Review

Nach dem Slasher „Stagefright“ und dem Okkulthorror „The Church“ drehte Argento-Schüler Michele Soavi seinen „The Sect“, produziert von seinem Lehrmeister.
Ein paar Hippies campieren und die Farbkomposition des Bildes ist genauso bunt wie ihre Klamotten. Unter der Oberfläche des nahen Sees scheint mehr zu liegen, genau wie der Fremde, der um einen Platz am Feuer bittet, unter der Oberfläche Dunkles verbirgt. Die Hippies nehmen ihn jedoch wohlmeinend auf und werden zum Dank vom Fremden und seiner Teufelsanbetersekte verhackstückt. Hat etwas von „Vier im rasenden Sarg“, doch schon an den Bildern erkennt man, wer dort regietechnisch am Werke war bzw. wessen Schüler er ist.
Zeitsprung: Die Frankfurter Krankenschwester Miriam Kreisl (Kelly Curtis) fährt einen alten Mann an und nimmt ihn zur Pflege nach Hause, da er behauptet, er müsse in kein Krankenhaus. In ihrer Obhut stirbt der Mann jedoch, doch das ist erst der Auftakt zu einem wahren Alptraum...

Das klingt jetzt nach dem ganz normalen Teufelsanbeterhickhack um dämonischen Nachwuchs, Marke „Rosemaries Baby“ und dergleichen, aber wie so häufig im italienischen Horrorkino geht es hier gar nicht um die Narration, weshalb die Bösewichte auch allesamt etwas profillos bleiben. Der alte Mann geht da noch am ehesten als Antagonist durch, zwischendrin taucht auch die Sekte aus der Anfangssequenz wieder auf, denn zu selbiger gehört der scheinbar, aber doch nicht so wirklich tote Mann, aber inmitten der ganzen Alpträume, Visionen und metaphysischen Ereignisse, mit denen Miriam konfrontiert ist, sind die menschlichen Gegenspieler eh eher sekundär.
Doch gerade da liegt dann zu einem gewissen Grad die Schwierigkeit des Films: Irgendwann macht sich der Mangel an Erzählung schon irgendwie bemerkbar, gerade wenn es darum geht, rund 112 Minuten Film zu stemmen. Das war auch schon bei Argento so, dass dieser oft mit sekundärer oder kaum existenter Narration arbeitete, und Soavi tendiert da durchaus in ähnliche Richtungen, was schade ist, denn irgendwie kann „The Sect“ aufgrund dieses Umstandes eben nicht so fesseln, da die Szenen eben eher nebeneinander stehen als eine wirkliche Folge zu ergeben.
Ähnlich sekundär sind dann auch die Schauspielleistungen, die sich allesamt im Bereich des Akzeptablen bewegen, da sind durchaus fähige Leute am Werk, keine handelsüblichen Kreische-Teens oder ähnliches Gesocks, aber die einzelne Schauspielleistung geht hier unter, ist bloß Beigabe für die visuelle Ebene.

Doch gerade im optischen Bereich ist „The Sect“ ein wahres Gedicht. Soavi arbeitet mit stets passend eingesetzten Farbfiltern und einer wahrhaft entfesselten Kamera, die z.B. der Heldin dicht beim Erklettern einer Leiter folgt oder Räume auf ganz eigene Weise erkundet. Die Bilder ergeben einen hypnotischen Sog, den fiebrigen Träumen und Visionen der Hauptfigur nicht unähnlich – man sieht, wie bereits gesagt, beim wem Soavi gelernt hat, aber der Schüler ist dem Lehrer durchaus ebenbürtig was das inszenatorische Können angeht.
Im Gegensatz zu manchem Kollegen interessiert sich Soavi dabei kaum für krasse Schocks und derbe Bluteffekte, wenngleich auch „The Sect“ nicht unbedingt für die ganz zartbesaitete Fraktion ist. Doch die derberen Szenen fügen sich durchaus stimmig in die jeweilige Situation ein und Ansätze von Tabubruch, wie den Missbrauch der Heldin durch einen Reiher-Mensch-Hybriden, kostet Soavi auch nicht exploitativ aus, sodass sich „The Sect“ selbst in den kruderen Momenten als durchaus geschmacksbewusst erweist.

Dann letztendlich eine komplett eindeutige Meinung zu „The Sect“ zu finden ist schwer, denn Soavis Film ist auf rein inszenatorischer Ebene unglaublich präzise, um nicht zu sagen malerisch in Szene gesetzt, denn die Bildkompositionen sind einfach fantastisch. Auf der anderen Seite wird die Geschichte allerdings arg vernachlässigt, zumal man hier eh nur Bekanntes aufkocht, wenn auch mit neuartiger Visualisierung. Sicher ein optischer Genuss, für Freunde des narrativen Kinos allerdings mit einigen derben Wehrmutstropfen vermischt.

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