Zwischen 2004 und 2013 war jeder neue Edgar Wright-Film ein Ereignis – zumindest für Filmnerds und Cineasten mit einer Vorliebe für Horror, Action, SciFi und Comics. Seine Genrehommagen wie SHAUN OF THE DEAD, HOT FUZZ und WORLD’S END schossen filmisch immer aus allen Rohren: visueller Einfallsreichtum, schnelle Schnitte, ungewöhnliche Perspektiven, überraschende Filmzitate, starke Soundtracks und eine immens hohe Schlagzahl an Gags waren Wrights unverkennbares Markenzeichen. Mit BABY DRIVER kehrten 2017 etwas mehr Ruhe und Stringenz in seinen Stil ein, LAST NIGHT IN SOHO war 2021 dann sein erster reiner Genrefilm, ein recht ernsthaftes Gothic-Gruseldrama.
Mit seinem jüngsten Film versucht er sich nun am Mainstream-Blockbuster und lässt dabei fast jegliche Individualität auf der Strecke – THE RUNNING MAN hat nichts mehr von dem, was einen Edgar Wright-Film bislang ausmachte. Das wäre an sich zu verkraften, wenn es nicht so ein absolut durchschnittlicher Film geworden wäre.
Die erste Verfilmung des Stephen-King-als-Richard-Bachmann-Romans war 1987 ganz klar ein Schwarzenegger-Vehikel wie auch PREDATOR, COMMANDO & Co., eine Plattform für Muskelspiel und Oneliner, mit albernen Bösewichten und bunten Kostümen. Wrights Neufassung, u. a. von Stephen King mitproduziert, orientiert sich enger an der Romanvorlage, inklusive einiger Modernisierungen. Immerhin wurde die Vorlage aus den 70ern geschrieben und sollte in 2025 spielen.
Nichtsdestotrotz sind die beiden King-Dystopien, die 2025 in die Kinos kamen (THE LONG WALK lief nur wenige Monate vorher an) näher an der aktuellen depressiven und repressiven Stimmung von Trumps Amerika als je zuvor. Entsprechend düster ist auch Wrights Film gestaltet: Die meisten Szenen spielen bei Nacht oder in schlecht ausgeleuchteten Räumen, Armut und Ghettoisierung sind omnipräsent, Kinder erkranken an Grippe, Krebs oder Radioaktivität, Medizin ist teuer, Hoffnung Mangelware. In dieser Weltuntergangswelt nimmt der aufrechte Arbeiter Ben Richards die Chance wahr, am Kopfgeldspiel „The Running Man“ teilzunehmen. Überlebt er 30 Tage, erhält er so viel Geld, dass die Zukunft von Frau und Kind gesichert ist. Um dies ständig vor Augen zu haben, gibt ihm Wright eine kuschelige Kindersocke seiner Tochter mit auf den Weg. Die verantwortliche Fernsehanstalt ist eine umfassende Entertainmentfabrik mit einem großen "N" als Logo, ein böses Unterhaltungsmonopol, das menschenverachtende Spielshows produziert, die von schrillen Moderatoren geleitet werden. Also das, was seit den Anfangstagen des Privatfernsehens Mitte der 80er auch in Deutschland läuft. Auf den zu gewinnenden „New Dollar“-Noten prangt das Gesicht von Arnold Schwarzenegger – es ist leider der einzige wirklich clevere Gag des gesamten Films. Gut, Stephen King war noch nie für seine Subtilität bekannt, aber dieser Film ist wirklich so platt und plakativ, dass man sich beim Zuschauen gleich 50 IQ-Punkte dümmer vorkommt.
Ben Richards besorgt sich Waffen und Verkleidungen, taucht unter, wird aufgespürt, taucht wieder unter, wird verraten, etcetera. Dass er seine Jäger dabei nicht immer gleich erkennt, liegt daran, dass diese denkbar profillos gestaltet sind. Natürlich waren die Schwarzeneggergegner wie „Buzzsaw“ und „Subzero“ reine Witzfiguren. Hier bleiben die „Hunter“ jedoch völlig eigenschafts-, bzw. im wahrsten Sinne des Wortes gesichtslos. Ein Mittelweg hätte möglicherweise besser funktioniert. Vielleicht war es aber auch eine bewusste Gegenbewegung zum Arnie-Trash, diesen RUNNING MAN so ernsthaft wie möglich zu inszenieren. Nur ging dabei leider komplett die Leichtigkeit und Spielfreude Wrights verloren. Dieser Film hätte auch von Ron Howard inszeniert sein können.
Von den Setpieces bleiben lediglich ein paar Szenen in Erinnerung, die auch schon im Trailer zu sehen waren, der Film ist diesbezüglich recht überraschungsarm und manche Actionszenen, insbesondere die Nahkämpfe, sind zu schnell und unübersichtlich geschnitten – kein Vergleich mit einem Film wie HOT FUZZ, der trotz Comedyausrichtung deutlich spannendere und auch spektakulärere Action zu bieten hatte.
Das größte Problem des Films ist jedoch sein Hauptdarsteller. Glen Powell wird seit einigen Jahren in Richtung Leading Man gepusht, den echten Durchbruch hat er bislang noch nicht geschafft. Zwar bringt er durchaus Präsenz auf die Leinwand, jedoch kein Charisma. Powell wirkt immer sehr angestrengt, was hier durch seinen Charakter als „angriest man alive“ noch verstärkt wird. Dazu kommt der fast schon manische Hang zu unattraktiven Verkleidungen (siehe auch HIT MAN und CHAD POWERS), die womöglich eine gewisse Selbstironie zeigen sollen, meist jedoch einfach nur peinlich sind. Es fällt daher nicht gerade leicht, mit Ben Richards mitzufiebern, ganz gleich, wie viele Kindersocken er in der Tasche hat.
So ist THE RUNNING MAN 2025 zwar ein solider dystopischer Actionfilm mit tollen needle drops geworden, aber bei weitem nicht der Blockbusterspaß, den man sich von einem solch starken Regisseur wie Edgar Wright wünschen würde. In einer perfekten Welt hätte in den 80ern nicht Paul Michael Glaser sondern Paul Verhoeven den ersten RUNNING MAN inszeniert. Dann wäre eine Neuverfilmung überflüssig gewesen.