassiker zu erschaffen, der sich nahtlos in die Tradition der großen 80er-Horrorwerke einfügt und zugleich etwas ganz Eigenes bleibt. Ein Werk, das mit jedem Frame, jedem Atemzug, jedem Telefonklingeln sagt: Das Grauen ist zurück. Und es hat Stil. Und ein klares Signal an Hollywood: So geht Horror.








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