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Der Jäger lernt fühlen

Es gibt Filmmonster, die sind größer als ihre Filme. Der Predator gehört zweifellos dazu. Seit John McTiernans Urknall von 1987 steht die außerirdische Trophäenmaschine sinnbildlich für ein sehr spezifisches Kino: muskulös, archaisch, testosterongetränkt. Ein Wesen, das aus dem Dickicht kommt, klickt, schießt, häutet – und wieder verschwindet. Dan Trachtenberg jedoch, spätestens seit „Prey“ als sensibler Renovierer des Franchises etabliert, interessiert sich in „Predator: Badlands“ für etwas anderes: für den Moment, in dem der Jäger innehält. Für den Augenblick, in dem das Monster nicht tötet, sondern zweifelt.

Nach Jahrzehnten aus ikonischen Momenten, kreativen Sackgassen, Fan-Service-Überdosierungen und gelegentlichen Wiederauferstehungen wagt Dan Trachtenberg mit „Predator: Badlands“ nun etwas, das man im Franchise-Kontext fast schon als Sakrileg bezeichnen könnte: Er stellt den Predator nicht nur ins Zentrum der Geschichte – er macht ihn zum Helden. Und siehe da: Das Risiko zahlt sich aus, denn der Film kommt mit erstaunlicher Frische, Mut und erzählerischer Eleganz daher.

Die Grundidee von „Predator: Badlands“ ist ebenso simpel wie radikal: Was wäre, wenn der Predator nicht der überlegene, unsichtbare Alphajäger wäre, sondern ein Unfertiger? Ein Lernender? Ein Ausgestoßener? Genau hier setzt der Film an. Dek, so der Name unseres Yautja-Protagonisten, strandet auf einem lebensfeindlichen Planeten – fernab seiner Sippe, fernab der gewohnten Hierarchien. Gezwungen, sich in einer Umwelt zu behaupten, die keine Fehler verzeiht. Er ist kein Meisterjäger, sondern ein Anwärter, ein junger, unerprobter Krieger. Ein Wesen zwischen Instinkt und Identität.

Diese Perspektivverschiebung ist der größte – und mutigste – Trumpf des Films. Der Predator muss sich beweisen – nicht gegen menschliche Elitesoldaten, sondern gegen eine Welt, die ihn nicht kennt und nicht braucht. Das ist erzählerisch klug und thematisch überraschend anschlussfähig: Familie, Zugehörigkeit, Freundschaft, Verlust und der schmerzhafte Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen, werden zu tragenden Säulen der Erzählung. Das mag für Old-School-Fans zunächst wie ein Affront wirken. Doch wer sich darauf einlässt, entdeckt einen Predator-Film, der nicht nur Muskeln, sondern auch Herz zeigt. Besonders bemerkenswert: Für die Welt der Predators wurde eine komplett neue Sprache entwickelt – von denselben Linguistik-Experten, die bereits James Camerons Na’vi zum Leben erweckt haben. Das Ergebnis ist mehr als ein Gimmick. Die Sprache verleiht Dek Tiefe, Kultur und eine innere Welt, die man bislang hinter Masken und Klicklauten nur erahnen konnte.

Natürlich ist das Drehbuch nicht frei von Konventionen. Der narrative Bogen folgt klassischen Survival- und Heldenreise-Mustern. Doch gerade diese archetypische Struktur erlaubt es Trachtenberg, die radikalen Ideen organisch einzubetten. Visuell erinnert Predator: Badlands stellenweise stark an „65“ mit Adam Driver – und das ist ausdrücklich als Kompliment zu verstehen. Ein einzelnes Wesen, gestrandet auf einem fremden Planeten, umgeben von tödlicher Flora und Fauna, ausgestattet mit Hightech-Gadgets, die nicht immer so funktionieren, wie sie sollen. Die Welt ist kein austauschbares CGI-Biotop, sondern wirkt organisch, gefährlich und lebendig. Pflanzen werden zu Fallen, Tiere zu Prüfsteinen. Alles wirkt Teil eines funktionierenden Ökosystems, das Dek weder versteht noch kontrolliert. Gerade darin liegt der Reiz: Der Predator ist hier nicht die Spitze der Nahrungskette, sondern ein Fremdkörper. Ein Lernender.

Die Frage, die viele Fans umtreiben dürfte: Kann ein PG-13-Predator-Film funktionieren? Die Antwort lautet: Ja – wenn man weiß, was man tut. Trachtenberg setzt weniger auf explizite Zurschaustellung, mehr auf Wucht und Timing. Er inszeniert die Action mit Präzision und Gespür für Rhythmus. Die Gewalt ist spürbar, aber nicht ausgestellt. Kämpfe sind kurz, brutal, oft chaotisch. Dek gewinnt nicht, weil er überlegen ist, sondern weil er improvisiert. Besonders gelungen sind die Auseinandersetzungen gegen die planetare Fauna, die Dek immer wieder an seine Grenzen bringt. Der Score unterstützt die Atmosphäre mit tribalistischen Rhythmen, fremdartigen Klangfarben und überraschend melancholischen Motiven. „Badlands“ wirkt in jeder Einstellung kontrolliert, durchdacht und selbstbewusst. Ein weiteres Highlight ist Elle Fanning als androidischer Sidekick. Ihre Figur erinnert in ihrer Funktion durchaus an „65“, doch Trachtenberg nutzt diese Parallele clever. Der Android ist kein bloßer Expositionslieferant, sondern ein emotionaler Spiegel für Dek. Durch diese Beziehung wird der Predator endgültig als Held zementiert – nicht als Eroberer, sondern als Beschützer. Nicht als Trophäensammler, sondern als Teil eines größeren Ganzen.

Fazit

„Predator: Badlands“ wird polarisieren. Die-Hard-Fans, die ihren Predator ausschließlich als unsichtbaren, antagonistischen Spitzenjäger sehen wollen, werden sich möglicherweise zurückschrecken lassen. Doch wer bereit ist, das Franchise nicht als Museum, sondern als lebendigen Organismus zu begreifen, bekommt hier einen kreativen, frischen, spritzigen Predator-Film, der neue Wege geht, ohne seine Wurzeln zu verleugnen. „Badlands“ ist ein Film über Identität, Zugehörigkeit und das Erwachsenwerden im Angesicht einer feindlichen Welt. Ein Predator-Film, der den Mut hat, seine Krallen nicht nur zum Töten, sondern auch zum Festhalten zu benutzen. Nicht der stärkste Jäger der Reihe – aber einer der interessantesten.

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