Ein Maskierter Schrotflinten Cowboy dringt hoch zu Roß in einem Saloon ein. Nachdem der Finsterling den Wirt um seine Tageseinnahme erleichtert hat, heben ihn zwei Kugeln aus dem Sattel. Die zwei unterschiedlichen Schützen diskutieren nun wer die Wirtin besteigen bzw. die Lokalkasse behalten darf. Der "YANKEE" überlässt seinen vollkommen überraschten mexikanischen Kontrahenten die enttäuschte Wirtin und reitet zufrieden in die Morgensonne.
Dies ist der Beginn vom einzigen Italo Westerns des späteren Erotik Fachmannes TINTO BRASS. Bei "YANKEE" handelt es sich um eine echte Rarität. Der Film ist nach seiner deutschen Kino Erstaufführung total in der Versenkung verschwunden. TV Ausstrahlungen oder Super 8 / Video Verwurschtungen wurden von Anbietern leider nie in Erwägung gezogen. Das DVD Label Koch Media, welches sich seit Jahren auf Italienische Leckerbissen spezialisiert hat, machte mir nun nach dem vergleichsweise seltenen bis dahin auch stark gesuchten BLINDMAN, eine weitere Riesenfreude und veröffentlichte "YANKEE" als sehr schöne Presentation. Leider hält "YANKEE" nicht meiner jahrelangen Erwartungshaltung stand. Die Gründe dafür sind vielseitig. Man merkt einfach das der damals 32 Jahre alte TINTO B. nicht gerade ein Western Fachmann ist. BRASS legt eine total verspielte Regiearbeit vor, er experimentierte begeistert und lotetete seine Möglichkeiten aus. Auf die Handlung gehe ich bewußt nicht weiter ein, da diese eine Mischung aus LEONES Dollarfilmen und jeden mir bekannten Spaghetti Western der "C Klasse" ähnelt. Der Hauptdarsteller PHILIPPE LEROY ist ein toller Schauspieler. Kenner von DI LEO Genre Klassikern werden niemals seine geniale Perfomance aus MILANO CALIBRO 9 vergessen. Als Revolverschwinger wirkt LEROY aber leider mehrmals unfreiwillig komisch. Der Mann hat eine erstaunliche Physis, diese kann z.B. in der Folterszene bewundert werden. Sein Gehüpfe auf den Mauern der Geisterstadt (und nicht nur dort) erinnerte mich dann leider doch stark an einen Helden meiner Kindheit. Der Grashopper Flip aus der japanischen Kinderserie Biene Maja ist übrigens gemeint (hü Hüpf ...). Man stelle sich einmal CLINT EASTWOOD in seinen Klassikern ständig hüpfend im Poncho vor, einfach lächerlich und genau so wirkt LEROY des öfteren. Außerdem wage ich zu behaupten, das LEROY seine Rolle leicht schwul angelegt / herausgearbeitet hat. Dies ist nicht verwerflich (im Gegenteil, auch in Giulio Questies Meilenstein SE SEI VIVO,SPARA treiben sich dutzende Homo Gunfighter herum), mir persönlich gefällt LEROY in so einer Rolle einfach nicht. Etwas anders sieht es da schon beim Schurken des Films aus. ADOLFO CELI ist "Der Große Concho" (die dutzendfache Erwähnung dieses Namens im Film strapazierte auch stark meine Nerven) und erweitert mit seiner gekonnten Perfomance die lange Liste von charismatischen ekelhaft verkommenen Mexikanischen Bandenbossen. Sein Motto lautet "Verbrenne die anderen, bevor sie dich verbrennen" (durchaus interessanter Standpunkt), genau so sieht Concho auch aus und so handelt er. Die Musik des Trompeters NINO ROSSO ist schwach (der "YANKEE" pfeift im Film auch gerne mal das Titelstück) und gefällt mir persönlich überhaupt nicht. MORRICONE oder CIPRIANI wären da sicher die weitaus bessere Alternative gewesen. Zu den Pluspunten des Streifens muß unbedingt die ungewöhnliche Farbkamera von ALFIO CONTINIS gezählt werden. Seltsame und für einen Spaghetti Western absurd ungewohnte, verspielt surreale Perspektiven erfeuen das Auge. Da sind wir dann wieder bei der Experimentierfreude von TINTO BRASS angelangt. Wer aufmerksam hinschaut, wird Zeuge von TINTOS eigentlicher Passion. Die einzige Frau des Films wird mit einer Totalen ihrer (rot lackierten) Füßchen eingeführt. Später erwartet die Dame den "YANKEE" lüstern in der Badewanne. Bald darauf ist sie halbnackt an einem Pfahl gewickelt. Der sympathische Italiener nimmt seinen Genre Film nicht so ernst, er wollte offensichtlich Spaß haben und dieser kann eigentlich allen am Film Beteiligten tatsächlich angesehen werden. Ach ja, die Rasierszene muß TONINO VALERII und CLINT EASTWOOD ziemlich gefallen haben. Beide Filmemacher ließen sich inspirieren und bauten diese Sequenz noch aus (in IL MIO NOME E NESSUNO und HIGH PLANES DRIFTER).
Für beinharte Fans des Genres bietet "YANKEE" durchaus 93 interessante Minuten. Der von mir erwartete Überhammer ist der Pop Art Western "YANKEE" leider nicht geworden, irgendwie finde ich das sehr schade....