Review

„Geschichte ist die Lüge, auf die wir uns alle geeinigt haben“

Videothekenbesitzer (!) Micha Hartung war als Bahnwärter in der DDR angestellt, als in einer verhängnisvollen Nacht ein Zug durch eine falsch gestellte Weiche in den Westen fuhr. Die angeblich von langer Hand geplante „Massenflucht“ soll nun, 2019, zum 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls, der mediale Durchbruch für einen karrieregeilen Journalisten werden. Da Micha das Geld gut gebrauchen kann, wird die Geschichte zu einem echten Abenteuer – in jeder Hinsicht. 

DAS LEBEN IST EINE BAUSTELLE, GOOD BYE LENIN! und jetzt DER HELD VOM BAHNHOF FRIEDRICHSTRASSE: Regisseur und Autor Wolfgang Becker hat in den letzten Jahrzehnten mit nur wenigen Filmen ein wunderbares Gespür für authentische deutsche Geschichte(n) gezeigt, die berühren, amüsieren und immer auch zum Nachdenken anregen. DER HELD ist sein letztes Werk, Becker verstarb im Dezember 2024, genau ein Jahr vor dem offiziellen Filmstart. Und es könnte kaum einen schöneren Nachlass geben. 

Der Film ist liebenswerte Loserballade und sanfte Romanze, deutsch-deutsche Bewältigungskomödie und Polit- sowie Mediensatire, untermalt von Fehlfarbens „Paul ist tot“, mit lakonischem Witz, gut beobachteten Charakteren und einer Unmenge an bekannten Darstellern, die zum Teil für nur sekundenkurze Cameos auf der Leinwand erscheinen, so als wollten sie dem Regisseur Tribut zollen. 

Dies ist wahrscheinlich der einzige Film, der es dieses Jahr in der Stardichte mit Wes Andersons THE PHOENICIAN SCHEME aufnehmen kann: Daniel Brühl, Leonie Benesch, Peter Kurth, Eva Löbau, Dani Levy, Jürgen Vogel, Thorsten Merten, Leslie Malton, Axel Prahl und Katarina Witt sind nur die bekanntesten Namen, wer regelmäßig Tatort und deutsche Fernsehfilme sieht, wird noch ein Dutzend mehr Gesichter erkennen. Getragen wird der Film von den breiten Schultern Charly Hübners, der hier den zweitbesten Gang des Kinojahres nach Sean Penn in ONE BATTLE AFTER ANOTHER abliefert, auch die bezaubernde Christiane Paul mal wieder auf der Kinoleinwand zu erleben, ist wunderbar. Am Ende liefert Wolfgang Becker als lippenlesender Polizeibeschatter ("Ich bin ein bisschen aus der Übung") selbst noch ein komödiantisches Kabinettstückchen ab. 

Eine deutsche Komödie, die wirklich lustig ist und zu Herzen geht – das gibt es auch nur alle Jubeljahre. Nun wird es das wohl noch seltener geben.

Details
Ähnliche Filme