Livin’ la vieja loca
Es gibt eine simple Drehbuchregel, die in den allermeisten Mainstreamfilmen und -serien Anwendung findet und die Blake Snyder in seiner gleichnamigen Skriptbibel schön auf den Punkt gebracht hat: „Save the cat“. Im Klartext bedeutet das, dass der Held in den ersten Minuten seiner Einführung eine gute Tat vollbringen muss, um das Publikum auf seine Seite zu bringen.
Wenn Pedro (Daniel Hendler) zu Beginn des Films am Haus von Alicia (Carmen Maura) ankommt, dabei als erstes (versehentlich) Alicias Hund überfährt und diesen dann notdürftig mit einer Plane bedeckt neben die Straße legt, lässt dies im Umkehrschluss vermuten, dass diese Tat nicht ungesühnt bleibt. Ob das, was ihn im Lauf der nächsten Stunden erwartet, wirklich einen angemessenen moralischen Ausgleich darstellt, ist allerdings fraglich.
Immerhin tut Pedro nur seiner Ex Laura einen Gefallen und schaut nach ihrer Mutter. Laura ist auf einem Kurztrip unterwegs und erhält alarmierende Anrufe von Alicia, die offenbar ihre Pillen nicht nimmt, sich mit der Pflegerin verstritten hat und nun schon zum dritten Mal nach demselben Nachtischrezept fragt. Auftritt Pedro. Der bekommt vor Ort langsam zu spüren, dass die Demenzschübe Alicias gefährliche Formen annehmen, denn sie bringt Pedro mit grausamen Erinnerungen aus ihrer Vergangenheit zusammen, die nicht einmal ihre Tochter kennt.
Regisseur und Drehbuchautor Martín Mauregui inszeniert seinen ersten Film als intensives, spannendes Kammerspiel zwischen MISERY und Hagsploitation, ohne je den Respekt vor seiner starken Hauptdarstellerin zu verlieren. Carmen Maura darf hier Dinge tun, die nicht einmal Pedro Almodóvar in seiner kontroversen Frühphase von ihr verlangt hätte. Dass dies Mauras Film ist, dafür spricht auch ein Ende, das man sich als Debütant erst mal trauen muss. Trotz ein paar Drehbuchlücken ein atmosphärischer und hochwertiger Beitrag in diesem speziellen Subgenre.