Review

Nordengland. Jem (Sean Bean) bricht tief in die Wälder auf, um seinen Bruder Ray (Daniel Day-Lewis) aufzusuchen. Jem bittet Ray, der seit Jahren allein im Wald lebt, mit in seine zerrüttete Vergangenheit zurückzukehren.

Anemone ist ein unfassbar zäher, sehr träger und bis zur Unerträglichkeit finsterer, ein vermeintlich zynischer Film. Zunächst wird wenig gesprochen, Anemone wirkt sofort wie ein an allen Seiten abgeplatztes, verletztes und gebrochenes Fragment einer gänzlich anderen Erzählung, die längst vergangen und vorbei ist. Sämtliche Figuren und deren Positionen sind karg, abweisend und verwirrend angelegt. Der Zeitgeschichtliche Teil von Anemone kommt ohne grobes Vorwissen über England und Irland nicht hoch auf und auch der Fokus des Films, ist von Minute eins bis zur letzten Sekunde seltsam vertrackt, wie eine Art Nachruf auf eine viel interessante Ursprungsgeschichte angelegt. Ronan Day-Lewis und sein Vater Daniel Day-Lewis legen Anemone als ein Danach an. Zwischen Wut und Verzweiflung, Angst und Bitterkeit, Wehmut, Wehklagen und vielen Augenblicken, in denen gar nichts, außer gespenstische Ruhe und Unruhe, zu hören und zu sehen ist, ist dieser Film mutig in seiner abschreckend flackernden Gesamtaura. Bis weit über die Hälfte hinaus bildet sich dann eine Art Verständnis für die Handlung heraus, die Schweigsamkeit der ersten Minuten weicht vielen intensiven Monologen und einigen herausragenden Dialogen. Anemone ist mythisch zerklüftetes Kammerspiel zwischen den Brüdern Ray und Jem, ist vorsichtig tristes und graues Kammerspiel zwischen Nessa (Samantha Morton) und ihrem Sohn Brian (Samuel Bottomley). Alle sind für fast zwei Stunden Spieldauer auf den Weg zueinander. Warum das so ist, wird nach und nach klar, wohin es führen kann, macht den Brüdern und der Mutter, dem Sohn und auch dem Zuschauer sichtlich Angst. Nicht nur hierin ist das Skript großartig und das ist wirklich nicht leicht auszumachen, weil sich diese Stärke, das Motiv Angst zwar immer wieder in Spitzen und Kanten zeigt, aber erst so richtig durchbricht, als es auf's Ende zugeht.

Einem Sturm gleich geht der Film einem Ende entgegen, das man kurz vor diesem eigentlich gar nicht sehen will. Ein tatsächlicher Sturm leitet dieses letztlich brillante Finale ein. Anemone hat wohl um die 14 Millionen Dollar gekostet und das klingt jetzt eigenartig, aber das sieht man auch. Ich hätte das Projekt günstiger eingeschätzt, weil der Raum ja sehr begrenzt ist, aber was da durchweg an visuellen Großtaten zu bestaunen ist, macht spätestens dann mächtigen Eindruck, wenn Anemone in einen Hagelsturm sondergleichen einbricht. Brutal tosender Wind, gefährliche Eisbrocken, Kälte, überall Kälte. Das ist das klirrende Band, welche alle Figuren zum ersten Mal schnürt und immer weiter zueinander treibt. Das muss man gesehen haben, fantastisch! Auch sonst beweist sich Ronan Day-Lewis und sein starkes Team. Dunkelgrüne Bilderfluten von Anfang bis Ende, rauschende Wälder und klares Wasser, überall Holzmassen, mal morsch, mal unzerstörbar wirkend. Anemone wirkt in seiner Natur wuchtig, unwegsam und ehrfürchtig, in den Szenen, welche zwischen Nessa und Brian spielen, also in der Zivilisation, will man eigentlich nur weg, so verrostet, verfallen und eingefallen leblos, wie das eingefangen ist. Kamera, Perspektiven und Schnitt empfinde ich als herausragend, in dieser Hinsicht vielleicht der eindrucksvollste Film des letzten Jahres, weil sich auch die surrealen und gut getricksten Bilderwelten beunruhigend einfügen. Kunstwerk.

Ronan Day-Lewis und seine Mitschaffenden hinterlassen hiermit markante Stanzen.

Getragen wird Anemone dabei von durchweg super Mimen. Samantha Morton ist, nachdem sie im letzten Drittel einen unglaublichen Text hat, so wundervoll und voller Hoffnung, Sean Bean spielt sein eher ruhiges und kraftvolles Repertoire aus, umschifft Daniel Day-Lewis als unterschwelliger Konter. Beide Akteure haben sich jeweils im Griff und agieren auf Augenhöhe. Sie spielen sich als Gegensätze in vielen Szenen mit großer Freude zur Hochform auf, auch wenn Daniel Day-Lewis klar die dankbarere Rolle innehat. Samuel Bottomley, also der ebenso zerrissene Sohn in der Geschichte, spielt in der Liga der ebengenannten. Man darf gespannt sein, was da noch kommt. Highlight ist aber letztlich Daniel Day-Lewis, der aus dem einst verkündeten Ruhestand abermals zurückkehrt, um der Filmwelt zu zeigen, wie gut er nach wie vor ist. Und er ist so grandios wie immer. Eine routinierte Variation seiner unsterblichen Großtaten (There will be Blood und Gangs of New York), aber das ist in dieser Güte und mit dieser Energie immer sehenswert. Ganz toller und auch unerwartet schiefer Auftritt. Es ist so ein bisschen schade, dass er bei den aktuellen Preisverleihungen, nun ja, übersehen wird. Dieser Auftritt ist erlösendes Platin für jene, die Day-Lewis immer gerne erleben.

Wegen Daniel Day-Lewis geschaut, aber so viel mehr bekommen. Die ergreifende Kür ist der gut ausgewählte Soundtrack und der wahrlich überragende Score von Bobby Krlic. Diese schroffen Songs, diese herzzerreißenden Motive und Klangwelten haben mich richtig gepackt. Zwischen sphärisch flirrender Ruhe und grollenden Klangwänden, pendelt Krlic durch diesen wundersam verkopften Film hindurch. Wer was für dissonante, ätherisch nachsingende und drückende Musik übrig hat, den wird das hier mitreißen. Diese magische Musik fängt auch die zahlreichen surrealen, alptraumhaften und unerklärlichen Sequenzen ein, die der Film immer wieder bettet. Mal ungenau religiös, mal mythisch überhöht, mal ganz märchenhaft und fantastisch, dann wieder grotesk und verstörend. Im Abspann, als Überraschung, der Song A Quick One Before the Eternal Worm Devours Connecticut von der Band Have a nice life, was eines meiner meistgehörtesten Lieder überhaupt ist. Am Ende ein Film, der nicht nur ist, als war es vorher wirklich Wahnsinn, sondern auch einer, der mit seiner letzten und überaus genialen Szene zeigt; danach geht in eine neue Richtung.

Anemone ist ein zäher, schwerer und finsterer, ein vermeintlich zynisch Film, aber auch schief verrückt und sperrig spröde, hochemotional und biestig schön. Das widerspricht sich in meinen Worten, der Wertung und meinem Empfinden für dieses Meisterwerk total, auch weil ich die tief schneidenden Konfliktthemen zwischen Brüdern, Vätern, Söhnen und der Mutter zumeist da halte, wo ich sie persönlich für gut aufgehoben halte; nämlich im Rückspiegel. Doch Anemone spießt Tag um Tag stärker auf mich ein und lässt mich seit langer Zeit nicht mehr, vielleicht nie mehr los.

Warum? Ich weiß es nicht.









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