Review

Staffel 1

„Wenn Sie auf Normalität aus sind, wird Ihnen Derry sehr ans Herz wachsen.“

Der Argentinier Andrés Muschietti („Mama“) hatte die in zwei Kinofilme aufgeteilte Neuverfilmung des Stephen-King-Romans „Es“ inszeniert, die in den Jahren 2017 und 2019 in den Lichtspielhäusern Angst und Schrecken verbreiteten, und anschließend ein Prequel angekündigt. Mit mehreren Monaten Unterbrechung wurde dieses als Streaming-Serie zwischen Mai 2023 bis Juli 2024 gedreht und rechtzeitig zu Halloween Ende Oktober 2025 veröffentlicht. Mit Jason Fuchs, Austin Guzman, Guadalís Del Carmen, Gabe Hobson, Helen Shang, Brad Caleb Kane und Cord Jefferson gingen frische Autorinnen und Autoren ans Werk, die nicht bereits für die Kinofilme geschrieben hatten – wobei ihre Anzahl für eine Serie mit aufeinander aufbauenden Episoden überrascht. Während der Roman in den Jahren 1957 und 1984 angesiedelt ist, spielen die Kinofilme 1989 und 2016. Dass jeweils zwei Jahre berücksichtigt werden, liegt daran, dass jeweils ein Teil in der Kindheit und im Erwachsenenalter der Figuren spielt. Dies ist in „Es: Welcome to Derry” anders: Kinder- und Erwachsenen-Handlungsstränge finden innerhalb eines Jahres durch unterschiedliche Figuren parallel zueinander statt und sind miteinander verwoben.

„Wir haben Korea überlebt, das hier überlebe ich auch.“

Der schwarze US-Air-Force-Major und Korea-Kriegsveteran Leroy Hanlon (Jovan Adepo, „Operation: Overlord“) wird zum Stützpunkt nach Derry versetzt, wohin er seine im antirassistischen Kampf engagierte Frau Charlotte (Taylour Paige, „Beverly Hills Cop: Axel F“) und seinen zwölfjährigen Sohn Will (Blake Cameron James, „Found“) mitnimmt. Was er nicht ahnt: Derry ist keineswegs das sympathische, verschlafene kleine Nest, als das man es ihm verkauft. General Shaw (James Remar, „Dexter“) forscht im streng geheimen Regierungsauftrag an einem Wesen, das alle 27 Jahre in Derry erwacht und seinen Hunger auf Menschenfleisch stillt, dafür die Ängste seiner Opfer instrumentalisiert und Verunsicherung sowie Aggression in der Bevölkerung stiftet. Das spurlose Verschwinden des Jungen Matty (Miles Ekhardt, „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“) deutet darauf hin, dass der nächste Zyklus begonnen hat. Dem General zur Seite steht Dick Hallorann (Chris Chalk, „Perry Mason“), dessen übersinnliches Shining dabei helfen soll, „Es“ ausfindig zu machen.

„Was du da erzählst, ist verrückt!“

Seit Mattys Verschwinden sieht sich der schwarze Kinobetreiber Hank (Stephen Rider, „Daredevil“) Verdächtigungen ausgesetzt, die sich massiv verstärken, als Kinder in seinem Kino sterben. Der knurrige Sheriff Bowers (Peter Outerbridge, „Sullivan's Crossing“) hat ihn auf dem Kieker, während Hanks Tochter Ronnie (Amanda Christine, „Black Box“) die Unschuld ihres Vaters zu beweisen versucht. Ronnie hat sich mit Lilly (Clara Stack, „Hawkeye“) angefreundet, die einen schweren Stand in der Schule hat, seit sie nach dem Unfalltod ihres Vaters in „Jupiter Hill“, einer psychiatrischen Anstalt in der Nähe Derrys, behandelt worden war. Lillys Freundin Marge (Matilda Lawler, „Station Eleven“) ist zwischen ihrer Freundschaft zu Lilly und ihrem Bestreben, in der angesagten Clique ihres Jahrgangs zu landen, hin- und hergerissen. Zusammen mit Will Hanlon und dem in Marge verliebten kubanischstämmigen Rich (Arian S. Cartaya, „The Gordita Chronicles“) bilden sie eine eigene Clique – nicht nur, weil sie alle nach und nach von „Es“ heimgesucht werden – und sehen sich damit konfrontiert, den Kampf gegen das Unwesen aufnehmen zu müssen…

„Wär's nicht besser, wir stören das Ding nicht mehr...?“

Achtung: Mein folgender rascher Ritt durch die acht Episoden enthält diverse Spoiler!

Der Prolog spielt am 4. Januar 1962 und zeigt, wie der kleine Ausreißer Matty sich ins Kino schmuggelt, um sich den Musicalfilm „Music Man“ anzusehen, was in eine erste, deftige Schocksequenz resultiert. Der anschließende Vorspann erweist sich als eigenes kleines, animiertes Kunstwerk. Vier Monate später herrscht fast schon wieder T-Shirt-Wetter. Die Figuren werden eingeführt, beginnend mit Familie Hanlon, und Lilly, Teddy (Mikkal Karim Fidler, „Boys in the Walls“) und Phil (Jack Molloy Legault, „Three Pines“) suggeriert man der Zuschauerschaft als eine Art Cliquen-Keimzelle, nur um diese wenig später jäh zu zerstören – eine Bosheit, die es in dieser Form in keiner der bisherigen Verfilmungen gab.

Die zweite Episode fokussiert Familie Hanlon sowie latenten bis offenen Rassismus. Leroy möchte sich so korrekt und unauffällig wie möglich verhalten, was zu Meinungsverschiedenheiten mit Charlotte führt. Marge versucht, in der Schule keinen Anlass zu bieten, gehänselt zu werden, und bittet daher ihre Freundin Lilly, sich nicht seltsam zu verhalten. Marge macht sich auch schon mal über andere lustig, in der Hoffnung, damit bei den In-Tussies anzukommen. Wir erfahren, dass ein Mr. Kersh (Larry Day, „Ghosts“) eine Fleischerei in Derry betreibt und Polizei-Chief Bowers unter Erfolgsdruck steht – womit nach Hanlon zwei weitere typische „Es“-Familiennamen besetzt wären. Bowers erpresst Lilly um eine Falschaussage und die Kuba-Krise bahnt sich an. Damalige reale Weltpolitik vermischt sich hier mit nicht minder realen gesellschaftlichen und institutionellen Abgründen sowie Coming of age – und die Figuren wachsen einem schnell ans Herz.

„Das ist... ein Clown.“

Der Prolog der dritten Episode spielt überraschend im Jahre 1908 innerhalb einer Freakshow auf einem Jahrmarkt. Die daran andockende Schocksequenz ist leider sehr ersichtlich CGI-lastig ausgefallen. Die eigentliche Handlung offenbart, dass zumindest Teile des Militärs um den „Es“-Zyklus wissen und dies der Grund für ihre Zusammenarbeit mit Hallorann, jener aus „Shining“ entlehnten Figur, ist – eine schöne Referenz für King-Kenner. (Übrigens findet auch das Shawshank-Gefängnis mehrfach Erwähnung.) Ebenfalls in dieser Episode werden die Interessenkonflikte zwischen Indigenen (u.a. Kimberly Guerrero, „Spirit Rangers“ und Joshua Odjick, „Bootlegger“) und den Nachfahren der Kolonialisten angerissen. Dadurch wird dann auch eine Brücke zum Prolog geschlagen, wenn die Kinder aus dem Prolog ein halbes Jahrhundert später wieder zusammenfinden. Vereinzelte Rückblenden begleiten diesen Prozess. Und erst in dieser Episode konsolidiert sich eine echte Kinder-Clique.

„Irgendetwas ist hier... in Derry. Irgendetwas Böses!“

In Episode 4 werfen sich die Kids „Mommy's Little Helper“ ein, was aber nicht viel mehr als Fingerzeig auf den damaligen sorglosen Umgang mit dieser Droge bleibt. Dafür entschält sich anderswo aus visualisiertem Gedanken- bzw. Erinnerungenlesen langsam Es‘ Origin-Story, die bis dato in keiner der Verfilmungen zu sehen war, und hier um die Rolle der Ureinwohnerinnen und Ureinwohner erweitert wird. Damit steht diese Episode sowohl für eines der besonderen Faszinosa der Serie als auch für deren Emanzipation von der King’schen Romanvorlage durch Einbringen eigener, gar nicht schlechter Ideen. Diese werden in der fünften Episode ausgebaut, wenn es darum geht, Es‘ Einflussbereich einzudämmen. Gegenüber dem Roman wissen nun auch immer mehr Erwachsene Bescheid, die auch dazu bereit sind, etwas gegen Es zu unternehmen. Ein kleiner Wermutstropfen ist, dass die Kids-on-Bikes-Atmosphäre darunter leidet. Dafür wird die Clique um Matty verstärkt, der im Prolog überraschend wieder auftaucht. Die Kanalisation spielt erstmals eine größere Rolle, als eine Militäroperation in ihr durchgeführt wird – und die Kinder ebenfalls hinabsteigen. Vier Episoden lang waren weder Todeslicht noch Es‘ Inkarnation als Clown Pennywise (erneut Bill Skarsgård) zu sehen, was sich in dieser Episode ebenfalls ändert. Durch den Verzicht auf dessen Omnipräsenz umgeht man die Gefahr, dass sein Anblick sich abnutzt, und potenziert zugleich den Schrecken, der von ihm ausgeht.

„Es hat vor meinen Augen sein Hirn gefressen.“

Der Prolog der sechsten Episode führt zurück ins Jahr 1935 und ist kurioserweise in Schwarzweiß – lediglich der rote Ballon, eine Art Visitenkarte Es‘, ist farbig. Mrs. Kershs (Madeleine Stowe, „Soundtrack“) Rolle nimmt eine überraschende Wendung, während eine ebenfalls in schwarzweiß gehaltene Rückblende an den Prolog anknüpft und Pennywise‘ Origin-Story recht konkret zu erzählen beginnt – ein weiteres faszinierendes Novum innerhalb der Romanverfilmungen. Und trotz allem wird in dieser Episode auch mal ausgelassen gefeiert, was nicht gut ausgehen wird, wie Episode 7 beweist: Sie zeigt eindringlich, dass Terror auch ohne Pennywise möglich ist, indem sie den Rassismus auf ein neues Level hievt und sich dabei an in der Romanvorlage geschilderten Ereignissen orientiert, die bisher in den Verfilmungen unberücksichtigt geblieben waren. Der Prolog hingegen greift erneut das Jahr 1935 auf und zeigt Pennywise als tanzenden Clown auf einem Jahrmarkt, wo er die Kinder begeistert. Privat in der Umkleide lernt man ihn als liebevollen Vater mit einer ihn anbetenden Tochter kennen. Am Abend begegnet Es ihm in Gestalt eines Jungen, der festgestellt hat, dass Pennywise Kinder magisch anzieht, womit geklärt ist, weshalb Es diese Erscheinungsform bevorzugt. Die Romanze zwischen Marge und Rich wird hier etwas arg dick aufgetragen, was eine heftige Splatterszene jedoch konterkariert. Erstmals bekommt man das Todeslicht zu sehen – und das Militär trifft vor dem Hintergrund des Kalten Kriegs eine hyperzynische Entscheidung mit verheerenden Folgen.

„Ich bin's leid, mich zu fürchten!“

Der Prolog des Staffelfinals liefert eine regelrechte Pennywise-Show, während in der Haupthandlung ein weiterer neuer Aspekt zum Tragen kommt: Das dolchförmige Artefakt aus dem Himmelkörper, mit dem Es zur Erde gelangte, will „nach Hause“. Pennywise weiß, dass Richard Tozier Marges Sohn sein wird, womit ein weiterer Name aus dem Es-Universum fallengelassen wird; und in einer schneeverwehten Winterlandschaft bricht sich ein Zweifrontenkrieg bahn. Weitere Rückblenden schließen Pennywise‘ Origin-Story ab und das Finale findet erstmals nicht in der Kanalisation statt. Es körperliche Manifestation weist eine andere Gestalt als die bekannte Spinne auf und unterläuft damit einmal mehr die Erwartungshaltung des Serienpublikums. In einem rührenden Epilog wird fast schon in Meta-Manier Bezug aufs Prequel-Phänomen genommen, zudem findet das Overlook-Hotel Erwähnung… Ganz am Schluss unternimmt man gar einen Zeitsprung in den Oktober 1988.

„Man sieht sich in 27 Jahren, ihr Hackfressen!“

Die bereits avisierten Staffeln 2 und 3 sollen in den Jahren 1935 und 1908 spielen, in die man in dieser Staffel bereits Einblicke erhalten hat. „Es“ wird also immer länger – was dem Franchise guttut, da es so Kings Vorlage inhaltlich immer gerechter wird, aber auch Raum für eigene Ideen und Neuerungen freischaufelt. Eine davon ist, dass jemand – Dick Hallorann – übersinnliche Fähigkeiten besitzt; eine weitere betrifft die Artefakte, mit denen es ein Stück weit in den Fantasy-Bereich hineingeht und die im Finale vielleicht ein bisschen viel Hokuspokus verursachen. Charmanter war es, als der „Club der Verlierer“ (deren „Clubhaus“ hier ein Wasserturm ist) ganz ohne beides auskommen musste. Dafür hat aber auch Pennywise diesmal zeitweise eine Gehilfin.

„Dies ist nicht das Ende der Geschichte...“

Ein großes Pfund der Serie ist ihr Aufgreifen gesellschaftlicher Abgründe, für die Es‘ Anwesenheit nicht ursächlich ist, wenngleich sie sie verstärkt. Zuvorderst sind dies ungeschönte Einblicke in den Rassismus, aber auch der Umgang mit den Ureinwohnerinnen und Ureinwohnern. Letztere spielen eine entscheidende Rolle bei der Erweiterung der Es-Mythologie, die in dieser Serie vorgenommen wird. Nicht zuletzt vermittelt die Serie ein Gespür dafür, wie die Bevölkerung Derrys sich einem Klima der Angst fügt und lieber einmal mehr wegsieht, wenn es Minderheiten an den Kragen geht. Wer darin eine Parabel auf Faschismus erkennt, liegt sicher nicht falsch.

So ist auch diese Serie eine Hommage an Außenseiter sowie an Freundschaft und Zusammenhalt. Es jagt Geschwächte, doch wenn diese sich zusammentun, können sie sich erfolgreich wehren. Das Ensemble, gerade auch der hier in einem ausgewogeneren Geschlechterverhältnis anzutreffenden Jungmiminnen und -mimen, ist hervorragend gecastet; die Schocksequenzen, in die Drehbuch und Regie sie schubsen, sind zu großen Teilen originell, hart und sehr gut umgesetzt, lediglich beim einen oder anderen Rückgriff auf CGI hat beispielsweise „Stranger Things“ die Nase vorn. Jene Serie hat sich bekanntermaßen stark bei „Es“ bedient, sodass es beinahe wie eine Retourkutsche anmutet, dass man die Schnapsidee, Es zu kontrollieren und als militärische Waffe einzusetzen, offenbar von dort entlehnte.

Dass bei allem Ernst auch Raum für Humor bleibt, ohne dass dieser wie ein Fremdkörper wirkt, bietet zwischenzeitlich willkommenen Anlass, einmal durchzuatmen. Wenngleich auch „Es: Welcome to Derry“ die Magie der Erstverfilmung nicht ganz erreicht, bescherte mir die Serie ständige Gänsehautschauer. Hochglanz-Sixties-Wohlfühloptik trifft auf Coming of age, Kleinstadtterror, Ausflüge in die US-Geschichte, gesellschaftliche Konflikte und puren, enorm bösen Horror. Definitiv ein Kids-on-Bikes-Abenteuer, das überwiegend den richtigen Ton trifft und jegliche Kitschklippe gekonnt umschifft.

Bewertung: 8,5 von 10 Gurkengläsern

Details
Ähnliche Filme