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Investigativer Journalismus geht oft dorthin, wo es richtig wehtut, dringt in menschliche Abgründe ein und tastet sich zu No-Go-Areas vor. Fünf Jahre nach seinem Regiedebüt widmet sich der Franzose Peter Dourountzis erneut der dunklen Seite der Gesellschaft in Form eines düsteren Thrillers.

Journalist Sam und seine Tochter und Praktikantin Ava ermitteln in einem Fall von Femizid: Ein Mädchen wurde attackiert und schließlich mit Säure überschüttet. Recherchen ergeben einen ähnlich gelagerten Fall, welcher sich vor zwei Jahren ereignete und die beiden in die tiefste französische Provinz führt. Per CBS-Funk folgen sie einer Spur, welche sie den mutmaßlichen Tätern näher bringt, als ihnen lieb sein dürfte…

Natürlich gibt es in jedem Job schwarze Schafe oder zumindest dubiose Vorgehensweisen, welche auch hier ambivalent dargestellt werden. Sam, der eher kühl und analytisch vorgeht, greift auch mal auf Halbwahrheiten zurück, manipuliert Zeugen und lässt gegebenenfalls nützliche Dinge mitgehen. Ihm haftet eine gewisse Unnahbarkeit an, welche sich auch im Verhältnis zu seiner weitgehend unerfahrenen Tochter widerspiegelt und woraus ein Großteil der nüchternen Atmosphäre besteht.

Die angesteuerten Orte sind oft in ein tristes Blau-Grau getaucht, augenscheinlich besteht Frankreich aus nicht einer erwähnenswerten Sehenswürdigkeit und selbst die Begehung eines Tatortes, einem Feld bei Sonnenaufgang, versprüht Isolation und Einsamkeit. Im Zweifel sind die Journalisten auf sich allein gestellt und obgleich nützliche Kontakte bestehen, werden hilfreiche Daten nur im Austausch mit kleinen Gefallen herausgegeben.

Entsprechend erhält man einen weitgehend realistisch anmutenden Eindruck der Journalistenarbeit, bei der Sam noch an das gedruckte Wort festhält und sich auf altmodische Weise Stichworte ins Notizbuch kritzelt. Im erfrischenden Kontrast dazu liefert Ava hilfreiche Fakten mit dem flüchtigen Stöbern in den sozialen Medien. Schade, dass sich das Team im Verlauf nur bedingt ergänzt und im finalen Akt zu kleinen Unachtsamkeiten neigt.

Denn hier gerät das Unterfangen merklich spannender und gleichermaßen ein wenig klaustrophobisch, als sich in einem Restaurant die Schlinge enger zieht. Das Timing ist auf den Punkt und obgleich dem Showdown keine übermäßige Action anhaftet, zieht er durchaus in seinen Bann. Auf zwischenmenschlicher Ebene hätte man zum Abschluss eventuell noch ein, zwei Szenen ergänzen können, zumal angeschnittene Nebenhandlungsstränge teils ins Leere laufen.

Insofern dauert es in der ersten Hälfte ein wenig, bis der Fall konkretere Formen annimmt und aufgrund klarer Fakten einige Reibungspunkte entstehen. Während darstellerisch nichts anzukreiden ist, handwerklich angenehm schnörkellos vorgegangen wird und der Score allenfalls kleine Nuancen zur Verstärkung der Atmosphäre beiträgt, dreht die Geschichte in der letzten halben Stunde in Sachen Spannung auf, ohne dabei allzu konventionelle Muster zu bedienen. Ein nüchtern gestalteter Thriller, der mit etwas mehr Tempo in der ersten Hälfte wahrscheinlich noch fesselnder ausgefallen wäre.
Knapp
7 von 10 



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