Review

Bei aller Kritik, die ich dem Jugendalter entwachsen dem Prollrocktruppe "Die Kassierer" und ihrer Definition von Punk entgegen bringe, mit der Feststellung "Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist" hatten die Bochumer schon Recht: Der Alltag mag einen mit Katastrophen übergießen wie einen Ketzer mit heißem Teer, die Welt um einen herum in Flammen aufgehen und einem jeder Lebenssinn durch die Finger rinnen, solange ein kühles Blondes im Hause ist sind viele Probleme nicht gänzlich unlösbar. Oder um mal die Wilhelm Busch - Variante als Übersetzung für Bildungsbürger heranzuziehen: "Es ist ein Brauch von Altersher: Wer Sorgen hat hat auch Likör." Dumm wird es nur, wenn Schnappes und Gerstensaft zur Neige gehen und man auf Wein umsteigen muss. Besonders, wenn der Winzer Jean Rollin heißt und gerade in einer Selbsttherapie dem heißest und innigst geliebten Vampirismus abschwört.

Ja, Rollin hatte es anno 1978 wahrlich nicht leicht, begann doch hier Romero sei Dank die neue Ära des Zombiefilmes und des generellen Gekröseschleudern gen Leinwand. Um zwecks Broterwerbs also nicht vollkommen auf das klebrige Pornogewerbe umsteigen zu müssen galt es, das Eisen zu schmieden, solange es noch heiß ist. "Wein, Weib und Abgesang" schien hier das Motto zu sein, denn in "Foltermühle der gefangenen Frauen" fehlen, abgesehen von einem eklatanten Mangel an Folter und Mühlen, Blusauger draculischer Ausprägung völlig und auch das evozierte Gothenbrimborium beschränkt sich hier gar stark auf die herrlichen Berglandschaften Frankreichs und einige alte Bauerndörfer. Zum Ausgleich gab es dafür eine Extrakelle aus dem Blutkessel und im Anschluss dem moralischen grünen Zeigefinger und dessen nicht minder wütenden Geschwistern einen Klapps in das Gesicht des begeisterten Horrorpublikums. Damit ist Rollins 78er Werk nicht nur der erste amtliche Splatterfilm Frankreichs, sondern auch DER Klassiker des Winzerhorrors, zumal es der einzige Vertreter seines nicht vorhandenen Subgenres ist.

Zu Beginn hadert ein Herr, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Skandalyoutuber Rainer Winkler, nur in schlank, hat, mit einer defekten Atemschutzmaske und einer unfreiwilligen Pestiziddosis. Nach der Spontanbehandlung mit einem Schluck Wein und dem abrupten Auftreten von Hautproblemen der nassen Art entwickelt der Erntearbeiter einen gar unangenehmen Blutdurst, den er an der besten Freundin unserer eigentlichen Protagonistin Claudine stillt. Die reist gerade zu ihrem Verlobten in das Dorf Goblaise, der Arbeitsstätte des Killerbauern, wo ihr Verlobter - richtig geraten! - als Winzer arbeitet.

Und dort, am formschönen Arsch der französischen Heide, steppt entgegen der wortkargen Art des Filmes so richtig der Bär! Der sturzbetrunkene, blutrünstige Bär mit dem versifften Fell. Auf der Flucht vor dem Drachenlordverschnitt stolpert Claudine zwar nicht wehrlos, aber irgendwann hoffnungslos in der unterzahl von einer gruseligen Begegnung zur nächsten und bekommt es mit Wahnsinnigen zu tun, die in ihrem pestizidgetränkten Keks nur noch zum Ersinnen schwachsinniger Mordpläne fähig sind: neben Marie - Georges Pascal, der Ornella Muti Frankreichs, dabei: blutrünstige Bauernpatriarchen, sektiererische Dorfbewohner im zugedröhnten Schwarmterrormodus und zu guter Letzt zwei Bauern, die sich den allgegenwärtigen infizierten mit Flinte, Blei und Dynamit als willige Sterbehelfer zur Verfügung stellen. Na dann Prost!

Meine damals liebste Internetquelle für Texte zum abseitigen Film, die "Trashzombies" (später "Videoraiders"), heute Köpfe hinter dem Fanzine "Der Zombie", machten mir den Mund ihrerzeit mit einer Zusammenfassung der abstrusen Handlung und der groben Effekte den Mund wässrig. Von Rollins großartiger Kameraarbeit und dem atmosphärisschen Synthscore erwähnte man allerdings nicht. Verzeihlich bei einer Filmpage, die sich auf Trashaspekte des Kinos beschränkt. Schrottsammler können den Film daher nicht nur aufgrund seiner Absurdität genießen, sondern auch als eine Art Kurzeinführung in Rollins Filmkosmos betrachten, als Crashkurs in Sachen Franzmannhorror vor "High Tension" und co. Und dennoch darf man herzhaft lachen, ohne sich schuldig fühlen zu müssen und sich der Gummieffekte, des Käse - Makeups der Infizierten und der tiefgrünen Moralkeule erfreuen, die einem mit blutigem Nachdruck in den tauben Hinterkopf einprügelt, man möge die Natur nicht mit Füßen treten wie Trauben in einem riesigen Saftbottich. Über der Grenze zwischen Kritik und Mumpitz schwebt im Übrigen meine Lieblingsszene, in der die beiden nichtinfizierten Bauern (einer davon ein Widerstandskämpfer im zweiten Weltkrieg) sich als reine Biertrinker und damit als nicht gefährdet outen, während der Rest der Gegend sich beim jährlichen Weinfest die Seuche angesoffen hat. Wenn das mal nicht ein amtliches "Fuck you!" gegen die französische Trinkkultur ist weiß ich es auch nicht.

Davon abgesehen freut es mich, dass die verstörte Claudine trotz einiger zögerlicher Momente nicht komplett unfähig wirkt und erst auf den letzten zwei Metern des Filmes gerettet werden muss. Bis dahin hat sie im Übrigen einige Male selbst ihre Haut gerettet und zumindest den Versuch unternommen, eine blinde Dame mit Hang zu köstlichstem Overacting zu retten. Trotz tiefrotem Skript hatte Herr Rollin scheinbar doch noch so einige persönliche Baustellen.

Vielleicht ist das hier nicht der beste Einstieg in das Schaffen Rollins, in dem ich mich noch relativ unbedarft bewege. Davon abgesehen ist die französische "Die Nacht der lebenden Toten" - Variante ein visuell ansprechendes Horrorwerk mit großartiger Atmosphäre und einprägsamen Momenten. Ich persönlich warte immer noch auf die Würdigung des Filmes durch deutschen Blu Ray - Release, werde aber bis dahin nicht müde, meinen abgegriffenen Zweithandsilberling aus der schmucklosen Hülle mit langweiligem Filmstillcover (Titel hier: "Pestizide - Grapes of Death", als ob die Foltermühle oder das gar noch dümmere "Zombies geschändete Frauen" nicht doof genug währen) zu holen und Claudine auf ihrer Reise durch das wahnsinnig gewordene französische Hinterland zu begleiten.







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