Review

Abschiedswerk von Filmemacher Wolfgang Becker, das persönliche Porträt einer einschneidenden Ära und das Porträt eines Menschen in ihr auch, die Umstände gezeichnet und der Umgang mit diesen, das Augenmerk auf die kleineren Momente und die stilleren Figuren, Becker als intimer Beobachter und Fachmann für leise Emotionen. Von Warner Bros. Pictures präsentiert und X Verleih besonders, ein Kreativpool geschaffen für die Aufstellung und die Umsetzung, die Szenerie erst im Kleinen eingefangen und dann vergrößert, eine frühere Zeit schreibt man hier und eine spezielle Ära, ein Vorfall im geteilten Deutschland, eine Nachricht für die Schlagzeilen wert. Reich dekoriert ist man, dekorativ verziert, ein liebevoller Umgang mit dem Früher und dem Einst, eine Zeitreise gemacht mit Nostalgie und Interessenwert:

2019. Der Videothekenbesitzer Micha Hartung [ Charly Hübner ] wird eines Tages von dem noch erfolglosen Journalisten Alexander Landmann [ Leon Ullrich ] vom Wochenmagazin "Fakt" aufgesucht, der zusammen mit dem gebotenen Geld nicht abgeneigten Hartung eine Story ausschmückt, die die größte Massenflucht der DDR in den Juni-Morgenstunden 1984 durch eine unplanmäßige Weiterleitung einer Ostberliner U-Bahn in den westlichen Teil der Stadt beinhaltet und eine Legende mit gezielten Sabotageakt darum strickt. Nach dem Erscheinen der Geschichte und dies kurz vor dem 30jährigen Jubiläum des Falls der Berliner Mauer wird Hartung und der Schreiberling mit populär, etwaige Ungereimtheiten der so nicht korrekten, aber im Ergebnis stimmenden Erzählung werden trotz Gewissensbissen verdrängt, zudem lernt Hartung die damals mit in der U-Bahn befindliche Paula Kurz [ Christiane Paul ] kennen und lieben und hält ihn auch die Scham der Lüge vor seiner Tochter Natalie [ Leonie Bresch ] vor einer Kundgabe der tatsächlichen Wahrheit zurück. Allerdings wird der Bürgerrechtler Harald Wischnewsky [ Thorsten Merten ] auf die Sache aufmerksam und kramt zusammen mit dem Aufklärer Holger Röslein [ Dirk Martens ] in der Vergangenheit des vermeintlichen oder tatsächlichen Helden.

Die Hauptfigur hier ist ein Schnuffi, ein Stoffel, er kommt nicht wirklich zurecht im Leben, er schläft am helllichten Tag noch, er findet die Schlüssel nicht, obwohl diese zu seiner eigenen Wohnung sind. Überfordert mit den Ereignissen, ein Videothekar jetzt, die Sammlung in seiner eigenen Wohnung eingerichtet bzw. wohnlich sehr, mit Teppichen ausgestattet, der Film beginnt heute und jetzt, die Vergangenheit ihn einholend, ein Reporter steht vor der Tür. "Kundenbindung ist uns sehr wichtig." heißt es hier, es wird abkassiert für ein Gespräch, es wird erst abgestritten und ignoriert, die Rückblenden aufklärend und verwirrend zugleich, für den Mann im Film mehr als für das Publikum. Ein Blick in verschiedene Jahre, in verschiedene Jahrzehnte, verschiedene Jahrhunderte, "Sie werden nie darüber sprechen, was hier passiert ist." als die ersten Sätze aus dem Früher, es wird in Euro bezahlt, aber in DM noch gerechnet und gedacht. Es wird überredet und verlockt und versucht, es wird für das Geld und zum Schein auf die Geschichte eingegangen, im "dunklen Stasireich" unterwegs gewesen, eine leichtfüßige Herangehensweise, eine einfache und gleich komplizierte Betrachtung. Aus dem Prenzlauer Berg wird berichtet, "bisschen Lokalkolorit und trotzdem die ganz große politische Bühne", die Themen wie Freiheit und Selbstständigkeit und Identität aufgenommen und damit jongliert und gespielt und sie humoristisch und trotzdem emotional wiedergegeben. An Routinen hält man sich hier fest, an Modifizierungen und Modalitäten, ein Drehen im Kreise auch, aber kein Feststecken in ihm, die Erinnerungen geschürt und evoziert, mit der Wahrheit etwas gespielt und sie gestreckt und ausgeschmückt, ein Märchen erzählt und dennoch die Glaubwürdigkeit darin gefunden und die Gedanken und die Gefühle. In einfachen Gefilden wird sich hier herumgetrieben, bei den kleinen Leuten, im Kiosk um die Ecke, bei der übergebliebenen Familie und den treuen Freunden.

"Halt doch die Fresse, Bernd." heißt es bald, da ist die Geschichte schon draußen und gedruckt, da ist sie schon unterm Volk, da wurde man bereits mit Nelson Mandela und der Apartheid verglichen, wurde man zum Freiheitskämpfer erhoben, der "prokrastinierende Loser" ist in aller Munde und ist mit seinem Bahnhof Friedrichstraße nun der Held. Regisseur Becker filmt dies locker vor sich hin, das Zeitgefühl ist wunderbar, ein längst vergangen und dennoch wieder aufgelebt, die Figuren wirksam und wirklich, das Schauspiel ankommend und ausdrücklich, das Problem schnell erkannt und beizeiten auf den Tisch. Um eine Unwahrheit geht es hier, um aufgebauschte Fakten, um ein mögliches juristisches Nachspiel, um Wiedergutmachungen und Dichthalten, "Ik wünsch Ihnen noch ein schönes Leben." als frommer Wunsch, eine einmalige Geschichte und ein einmaliges Wesen. Ähnlich wie in Good Bye, Lenin! (2003), dem großen Vergleichsfilm hierzu, schafft Becker eine spezielle Aufmerksamkeit und selbstbewusste Eigentümlichkeit, die Aufnahmen der verschiedenen Stadtviertel lebensecht, der historische Herbst von 1989 hier wie dort ein Traum, ein Luftschloss und ein Trugschluss, die DDR hier nicht wieder aufgebaut, aber in den Köpfen hervorgeholt und imaginiert und fantastisiert. "Nicht die Fragen beantworten, sondern sagen, was man ohnehin sagen wollte.", die goldene Regel hier auch, eine Vorgehensweise mit atmosphärischen Elementen, wie warmer Komik, mit Verklärung, mit Tradition, einfache und konkrete Ansagen und ebensolche Reaktionen, die Schaffung eines authentischen Milieus trotz deutlicher Fiktion hier. Die Figuren mit Gutem im Sinn, mit Suchen aus dem Ausweg, mit entwaffnender Fantasie und ebensolchen Witz und Pointen, mit Katharina Witt als Ehrengast, mit dem Schweben durch das Leben und das Mitschwingen in ihm, mit träumerischen Kitsch und der explodierenden Realität.

So steigert man sich zunehmend und steigert man sich zunehmend hinein, ein Mitreißen des Publikums, wie ein Rausch der Beginn der Erzählung, alles Gute scheinbar auf einmal, der Mann ein Filmverleiher und Filmliebhaber auch, Werke werden zitiert, Solaris und Aguirre - Der Zorn Gottes, Der Pate, Cabaret und Fat City, der Mann hier in seinem eigenen Gleichnis, mit entsprechender Dramaturgie. Bald erweitert man die Perspektive, der Reporter, die Frau, ein weiteres Spiegeln und weiteres Betrachten, eine vermeintliche und/oder tatsächliche Bescheidenheit und Ehrlichkeit und Authentizität in Betracht genommen und in Augenschein, ein Mitgehen mit dem Protagonisten und ein Mitfühlen, ein Mensch wie Du und Ich, mit Stärken und mit Schwächen, mit Einfachheit und Besonderheiten. Etwas Politik wird hier dargebracht, dies mit Satire eher und Sarkasmus fast, werden die Ostdeutschen aus der DDR ausgestellt wie seltene Zirkustiere, "Also mein Papa hat gesagt, dass sich im Osten alle gegenseitig verraten haben.", aus dem Kindermund, die "Diktatur der falschen Freunde und der falschen Realitäten" dafür im heutigen Westen. Aus Liebe wird hier gehandelt scheinbar, ein Groschenroman installiert, wahre Worte ausgesprochen, mit Intuition vorgegangen und mit Jagdinstinkt, mit Details gearbeitet und romantischen Blick, mit entwaffnendem Charme und Vergnüglichkeit. 

Eine angenehme Überredungskunst, "Kitsch kann sehr, sehr schön sein." sagt der Filmliebhaber hier, der Träumerling, "Klingt nach Weltflucht." ist die Antwort, eine Romantik angedeutet und ausgelebt auch, eine neue Chance, ein neues Leben in den Raum gestellt, erweiterte Möglichkeiten und dies erst nur positiv gesehen und dann nach und nach mit düsteren Wolken und etwas Regen auch, vorübergehend natürlich nur, für die Dramaturgie, "Weil Sie dann einen Wunsch freihaben. Wie in einem Märchen." Ein Handel mit dem Teufel wird gemacht und angestrebt, dazu verschiedene und durchaus viele präsente Nebenfiguren, alte Intriganten, Stasispitzel, Möchtegern-Revoluzzer, Anekdoten werden gereicht, Geschichten von ehedem, ein Komplott geschmiedet, Die Olsenbande wird angespielt, musikalisch leider nur, dafür aber mit Effet. Wie in einer Junggesellenstube hält man sich zwischendurch auf, man nimmt sich Zeit dafür und eine Auszeit von dem Alltag, Komposita werden gesammelt, "Aus zwei Einheiten entstand etwas Neues.", selbst Sternschnuppen werden hier ruhigen Gewissens arrangiert. Gedenkarbeit wird geboten, keine Propaganda, ein filmisches Informationszentrum, eine historische und wissenschaftliche Einordnung, ein "Diktum der Mahnung in Zeiten einer von Verdrängungsmentalität geprägten aufmerksamkeitsdefizitären Gegenwart", oder wie es hier noch heißt: "Dat war jetzt nicht wie in einem amerikanischer Film. Das war eher ein polnischer Film."

Details
Ähnliche Filme