Tino Toll und der schlenzende Schlawiner
Aus etlichen Gründen war ich gespannt auf „Marty Supreme“, auch ganz abgesehen von den massiven Vorschusslorbeeren. Schafft Chalamet, den ich eh meistens toll finde, endlich eine Rolle und Leistung von Oscarkaliber? In sein „nächstes Level“? Kann es Josh Safdie solo auf dem Regiestuhl besser als letztes Jahr sein Bruder mit dem eher drögen „The Rock-UFC-Film“? Wird „Marty Supreme“ der bisher erfolgreichste A24-Film? Wie realistisch werden die Tischtennisszenen und welche Rolle spielt dieser flotte Sport überhaupt in Handlung und Sinn hier? Auch da ich selbst gut und gerne Tischtennis spiele. Wird's wieder eine wilde und hektische Achterbahnfahrt wie „Uncut Gems“? Und wer war Marty Mauser eigentlich, über den ich vorher nahezu null wusste? Alles Fragen, Kniffe und Hoffnungen, die „Marty Supreme“ mit einer unnachahmlichen Attitüde eines direkten Klassikers (!) nachhaltig beantwortet, wenn wir einem egoistischen Tischtennistalent im New York der 1950er folgen, wenn er sein noch junges Leben ins Chaos wirft, persönlich immer wieder verkackt, überzieht und trotzdem an der Tischtennisplatte zu einer Art Legende wird…
Ein Curveball mit Noppen!
„Marty Supreme“ ist ein Ausrufezeichen. Kein Zweifel daran. Einer dieser Filme, nach denen sich die Welt ein gutes Stück anders dreht, wenn man aus dem Kino zurück auf die Straße tritt. Schneller, langsamer, angeschnitten… Einfach anders! Genauso Sportfilm wie Charakterporträt mit viel Zeitkolorit, genauso Stresstest wie schmerzhafte Lebensweisheit, genauso erbarmungsloser Chaospilot wie eine weitere legendäre Dekonstruktion des amerikanischen Traums und der amerikanischen „Nach mir die Sintflut!“-Ellenbogenmentalität. Chalamet ist schlicht sensationell und aufopferungsvoll gut, wirklich würdig vieler Trophäen der gerade anrollenden Preissaison der Filmindustrie. Ich will nicht übertreiben, aber ich habe hier kaum noch „den Chalamet“ gesehen, er ist komplett in seine Rolle abgetaucht und ich sehe ihn hier fast schon auf dem Niveau einiger echter Hollywoodlegenden wie De Niro oder Hoffman in ihren Durchbruchjahren und -Projekten (z.B. in „Mean Streets“ oder „The Graduate“). Allein das ist schon der Wahnsinn! Aber dazu dann dieser körnig-klassische, fast sepiafarbene „Filmlook“, der an große NYC-Klassiker (auch z.B. aus dem „Mafiagenre) erinnert. Dazu eine elektrisierende Chemie im Cast mit erinnerungswürdigen Nebenfiguren an jeder Ecke des Big Apple. Dazu ein ab Sekunde 1 (!) unverschämt cooler, druckvoller und fabelhafter Score zwischen Synthies, großen Pophitinstrumentals und einem inneren, immer tickenden Schweinehund. Dazu der ewige Drang nach vorne und „liebenswürdiger“ Stress, dazu etliche „WTF?!“-Momente, dazu eine konkurrenzlose Unberechenbarkeit, dazu vor allem eben ein genauso übler wie faszinierender Hauptcharakter. Fertig ist einer der besten und packendsten Filme, die ich dieses Jahrzehnt im Kino sehen durfte. Wow! Ein Pingpongpowerpack. Ein Duracellhase. Ein Charakterporträt für die Ewigkeit. Die CGI-Bälle, Bewegungen der Sportler und allgemeine Physik der Spiele sind okay, nicht ganz perfekt, was mich aber nie allzu sehr herausgerissen hat. Man merkt auch, dass Chalamet und Co. wirklich respektabel spielen gelernt haben dafür. In der Mitte gibt’s bei der ambitionierten Laufzeit vielleicht doch die ein oder andere kleinere Abbiegung, die es vielleicht für komplette Perfektion und durchgehend Tempo, Investition nicht gebraucht hätte. Aber insgesamt bin ich schwer beeindruckt, angefeuert und entzückt. Lobenswert ist auch, wie wenig bis gar nicht sich hier auf „Based on a True Story“ ausgeruht wird. Was für ein Ritt! Was für eine Route der falschen Entscheidungen! Was für ein dauernder Dreisprung über Minenfelder! Was für ein zerstörerisches Fangen des inneren Wunsches nach Bedeutung und Sinn und Bestätigung! „Marty Supreme“ geht ab wie ein Zäpfchen, geht oft dahin wo es wehtut und nimmt kein einziges Blatt vor den Mund. Danach ist man müde und kaputt - aber glücklich! Absolutes Kino.
A Supreme Story Made in America
Fazit: Jetzt schon einer der ganz großen amerikanischen „Antihelden“ des modernen Kinos und Chalamets bisher schauspielerisch grösster Triumph. Charakterlich sicher kein Vorbild, aber das waren Travis Bickle oder Jordan Belfort noch viel weniger. Dafür verdammt gute Unterhaltung und ein unvergleichlicher filmischer Sog. Vom Ping Pong zum „Big Don“… „Marty Supreme“ bringt eine Menge an die Platte - und wird euch aufregen, anregen, umlegen… und wieder aufbauen!