Der Giallo Tödliches Erbe ist das Debütwerk von Vittorio Sindoni. Seine Einleitung betont dabei hervorragend, wie sehr gewisse Elemente im Genrefilm einfach die Funktion eines Platzhalters einnehmen. Ein schwerhöriger Gleisarbeiter hackt hierbei auffällig willkürlich im Schotter herum, bis er vom heranpreschenden Zug erfasst wird. Es muß für den Film einen Toten geben, damit geerbt werden kann. So wird eben überlegt, wie man dem Opfer möglichst sensationell das Lebenslicht auspusten kann. Ein Zug ist aber für seine lineare Fortbewegung berüchtigt. Also erfordert es einen Grund dafür, sich ihm in den Weg zu stellen. Außerdem merkt man für gewöhnlich, daß sich so ein stählernes Ungetüm im Anmarsch befindet. Deshalb muß die Wahrnehmung beeinträchtigt sein.
Für Vittorio Sindoni scheint dieser Aufbau verpflichtend. Nun gibt es ein Tödliches Erbe anzutreten. Die Herkunft wird nicht näher erläutert. Es klingt lediglich an, daß es sich um eine Familie handelt, die ihren Status verloren hat. Nebst den schnuckeligen Töchtern gibt es noch den benachteiligten Adoptivsohn, um dessen Wohlergehen auch eine Klausel gestrickt ist. Erst nach Erlangen seiner Volljährigkeit soll das Geld ausgeschüttet werden. Bis dahin gibt es nur die Zinsen. Da hat wohl schon jemand damit gerechnet, daß die Geier aufgebracht kreisen werden.
Überhaupt hat es Vittorio Sindoni nicht so mit den Erklärungen. Zu Stereotypen gesellen sich ein paar graphisch harmlose Morde aus der Egoperspektive und legen so die möglicherweise tiefsten Einblicke in die Figuren frei. Die Polizei tappt wie gewöhnlich im Dunkeln, deutet aber auch einen Konflikt zwischen Konservativen und Liberalen an. Vorverurteilungen stehen an der Tagesordnung. Da wird die Mordreihe genauso einem Frauenmuster zugeordnet, wie die niedliche Blondine auf freien Fuß gelassen, weil sie als Dummchen nicht in Frage käme.
Dazu gesellen sich eigentlich zu wenig progressive Gedanken. Ein paar Verrenkungen in einem Beatschuppen sind nicht genug Moderne für einen Giallo, der sich mit seinem angestaubten Whodunnit-Schema über Kriminalfilmroutinen etablieren soll. Hierbei reichen forcierte Wendungen nicht aus, um einen augenscheinlich günstig erkurbelten Streifen wie Tödliches Erbe weiter voranzutreiben. Es fehlt eben gerade an dieser nach Vorn strebenden Energie einer Lokomotive, mit der andere ähnlich dünn geschriebene Genrewerke ihre Defizite überspielen können. Tödliches Erbe wirkt da fahrig und mit zurückgelehntem Tempo eher obsolet, wo andere Gialli ein rhythmisches Feuerwerk farbverliebter Bildgewalt offenbaren.
Man kann sich das jetzt in seinen Erklärungsversuchen mit einem Pionierstatus schön reden oder dem Umstand, daß Tödliches Erbe der Auftakt einer Giallo Collection des für italienische Filmkost geschätzten Labels Koch Media darstellt, die ihr Zielpublikum mit Schlüsselreizen wie “ultimativ” und “blutrünstig” anreißen wollen. Abgesehen davon, daß man sich im Hause Koch wirklich löblich um manch Film und Genre kümmert, die ihre Liebhaber besitzen, darf man aber nicht jeden Covertext so ernst nehmen. Auch das DVD Menü ist mit seiner fuzzigen Gitarrenmusik eigentlich viel zu optimistisch für einen Film, der im Videozeitalter vom “Kultlabel” Sauerland Kunststoffe einer breiten Masse zugänglich gemacht worden ist.
Die Wahrheit ist doch, daß es proportional unwahrscheinlicher ist, eine geheime Perle aufzutun, je unbekannter und zuvor unbeliebter ein Film ist. Denn wenn es so eine Granate sein soll, dann hätte irgendwer das auch so gesagt. Ich kann mich jedoch nicht entsinnen, jemals große Töne über den im Italienischen so schön L’assassino ha le mani pulite und Omicidio per Vocazione betitelten Tödliches Erbe gehört zu haben – ein paar Fanboys, die mal wieder etwas abfeiern mussten, was der Normalbürger nicht hat, mal ausgenommen.
Genau dies ist immer wieder mein Problem mit Szenebewegungen. Natürlich wirkt Tödliches Erbe innerhalb einer auf das Genre fixierten Dauerberieselung charmanter, weil er ein paar Basics mitliefert, die manchem Miststück auch noch abgehen. Im Grunde handelt es sich jedoch um einen eher gestaltlosen Durchschnittskrimi, dem es zum Vorteil geworden ist, ein paar Attribute einer Welle mitzuliefern, die zur Zeit seiner Entstehung noch anschwoll. Was für Komplettisten daher ganz interessant sein mag, sollte doch deutlich vorsichtiger dargestellt werden, als es manch Lobsänger so von sich zu geben pflegt. Die Gefahr ist einfach zu groß, daß sich einem enttäuschten Neuling die wirklichen Kunstwerke niemals erschließen werden. Dazu gehört Tödliches Erbe mit Sicherheit nicht.