Von Sekten und Insekten
Der Italiener Michele Soavi, ehemaliger Assistent des stiefelländischen Ausnahme-Regisseurs Dario Argento („Opera“), begann seine eigene Regie-Karriere 1987 mit dem gelungenen Slasher „Aquarius“ alias „Stage Fright“, schwächelte 1989 beim von Argento mitproduzierten und -geschriebenen Horrorfilm „The Church“, arbeitete aber 1991 – längst zu einer Zeit also, zu der das italienische Genre-Kino danieder lag – erneut mit Argento als Mitproduzent und -autor zusammen. Das Ergebnis ist ein weiterer Horrorfilm und trägt den Titel „The Sect“.
Die alleinstehende junge Lehrerin Miriam (Kelly Curtis) fährt versehentlich einen älteren Herrn (Herbert Lom, „Hexen bis aufs Blut gequält“) an und nimmt ihn mit nach Hause, wo er nach kurzer Zeit überraschend stirbt. Daraufhin wird ihr normales Leben vollends auf den Kopf gestellt und sie scheint sich in einem realen Alptraum zu befinden: Die Realität ist nicht mehr das, was sie einmal zu sein schien, denn Miriam befindet sich ohne es zu ahnen in den Fängen einer satanischen Sekte…
„Unsere Rache gegen Gott!“
Südkalifornien, 1979: Jesus latscht durchs statt übers Wasser und gibt sich als Rolling-Stones-Fan zu erkennen. Ist es wirklich Jesus? Nein, es ist Charles Manson, der ein paar verlauste Hippies aufmischt! Nach diesem Prolog spielt „The Sect“ in der Gegenwart im bei Argento so beliebten Deutschland, genauer: zunächst in Frankfurt am Main, anschließend in Seligenstadt in der Nähe der Metropole, wo Miriam zusammen mit ihrem Hasen in einem etwas abseits gelegenen Haus wohnt und schnell unbemerkt Opfer des geheimnisvollen alten Mannes wird, der dafür Sorge trägt, dass sie surreale Alpträume erleidet – womit die gravierenden Veränderungen ihres Alltags ihren Lauf nehmen. Wer nun beim Einlegen des Films dachte, „The Sect“ würde sich in die im Laufe der 1980er immer billiger produzierten Italo-Genre-Ausläufer in mieser Optik und Technik einreihen, wird schon früh Lügen gestraft: Soavis Film sieht exzellent aus, verfügt über eine kongeniale, perspektivisch bisweilen argentoeske Kameraarbeit und traut sich einen meist gelungenen eigenwilligen Stil zu. Ohne ins Detail gehen und dadurch zu viel verraten zu wollen, sei gesagt, dass sich dieser durch eine Verquickung von Traum- und Realitätsebene auszeichnet, deren Unterscheidung dem Zuschauer nicht immer leichtgemacht wird. Ferner verfügt „The Sect“ über ein relativ hohes Überraschungspotential, das zur Spannung positiv beiträgt, ohne die Handlung beliebig erscheinen zu lassen. Nichtsdestotrotz erscheint der Mittelteil etwas sehr langatmig, doch im Anschluss lässt man sich nicht lumpen und liefert fiese Sekten-Action der im wahrsten Sinne des Wortes im Untergrund agierenden Religionsgemeinschaft sowie einige gut gemachte Spezialeffekte von Sergio Stivaletti, allen voran eine krude Gesichtstransplantation.
Soavi und seine Autoren zeigen sich inspiriert, beispielsweise vom Polanski-Okkult-Klassiker „Rosemaries Baby“, entlehnen die Türeinschlagszene aus Kubricks „Shining“ und schaffen mit vielen originellen eigenen Zutaten eine interessante Mischung aus atmosphärischem Okkult-Grusel, surreal-entrücktem Argento-Stil und beinhartem grafischen Horror, wobei letzterer gewiss nicht den Schwerpunkt bildet. Kelly Curtis besitzt eine sympathische Aura, beherrscht ihre Rolle als ihrer jungfräulichen Unverdorbenheit geschuldet etwas blauäugigen Miriam und tritt in die Scream-Queen-Fußstapfen ihrer filmerfahreneren Schwester Jamie Lee Curtis („Halloween – Die Nacht des Grauens“). Herbert Lom ist natürlich eine schauspielerische Bank und veredelt den Film mit seiner Anwesenheit. Zugegeben, das Ende von „The Sect“ hat mich nicht überzeugt, da hätte ich mir doch etwas mehr gewünscht. Doch wie so oft ist auch hier der Weg das Ziel, sind es die fantastischen, märchenhaften Bilderwelten, in die es einzutauchen gilt – die Handlung spielt eine eher untergeordnete Rolle und sollte vielleicht auch besser nicht bis ins Detail hinterfragt werden. Gerade für das Entstehungsjahr ist „The Sect“ indes großes Kino und auch von dieser Betrachtungsweise losgelöst macht er eine verdammt gute Figur. Das bundesdeutsche Lokalkolorit trägt sein Übriges dazu bei. Die verstümmelten deutschen Fassungen von „New Vision“ (VHS) und „Laser Paradise“ (DVD) sollte man jedoch meiden wie der Teufel das Weihwasser.