Bumm. Bang. Irgendwas ist immer auf Kollisionskurs in der Welt von Shane Black. Manchmal Kugeln… oftmals Fäuste… zuverlässig immerzu Worte. Wie etwa im Sandkastenprolog seines neuesten Streichs „Play Dirty“, wo sich eine Gruppe professioneller Diebe nach einem erfolgreichen Einsatz in einer Hütte sammelt, um Bestandsaufnahme zu machen. Eine kleine Ablenkung, eine heftige Eskalation, und schon ist der Boden bereitet für zwei Stunden wie aus dem Effeff.
Nach sieben Jahren in der Versenkung kehrt eine Autorenlegende des Actiongenres also mit einem für die Amazon-Studios produzierten, locker aufgeschlagenen Heist-Thriller zurück. Das ist eine Formel, die durchaus mit Blacks Wohnzimmereinrichtung harmonieren dürfte. Nachdem er mit „Predator: Upgrade“ (2018) ein Vakuum voller Fragezeichen hinterlassen hatte, verweisen die Zutaten aber doch inzwischen eher auf die Handschrift des produzierenden Studios, das zuletzt unzählige ähnliche Plots für die Streaming-Premiere durchgewunken hat.
Ein Star mit Zugkraft, eine Verschwörung, viel Tempo, Spaß und Action… Malen nach Zahlen nennt man das, und gedanklich findet man sich schon mit einer weiteren ideenlosen Variation der immer gleichen Video-on-Demand-Grundversorgung ab, die sich permanent um sympathisch gezeichnete Soziopathen zu drehen scheint, die Schneisen durch das öffentliche Leben ziehen und einfach ihr Ding machen – wohl ein unerfülltes Begehr vieler gleichgeschalteter Streaming-Kunden, welches hier bedient werden soll.
Dann setzt der Vorspann ein. Stilisiert. Entrückt. Mit dissonantem Jazz versetzt. Fast ein wenig Bond-like, als solle die zugrundeliegende Romanfigur aus der Feder Donald Westlakes, die erstmals 1967 von Lee Marvin in „Point Blank“ und zuletzt 2013 von Jason Statham in „Parker“ gespielt wurde, auf entsprechendem Niveau serialisiert werden.
Es ist ein erster Hallowach-Tupfer über einem ursprünglich zeitlosen Grundteig, der unter dem großen „A“ zuletzt zu einem grauen Brei zerflossen war und mittels Übersättigung beinahe schon droht, den Tod aller Western und Sandalenfilme und Katastrophenfilme zu sterben. Wenn Mark Wahlberg mitspielt, weiß man eben inzwischen auch aus Erfahrung, dass man es nicht gerade mit der Sorte Stoff zu tun hat, die das gewisse Etwas hat.
Wie die meisten Streifen in Wahlbergs Vita greift auch „Play Dirty“ zur Hefe aus dem Discounter-Angebot, was ihn essenziell zu einem weiteren dieser Inhalte macht, die man gemütlich wegsnacken oder einfach auslassen kann, ohne dass diese Entscheidung lebensverändernde Konsequenzen hätte. Black setzt immerhin alles daran, sein kleines Comeback innerhalb dieser Gruppe von Filmen besonders hervorzuheben, wenn man schon dazu gezwungen ist, unter diesen zahllosen Artefakten der Austauschbarkeit zu selektieren.
Dies macht er so altväterlich auf archaische Muster setzend wie immer. Wie spitze Nadeln ragen seine Trademarks aus dem Fundament heraus und sorgen dafür, dass die Konzentration des Zuschauers nicht wie sonst üblich in nicht-filmische Gefilde abdriftet. Backpfeifengleich verteilt er Bonmots und krude Situationen im Offbeat-Takt, die der Illusion des einlullenden Konsensfilms einen Bruch verpassen sollen. Kollisionen eben, immer mit dem Kopf durch die Wand, um wach zu halten und vielleicht auch ein Stück weit den Zuschauer auf dem falschen Fuß zu erwischen. Manchmal ist ein Film aber besser beraten, die Kollision zu meiden, wenn man bereits absehen kann, dass sie nicht überzeugend umgesetzt werden kann. Wo computergenerierte Rennpferde und Pirouetten drehende Fluchtwagen ihre Wege kreuzen, begibt sich die Titelfigur Parker keineswegs auf das von ihr beschworene dicke Eis, sondern auf ganz dünnes. Black lässt sich in solchen Momenten zu jener Art von ästhetischen Geschmacklosigkeiten hinreißen, die moderne Filmproduktionen mit Mittelklasse-Budget stets tonal entgleisen lassen.
In dieser Phase ist auch „Play Dirty“ der befürchtete Eventstreifen, der am Ende von Youtubern wegen seiner miesen Effekte vernichtet wird, zumal der Pferdebahn-Abschnitt nur ein kleiner Vorgeschmack für das größte Action-Setpiece des Films rund um einen entgleisenden Zug ist, der nicht ganz ohne Anleihen an „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123“ (1974) und „Runaway Train“ (1985) oder das zugehörige Tony-Scott-Erbe der auslaufenden 2000er („Die Entführung der U-Bahn Pelham 123“, „Unstoppable“) auskommt, dabei aber nie die Bodenständigkeit und den Realismus der Thriller-Klassiker der 70er und 80er reproduziert bekommt, sondern eher an Comic-Action gemahnt. Würde Tobey Maguire erscheinen, um den Zug mit einem Netz auf den Schienen zu halten, niemanden würde es wundern.
Und doch gelingt es Black, den Streifen inmitten aller Zugeständnisse mit der Zeit an sich zu reißen. Wo man seine Manierismen anfangs noch in Verdacht hat, lediglich die öden Standards übertünchen zu wollen, werden sie irgendwann so dominant, dass sie weitgehend die Form des Films zu bestimmen beginnen. Obgleich manche Einlage anno 2025 wie aus der Zeit gefallen wirkt, kann man die Unangepasstheit der Sprache in Bild und Dialog nun wie ein gutes Guilty Pleasure genießen. Um endgültig wie ein Relikt der 80er zu erscheinen, ist der Stoff vielleicht nicht puristisch genug und der Look zu sehr auf Hochglanz gebürstet, aber es reicht immerhin, um Erinnerungen zu reaktivieren.
Im Zuge (pun intended) dessen nimmt sogar die Handlung ein wenig Fahrt auf. Charaktervisagen wie Thomas Jane oder Tony Shalhoub kommen in ihren kleinen Rollen zwar kaum über Holzschnitte hinaus, doch das Kerngeschehen, das sich um das ambivalente Verhältnis zwischen der von Wahlberg gespielten Hauptfigur und seiner Komplizin Zen (Rosa Salazar) abspielt, spielt mit der Alles-kann-nichts-muss-Attitüde eines Guy Ritchie durchaus motiviert mit den wiederkehrenden Mustern neuerer Unterhaltungsfilme, die es mit der Glaubwürdigkeit bei der Motivation der handelnden Charaktere nicht so genau nehmen und teils haarsträubende Schlussfolgerungen aus ihren Anlagen ziehen, die sie bei genauerem Blick erst zu den eingangs genannten Soziopathen machen.
Die Schießwut Parkers gerät beispielsweise zum Running Gag, während sich das eiskalte Vorgehen seiner Partnerin bis zum Ende nach moralischen Maßstäben erst recht nie ganz einordnen lässt. In einigen Abschnitten nimmt „Play Dirty“ die unreflektierte Perspektive auf das eigene Figurenmaterial selbst an, immer in dem Wissen, dass es den Moment geben wird, in dem sich die Perspektive entsprechend des Titels ins Gegenteil verkehrt. Das sorgt für eine gewisse Grundspannung, die den eigentlichen Schablonen abgeht.
Der Big Bang ist Shane Black allerdings nicht gelungen. Nahezu unbeachtet gerät sein Comeback zum Streaming-Tipp des Monats und dürfte im nächsten Monat folglich nicht mehr relevant sein. Vielleicht nicht ganz unbegründet; obwohl „Play Dirty“ unter dem Strich durchaus mehr zu bieten hat als mancher Rohrkrepierer aus den hauseigenen Studios, liegt die Latte eben auch nicht allzu hoch, und dieses Pferd springt definitiv nicht höher als es muss. Was die Wahlberg-Filme der letzten Jahre angeht, darf man das hier aber durchaus als „gute Wahl“ bezeichnen.
(5.5/10)