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Edgar Wright und die gezähmte Dystopie

Edgar Wright galt einst als stilistischer Virtuose, als Pop-Auteur mit unverwechselbarem Rhythmusgefühl, dessen Filme nicht nur erzählt, sondern regelrecht komponiert waren. Doch spätestens seit dem kommerziell enttäuschenden, wenn auch ästhetisch hochinteressanten „Last Night in Soho“, ist klar: Talent schützt nicht vor Kassenernüchterung. Und nun also „The Running Man“, Wrights erster „echter“ Mainstream-Blockbuster, ein Film, der gleichzeitig Neuverfilmung eines Romans von Stephen King und Remake eines ikonischen 80er-Jahre-Stücks Popkultur ist, das untrennbar mit Arnold Schwarzenegger verbunden bleibt. Auf dem Papier wirkt dieses Projekt wie ein sicherer Lauf. Ein populärer Stoff, ein charismatischer Hauptdarsteller, ein Regisseur mit Ruf. Und doch ist „The Running Man“ an den Kinokassen ein Underperformer – kein Desaster, aber auch kein Triumph. Vielleicht passt das ganz gut zu diesem Film, der viel richtig macht und doch nie ganz die Ziellinie durchbricht, hinter der er wirklich brennen würde.

Wrights Version der Geschichte etabliert ihr dystopisches Szenario zügig: eine nah-urbane Zukunft, in der staatlich sanktionierte Medienformate Brot und Spiele liefern und Gewalt zur besten Sendezeit konsumierbar machen. Das Setting sitzt, die Welt ist sofort verständlich, beinahe erschreckend vertraut. Doch der Einstieg bleibt holprig. Ben Richards, der unfreiwillige Star der tödlichen Gameshow, wirkt zunächst weniger wie ein tragischer Held als wie ein auf Koffein gesetztes Rumpelstilzchen. Seine Wut ist laut, sein Handeln impulsiv, seine Motivation diffus, sein moralischer Kompass noch schlecht kalibriert. Mitfiebern fällt schwer, Empathie noch schwerer. Erst im zweiten Akt gewinnt die Figur an Kontur, wenn die Mechanik der Show greift und Richards gezwungen wird, mehr zu sein als ein schreiender Spielball des Systems. Dann darf er reagieren statt nur zu explodieren, reflektieren statt zu toben.

Das Drehbuch bleibt dabei funktional und schnörkellos, fast schon zu sehr. Die satirischen Spitzen sitzen, sind aber selten wirklich bissig. Wo der Roman und selbst der 80er-Film mit grotesker Überzeichnung arbeiteten, entscheidet sich diese Version für eine glattgebügeltere, massentauglichere Linie. Das ist verständlich – aber auch ein wenig schade. Bei der Atmosphäre liegt eine der größten Ambivalenzen des Films. Das Produktionsdesign ist ohne Frage hochwertig: sterile Studios, grell leuchtende Arenen, eine futuristische Medienwelt, die an moderne Streaming-Ästhetik erinnert. Gleichzeitig wirkt vieles zu sauber, zu poliert. Die Dystopie fühlt sich eher nach Premium-Netflix-Serie als nach gesellschaftlichem Albtraum an. Schmutz, Verfall und existenzielle Verzweiflung bleiben dekorativ, nie wirklich bedrohlich.

Zwischen Spektakel und Stilverlust

Und doch blitzt immer wieder Wrights Gespür für Rhythmus und Bildkomposition auf. Er war immer ein Regisseur der Bewegung, der Übergänge, der musikalischen Schnitte. In einzelnen Sequenzen – besonders bei Übergängen zwischen Show und „realer“ Welt – erkennt man den Regisseur von „Hot Fuzz“ und „Baby Driver“: präzise Schnitte, visuelle Gags, kleine ironische Kommentare im Bildhintergrund. Aber es sind Fragmente, keine durchgezogene Handschrift. Als hätte Wright hier öfter die Handbremse angezogen, um niemanden im Multiplex zu verschrecken. Man spürt, dass dies sein erster großer Studiofilm ist, ein Werk, bei dem Individualität häufiger zugunsten von Zugänglichkeit zurücktritt.

Die Actionsequenzen sind dynamisch, sauber choreografiert und erfreulich übersichtlich. Verfolgungsjagden haben Drive, die Arena-Setpieces funktionieren dramaturgisch wie visuell, erzeugen Spannung und liefern Schauwerte. Doch herausragend sind sie selten. Dafür fehlt der letzte Mut zur Überzeichnung, zur stilistischen Eskalation. Die Gewalt ist präsent, aber kontrolliert; das Spektakel groß, aber gezügelt. Wrights sonst so verspielter Umgang mit Perspektive und Bewegung wird zugunsten klarer Blockbuster-Lesbarkeit zurückgefahren. Das ist professionell – aber eben auch austauschbar.

Natürlich versteht sich „The Running Man“ als Kommentar auf Medienkonsum, Voyeurismus und die Lust an der öffentlichen Demütigung. Doch die Kritik bleibt plakativ. Das System ist böse, das Publikum abgestumpft, die Show unmoralisch – alles korrekt, alles bekannt. Subtilität sucht man vergebens. Der Film hält dem Zuschauer keinen Spiegel hin, er zeigt ihm eher ein Poster mit klarer Botschaft. Wir nicken zustimmend, fühlen uns bestätigt, aber selten wirklich herausgefordert.

Glen Powell ist ohne Zweifel einer der angesagtesten Schauspieler Hollywoods. Sein Charisma, seine Leinwandpräsenz, seine körperliche Selbstverständlichkeit prädestinieren ihn für Rollen wie diese. Und doch bleibt er hier überraschend farblos. Das liegt weniger an Powell selbst als an der Figur: Ben Richards fehlt der emotionale Unterbau, der innere Konflikt, der über reine Reaktion hinausgeht. Seine Entwicklung ist zwar vorhanden, aber schematisch. Erst im letzten Drittel darf Powell zeigen, was er kann – dann blitzt Tiefe auf, dann funktioniert die Figur. Zu spät allerdings, um wirklich zu tragen.

Fazit

„The Running Man“ ist ein solides, gut gemachtes Science-Fiction-Actiondrama, das unterhält, Tempo hat und handwerklich überzeugt. Gleichzeitig ist er aber auch ein Film der verpassten Chancen. Als erster echter Blockbuster von Edgar Wright wirkt er wie ein Werk im Spagat zwischen persönlichem Stil und industrieller Erwartung. Die individuelle Handschrift, die ihn einst von der Masse abhob, scheint hier stellenweise hinter Studioanforderungen und Zielgruppenstrategien zu verschwinden. Dass der Film an den Kinokassen unterperformt, fühlt sich deshalb doppelt bitter an: Einerseits ist das Ergebnis besser, als es der kommerzielle Misserfolg vermuten lässt. Andererseits bestätigt es die Ahnung, dass dieser Stoff – mit etwas mehr Mut, Schmutz und Wahnsinn – stärker hätte einschlagen können. Am Ende bleibt ein Film, der funktioniert, aber nicht lodert. Der spannend ist, aber nicht brennt. Der unterhält, ohne zu verstören. „The Running Man“ läuft sauber ins Ziel – aber eben nicht als Erster.

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