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Geht es um Genreware im Mid-Budget-Bereich, dann sind aktuell Streamingdienste die sicherste Anlaufstelle, etwa Netflix, die unter anderem „Tyler Rake: Extraction“, „Day Shift“ und Joe Carnahans „Copshop“ finanzierten. Vielleicht war dies auch der Grund, warum sich Carnahan nach seinem Kino-Schiffbruch mit „Shadow Force“ für seinen prominent besetzten „The Rip“ wieder an den Streaminganbieter wandte.
Beim Miami Police Department stehen die Zeichen auf Krise. Ein weiblicher Police Captain wurde von Unbekannten erschossen, FBI-Agent Del Byrne (Scott Adkins) und sein Kollege Logan Casiano (Daisuke Tsuji) befragen die Mitglieder ihrer Einheit, darunter Lieutenant Dane Dumars (Matt Damon) und die Detectives Mike Ro (Steven Yeun), Numa Baptiste (Teyana Taylor) und Lolo Salazar (Catalina Sandino Moreno). Keiner ist erfreut darüber, wurde doch erst kürzlich eine andere Spezialeinheit aufgrund von Korruptionsvorwürfen aufgelöst und der Verdacht eines Inside Job steht im Raum. Besonders unerfreulich läuft die Vernehmung von Sergeant J.D. Byrne (Ben Affleck), der nicht nur eine Beziehung zu der Toten hatte, nicht nur bei einer Beförderung zugunsten von Dane übergangen wurde, sondern auch noch Dels Bruder ist. „The Rip“ baut eine Kulisse des Misstrauens und des Verdachts auf, da mögen sich Cops und DEA-Agenten beim Feierabendbier noch sehr damit aufziehen, dass sie alle angeblich so korrupt seien.
Geschichten einer Polizeieinheit, die Stash Houses von Drogengangs überfällt, werden als Räuberpistole abgetan, doch genau an jenem Abend erhält Dane einen anonymen Tipp mit einer Adresse, an der Drogengeld gelagert werden soll. Gemeinsam mit J.D., Mike, Numa, Lolo und einem Spürhund macht er sich zu der Adresse auf, wo sie Desiree 'Desi' Lopez Molina (Sasha Calle) antreffen, die angeblich von nichts weiß. Die Cops finden doch Geld, bis hierhin alles Routine – bis sich herausstellt, dass dort weitaus mehr als angekündigt lagert, rund 20 Millionen Dollar. Die Verlockung des Geldes, ein Thema in Thrillern wie „Ein einfacher Plan“, in schwarzen Komödien wie „Kleine Morde unter Freunden“ und vor allem in Polizeifilmen, in denen Cops über schmutziges Geld stolpern, das eventuell niemand vermissen oder zumindest zurückfordern würde.

Auch hier scheint die Summe Begehrlichkeiten zu wecken, denn manche Mitglieder der Einheit verhalten sich seltsam. Ein Drohanruf wiederum zeigt, dass anscheinend auch das Kartell von der Razzia erfahren hat, denn der Anrufer bietet an, dass sie mit einem kleinen Teil der Beute gehen dürfen – andernfalls werden sie getötet…
Carnahans voriger Netflix-Film „Copshop“ funktionierte nach dem „Assault on Precinct 13“-Prinzip, „The Rip“ nimmt ähnliche Züge an. Kammerspielartig spielen große Teile des Films in und um das Stash House, die Belagerer sind nicht da, aber haben sich zumindest angekündigt. So geht es meist eher um den Nervenkrieg als physische Auseinandersetzungen, die sich dann vor allem im Schlussspurt finden. Erst eine Attacke auf das Haus, später ein paar Stand-Offs, Schusswechsel und zwei Verfolgungsjagden, eine davon zu Fuß, die andere mit Autos. Carnahan sorgt gemeinsam mit Fight Coordinator Johnny Yang und Stunt Coordinator Keith Woulard für einige gelungene, aber nicht außergewöhnliche Schauwerte, auch wenn der Schnitt von Kevin Hale in ein, zwei Momenten etwas an Überblick verliert. Dafür ist die Action klassisches Handwerk mit einigen gelungenen Stunts, etwa wenn die Cops am Boden einen Angreifer verfolgen, der von Dach zu Dach springt.
Hauptattraktion von „The Rip“ sind allerdings weniger die Actionszenen, sondern das Duo in den Hauptrollen. Die alten Kumpels Ben Affleck und Matt Damon standen zwar schon mehrfach gemeinsam vor der Kamera, hier aber wohl erstmals als gleichberechtigte Hauptdarsteller. Affleck gibt den Helden mit Ecken und Kanten, die Identifikationsfigur, Damon den undurchsichtigen Vorgesetzten, der sich seltsam verhält, und beide tun dies sehr überzeugend. Die Ähnlichkeit zwischen Ben Affleck und Actionstar Scott Adkins wurde ja schon öfter angemerkt, in „Der Spion und sein Bruder“ sogar für einen Gag genutzt, weshalb es ein weiterer kleiner Coup ist, dass Adkins hier Afflecks Bruder spielt. Viel zu tun hat er freilich nicht, seine Kernkompetenzen im Actionbereich kommen gar nicht zum Zuge, aber mit Charisma hat er in seinen wenigen Momenten doch genug Strahlkraft. Mit Steven Yeun, Teyana Taylor und Catalina Sandino Moreno ist ein prominentes Trüppchen in den größten Cop-Nebenrollen zu sehen und leistet gute Arbeit, etwas schwächer, aber immer noch soliden Support gibt es von Sasha Calle als Hüterin des Stash Houses. Eine markante Nebenrolle hat Kyle Chandler als Leiter der DEA-Einheit, hinzu kommen ein paar Charakterfressen wie Sal Lopez in weiteren Parts.

Originell ist „The Rip“ nur bedingt: Das Miami-PD-Setting ruft leichte Erinnerungen an die „Bad Boys“-Reihe hervor, zumal Carnahan ja auch am Drehbuch von „Bad Boys for Life“ mitschrieb, weitere Werke des Regisseurs wie „Narc“ oder „Copshop“ dürften ebenso als Inspiration gezählt werden wie Filme über Cops, die vom Geld gelockt werden, etwa „Sabotage“. Im Gegensatz zu dem Arnold-Schwarzenegger-Vehikel wirkt „The Rip“ allerdings wesentlich mehr aus einem Guss und kann vor allem während des Kammerspiels im Stash House Spannung erzeugen. Dane gibt unterschiedliche Infos an Teammitglieder, informiert die Vorgesetzten nicht über den Fund und sammelt die Handys seiner Leute bis auf J.D. ein. Andere wollen Infos nach draußen geben oder tun es auch, während sie darüber philosophieren, was sie sich von einem Bruchteil der Beute alles leisten können. Weitere Vorkommnisse wie die Anrufe oder das Auftauchen zweier lokaler Cops (möglicherweise korrupt) legen weitere Fährten aus, sodass über weite Strecken gelungen mit Zuschauererwartungen gespielt wird, wer denn nun dreckig und wer sauber ist, wer da von außen an die Kohle möchte und ob er mit jemanden aus dem Team zusammenarbeitet – oder ob vielleicht sogar mehrere Parteien an der Beute interessiert sind.
Die Auflösung des Ganzen ist durchaus stimmig und nicht überkonstruiert, wenn auch nicht frei von Logikschwächen. Dummerweise wirkt das Actionfinale nach der Auflösung dann ein wenig so, als hätten Carnahan und sein Co-Autor Michael McGrale ihrer Geschichte nicht vertraut, so solide die Schauwerte auch sein mögen. Der Epilog am Strand wirkt etwas gewollt und manches ist redundant, wenn etwa an zwei Stellen die Hintergrundgeschichte Danes aufgerollt wird – als habe man den Film für ein Streamingpublikum konzipiert, dass zwischendurch aufs Handy glotzt und vielleicht nicht alles mitbekommt. Ein paar Dialoge sind aus dem Standardbaukasten, die Figuren eher archetypisch, aber immerhin mit genug Profil und Eigenleben gefüllt.

Insofern gefällt sich „The Rip“ eher darin Standards des Polizeifilms zu bedienen anstatt etwas Neues zu versuchen, dank der Besetzung, der Schauwerte und des Spannungsaufbaus in den ersten zwei Dritteln gelingt dies Carnahan und Co. allerdings recht gut. Einige Redundanzen, ein paar Minuten zu viel auf der Uhr und ein weniger spannender Schlussakkord trüben den Spaß ein wenig, aber ein solider Genrereißer ist „The Rip“ alles in allem schon.

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