Der Mann, der nicht stirbt – und das Kino, das nicht bremst
Es gibt Fortsetzungen, die erklären wollen. Und es gibt solche, die eskalieren. „SISU: Road to Revenge“ gehört zur zweiten, zunehmend seltenen Kategorie: ein Film, der nicht fragt, ob er darf, sondern nur, wie viel noch geht. Jalmari Helander, finnischer Regisseur mit Hang zur archaischen Überzeichnung, setzt seinen Überraschungserfolg „SISU“ nicht einfach fort – er überzeichnet ihn, steigert ihn, treibt ihn bis an jene Grenze, an der Realismus endgültig zur Nebensache wird. Er schraubt an sämtlichen Reglern so weit nach rechts, dass die Skala eigentlich neu beschriftet werden müsste. Wo der erste Film noch eine gewisse Erdung besaß, ein Minimum an historischer Schwere und physischer Plausibilität, wird nun alles aufgefahren, was das Actionkino an kinetischer Gewalt und ikonischer Übertreibung hergibt. Das Ergebnis ist ein Film, der streckenweise weniger wie Kino wirkt als wie ein ultrabrutaler, nihilistischer Cartoon
Die Handlung von „SISU: Road to Revenge“ ist – und das ist ausdrücklich als Kompliment gemeint – dünn wie Rasierklingenstahl. Aatami Korpi ist zurück, und mit ihm die Gewissheit, dass alles, was sich ihm in den Weg stellt, entweder stirbt oder schwer darüber nachdenkt. Eine kurze, fast elegische Sequenz zu Beginn wirft einen Blick auf Aatamis Vergangenheit, auf Verlust, Kriegstrauma und das emotionale Fundament seiner unerschütterlichen Härte. Danach allerdings heißt es: Vollgas. Das Gaspedal wird nicht nur durchgetreten, sondern offenbar im Boden verschraubt. Der Film wird zur linearen Odyssee der Vergeltung, einer Bewegung nach vorn, ohne Rückspiegel. Psychologie wird nicht erklärt, sondern exekutiert. Motivation nicht diskutiert, sondern detoniert.
Das Drehbuch folgt dem Prinzip der maximalen Reduktion. Dialoge sind Mangelware, Exposition wird auf das Nötigste heruntergekocht. Stattdessen erzählt der Film über Aktion, Rhythmus und visuelle Metaphern. Er trägt wieder diesen rauen, staubigen, fast schmutzigen Grundton in sich. „SISU: Road to Revenge“ fühlt sich an wie ein Western, der durch einen postapokalyptischen Fleischwolf gedreht wurde. Der Film entwickelt daraus eine fast mythische Qualität: Hier kämpft kein Mensch gegen Menschen, sondern eine Naturgewalt gegen alles, was sich ihr in den Weg stellt. Diese Überhöhung ist bewusst gesetzt. Der Film will nicht realistisch sein, sondern ikonisch. Aatami ist weniger Figur als Konzept: unaufhaltsame Entschlossenheit in menschlicher Gestalt.
Helander fährt alles auf, was das Actionkino hergibt: Verfolgungsjagden, Motorräder, Panzer, Flugzeuge, Explosionen, Schusswechsel von geradezu opernhafter Blutigkeit – es ist das volle Programm, ohne Rücksicht auf Vernunft oder Wahrscheinlichkeit. Manche Szenen sind derart over the top, dass sie eher an einen ultrabrutalen Cartoon erinnern als an klassisches Genrekino. Und das ist keineswegs negativ. Wo der erste Teil noch eine gewisse Bodenhaftung bewahrte, hebt diese Fortsetzung vollständig ab. Die Nähe zu „Mad Max: Fury Road“ ist unübersehbar: Bewegung als narrative Kraft, Geschwindigkeit als dramaturgisches Prinzip. Es ist ein Film, der rennt, stolpert, explodiert – und nie innehält. Manche Szenen sind dermaßen grotesk überzeichnet, manchmal fast „too much“, aber immer kontrolliert.
Im Zentrum all dessen steht erneut Jorma Tommila. Seine Darstellung des Aatami Korpi ist ein Lehrstück in minimalistischer Schauspielkunst. Kaum Worte, kaum Mimik – und dennoch transportiert er eine überraschende emotionale Tiefe. In seinem Gesicht liegt Entschlossenheit, Schmerz, Müdigkeit – und eine fast religiöse Unaufhaltsamkeit. Aatami ist kein Rächer aus Lust, sondern aus Notwendigkeit. Tommila gelingt es, diese Ambivalenz allein über Präsenz und Körperlichkeit zu vermitteln. Als Gegenspieler liefert Stephen Lang das perfekte Kontrastprogramm. Sein Antagonist ist ein herrlich fieser Drecksack, genüsslich gespielt, voller sadistischer Energie. Ein Duell der Extreme, getragen von physischer Präsenz und schauspielerischer Präzision.
Fazit
„SISU: Road to Revenge“ ist kein Film für Zartbesaitete und kein Werk für Freunde realistischer Zurückhaltung. Er ist laut, brutal, grotesk überzeichnet. Helander nimmt das Konzept des ersten Films und treibt es bis an den Rand des Absurden, manchmal sogar darüber hinaus. Nicht jede Eskalation zündet, nicht jede Überzeichnung ist notwendig. Aber der Mut zur Maßlosigkeit, die kompromisslose Vision und die handwerkliche Souveränität machen diesen Film zu einem der radikaleren Actionerlebnisse der letzten Jahre. Das ist Kino als Faustschlag, als adrenalinhaltiger Rausch, als ironisch grinsende Übertreibung. Ein wilder, blutgetränkter Ritt, der vielleicht nicht immer elegant ist, aber selten so viel unbeirrbare Wucht entfaltet.