Liebe als Gesellschaftsspiel ist chronologisch gesehen der letzte der Aufklärungsfilme von Oswalt Kolle. Thematisch wie optisch deutlich von Das Wunder der Liebe von 1967 entfernt, wird hier nun das Thema „freie Liebe" eingehender erörtert. Es scheint, als müsse Kolle auf Filme wie Schulmädchen-Report reagieren und eines der letzten tabuisierten Themen anschneiden, die noch nicht auf populärwissenschaftliche Art und Weise aufgegriffen wurden. Wissenschaftler kommen nicht mehr zu Wort, einzig Kolles selbst gefilmte Dokumentation um ein Gruppensex-Experiment unter holländischen Männern und Frauen in den 20ern trägt einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung in Ansätzen Rechnung.
Nach einem lasziven Vorspann mit einem großen roten Frauenmund und sinnlich kreisender Zunge im Hintergrund und ein paar einführenden Worten von Oswalt Kolle langweilt Liebe als Gesellschaftsspiel den Zuschauer zunächst mit einer halbstündigen Episode um einen Playboy namens Klaus, der seine Frau Renate mit der Reisebüroangestellten Katja betrügt. Als er das auf Drängen von Katja seiner Frau beichtet, ist sie nach anfänglichen Bedenken dazu bereit, mit ihr Sex zu dritt auszuprobieren. Das gefällt Klaus natürlich und er findet es normal, dass Frauen Frauenkörper toll finden. Als jedoch Katja und Renate Rolf (Katjas Freund) hinzuziehen wollen, will Klaus das nicht, weil das ja „schwul" sei und bla bla. Nun ja, ich denke was Kolle uns damit sagen will, ist folgendes: Wir lebten 1972 immer noch in einer rückständigen Sexualmoral, die in der Ehe nur Zwang bereit hält, obwohl man diesen Zwang auch lockern und sexuell frei leben kann, was glücklicher macht - mit mehreren oder wechselnden Partnern, mit Ehrlichkeit und ohne Lügen, Betrug und Geheimnissen voreinander. Gespielt ist diese Episode eher auf mäßigen Niveau und man fragt sich, warum man sich dazu eine halbe Stunde Zeit nehmen musste. Zudem wirkt sie wie ein Abziehbild der Episoden aus früheren Filmen und der Zuschauer bekommt das Gefühl eine (sehr) ähnliche Episode schon einmal gesehen zu haben.
Es schließt sich schon beschriebenes Experiment um Gruppensex an, in welchem holländische Freunde Zärtlichkeiten miteinander austauschen. Dies ist der aufschlussreichste Teil des Films, werden doch in dokumentarischer Art psychologische Probleme wie Eifersucht, Potenzprobleme und die erst befremdliche, dann doch ebenso hemmungslose wie tabulose Stimmung bei sexuellen Handlungen in der Gruppe angesprochen. Kurze Interviews unterstreichen diese Seriosität. Kolle prognostiziert dazu aus dem Off, dass sich diese Form des Geschlechtsverkehrs aufgrund der Entwicklungen in den USA und Skandinavien durchsetzen werde. Da hat er wohl etwas daneben gelegen, auch wenn er das kurze Zwischenspiel der Hippie-Ära und „Fuck for Peace"-Mentalität sowie Kommunen-Experimente damit vorwegnahm. Die traditionelle Paarbeziehung wurde jedoch schon aus psychosozialen Gründen nicht überwunden und man muss ja etwas nicht nur deswegen tun, weil die Gesellschaft dies mittlerweile mit ihrem Rechtssystem zulässt. Können heißt eben nicht Sollen.
Es schließen sich noch zwei belanglose Episoden um Liebe im FKK-Urlaub in den Dünen mit wechselnden Partnern mit „Alle Vögel sind schon da"-Untermalung (!) und non-verbale Kommunikationsmöglichkeiten zur offeneren Verständigung zwischen Mann und Frau, die sich darin irgendwo ins Gesicht fassen (?) an. An Putzigkeit sind diese beiden eher an schlechte Kalauer erinnernden Episoden nicht zu überbieten und auch nur irgendein Informationsgehalt geht ihnen vollkommen ab. Wiederum bekommt man den Eindruck, diese eher harmlosen Banal-Episoden irgendwoher zu kennen, so unoriginell und beliebig, ja konventionell und intentional fragwürdig erscheinen sie.
Kolle präsentiert mit Liebe als Gesellschaftsspiel einmal mehr fernab der Aufklärungsintention, wie sie bei Das Wunder der Liebe und teilweise noch bei den ...das unbekannte Wesen-Filmen vorhanden war, seine subjektiven Überzeugungen und Ansichten hinsichtlich Sex, Liebe, Freiheit und seine Vorstellungen einer „modernen" Ehe oder Partnerschaft, die sich durch „Abenteuer" und Experimente mit anderen Sexualpartnern wieder beleben lässt. Seine vage Orientierung an Fakten beweist dies, die Episoden selbst sind eher aussagelos und was die Zeigefreudigkeit von entblößter Weiblichkeit angeht, könnte man den Eindruck gewinnen, Kolle und Regisseur Werner M. Lenz ginge es nur um Erotik und das Ausstellen von den Schauwerten seiner attraktiven Protagonisten. Ein entbehrliches, zuweilen gar dümmlich-trashiges Episoden-Filmchen, das einen radikalen Wandel der Sexualität heraufbeschwört, der aber nie eintrat und von daher sogar fehlerhaft ist. Da dies der letzte Kolle-Film ist, kann man tatsächlich sagen: Gott sei dank, es ist vorbei! (3/10)