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„Unsere Mutter ist Charles Manson!“

Das gern die vermeintliche heile Welt selbstzufriedener Durchschnitts-US-Amerikaner filmisch auseinandernehmende Regie-Enfant-Terrible John Waters („Pink Flamingos“) erschuf mit dem im Jahre 1993 veröffentlichten Spielfilm „Serial Mom“ eine plakative Parodie auf die Doppelmoral „himmlischer“ Familien.

„Meint ihr, ich brauche einen Anwalt?“ - „Du brauchst einen Agenten!“

Bevery Sutphin (Kathleen Turner, „Der Rosenkrieg“) ist nach außen hin das weibliche Familienoberhaupt einer sauberen Vorzeigefamilie. Doch ist sie so sehr auf die Aufrechterhaltung dieses Bilds bedacht, dass sie rigoros gegen alle vorgeht, die die Familienidylle gefährden. Sie wird zur brutalen und skrupellosen Serienmörderin. Als ihr die Polizei auf die Schliche kommt, überschlagen sich die Ereignisse.

„Das ist der schlechte Einfluss dieser Familienfilme!“

„Serial Mom“ dürfte einer der zugänglichsten Filme John Waters sein, denn er erzählt seine übersichtliche Geschichte temporeich und stringent. Dabei hat diese es inhaltlich durchaus in sich: Eine erstklassig aufspielende Kathleen Turner mimt die jegliche Kritik an ihrer Familie abstrafende Übermutter überaus eindringlich; genial ihr kritischer Blick, der meist einen weiteren Mord einleitet. Diese fallen nicht gerade blutarm, dafür mitunter richtiggehend splatterig aus. Zudem wirft Waters mit zahlreichen Filmzitaten um sich, wenn er den einen Sohn auf Fleischfilme, den anderen aber auf Horror stehen und Genre-Beiträge wie „Blood Feast“, „The Texas Chainsaw Massacre“ oder auch „Die Zwangsjacke“ (darüber habe ich mich – wie über alles, was die Erinnerung an William Castle aufrecht erhält – besonders gefreut) gucken lässt, die in Form von Ausschnitten ihren Weg in „Serial Mom“ fanden. Zudem dreht Waters die pseudopädagogische und moralistische Kritik an solchen Streifen kurzerhand um, indem er sie einen schlechten Einfluss auf die Mutter statt des Sohns ausüben lässt. Die marktwirtschaftliche Verwertung realer Serienmörder wird ebenfalls aufs Korn genommen, wenn man ein einträchtiges Geschäft mit Bevery wittert.

Formal-stilistisch präsentiert sich „Serial Mom“ in erwartet bunter Pittoresk-Optik, Einblendungen von Datum und Uhrzeit sollen einen dokumentarischen Charakter verleihen (bzw. diesen verulken, denn natürlich basiert auch „Serial Mom“ auf „wahren Begebenheiten“) und ein klassischer orchestraler Soundtrack begleitet die Sause, bis er von der ausschließlich aus Mädels bestehenden Punkband L7 abgelöst wird, an deren Song „Gas Chamber“ John Waters gleich mitschrieb. Eine gelungene Gesellschaftssatire in Form einer rabenschwarzen Thriller-Komödie – da geb' ich 8 von 10 Fabergé-Eiern!

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