Review

Verhoevens "De Vierde Man" ist die Verfilmung des gleichnamigen Buches von Gerard Reve - der populäre, homosexuelle und ebenso erzkatholische wie provokante Schriftsteller macht die Hauptfigur der Geschichte ganz deutlich zu seinem Alter Ego: auch hier haben wir einen homosexuellen Schriftsteller (einer schönen knabenhaften Frau gleichwohl nicht abgeneigt), der obendrein auch noch den Namen des Autors trägt. Der Titel des Werkes spielt dabei auf Graham Greenes Kriminalroman "The Third Man" an (1949 von Carol Reed unter gleichem Namen verfilmt), nimmt also bereits verweisend und reflexiv auf die eigene Stoffwahl Bezug.
Bei Verhoeven schlägt sich letzteres in der Nähe zum film noir nieder, dem hier gehuldigt wird: platinblond ist etwa die vermeintliche femme fatale, der sich der etwas verlotterte Protagonist ausgeliefert wähnt, während er mehr und mehr einer rätselhaften Spur nachgeht. Geradezu Hitchcocksche Traumsequenzen zwischen surrealistischen Anleihen und an der Psychoanalyse orientierten Symbolen weisen den Film ebenfalls als sich seines Genres vollkommen bewussten Thriller aus. Die Übertragung in das Medium Film bringt somit eine genuin filmische Intertextualität mit sich.
Der Blick auf Religion und Gläubigkeit, die an die Figur Gerard Reves gekoppelt sind, entspricht in der Verfilmung weitestgehend Verhoevens eigenen Ansichten zu diesem Themenfeld, wobei es ihm nicht ganz gelingt, diese in aller Konsequenz auszubreiten.

Der Film beginnt [Achtung: Spoiler!] (nachdem im Vorspann eine Spinne in ihrem Netz an einer Christus-Figur ihr Opfer einspinnt) mit dem Erwachen des verkaterten Schriftstellers Gerard, der gleich darauf tagträumt, seinen Partner zu erwürgen, dessen Geigenspiel ihn sichtlich stört. (Verhoeven reinszeniert hier grob den Beginn seines eigenen "Turk Fruit" (1973).) Gehetzt macht er sich dann auf den Weg zum Bahnhof (wo er beim Versuch, eine Zeitschrift zu stehlen, einen attraktiven jüngeren Mann sieht, der ihn vollkommen in seinen Bann zieht), um die Anreise zu einem literarischen Abend anzutreten, bei dem er gegen Bezahlung über sein Schaffen sprechen soll.
Diese Anreise schon wird begleitet von zahlreichen Visionen, Ahnungen und seltsamen Zufällen: Im Zugabteil sitzt Gerard schräg gegenüber einer Mutter, die ihrem Kleinkind einen Heiligenschein aus Apfelschale über den Kopf hält, während ein Plakat am Bahnhof verkündet "Jezus is overal"; hinter ihr befindet sich ein Foto eines Hotels (Hotel Bellevue), in dem Gerard ganz versinkt - er sieht sich durch die Korridore schieben, bis sich aus dem Guckloch seiner Zimmertür (Nr. 4) ein blutiges Auge herausschiebt - ehe blutroter Tomatensaft, der aus dem Gepäck der Mitreisenden über das Bild läuft, ihn wieder in die Realität zurückholt; ihm gegenüber schmückt eine Zeichnung von Samson und Delilah das Abteil, die noch von Belang sein wird; nach der Ankunft erregt ein Sarg seine Aufmerksamkeit, weil der Name Guido Hermans auf der Schlaufe eines Kranzes durch die Faltenbildung den Namen Gerard ergibt.

Bei der Lesung selbst wird das dichte Gefüge aus Zufall, Einbildung und Bezugnahme auf christliche Ikonik völlig zurückgefahren. Gerard hält erfolgreich seinen Vortrag - allenfalls seinen Pointen nimmt eine schöne blonde Frau mit sachlichen Anmerkungen den Wind aus den Segeln. Diese schlagfertige Schönheit, die ihn unentwegt filmt, entpuppt sich schließlich als Christine Halsslag, von der er auch seine Bezahlung erhalten wird.
Sie hat offenbar außerordentliches Interesse an Gerard und bringt ihn dazu, bei ihr zu übernachten und nicht im eigentlich anvisierten "Hotel Bellevue". Bei ihr, das heißt in der Pension "Sphinx" (das Leuchtschild zeigt jedoch bloß noch "Spin" (dt.: Spinne) an), ein luxuriöser Schönheitssalon, der ihr gehört. Auf der Hinfahrt werden sie Zeugen einer Unfallstelle - nur die erste von mehreren Leichen, denen Gerard ganz beiläufig über den Weg laufen wird, die aber zur unheilsschwangeren Atmospähre gelungen beitragen.
Die Nacht gerät zur gemeinsamen Liebesnacht (auch wenn Gerard im Bad ein Handtuch mit der Aufschrift "He" vorfindet - später darauf angesprochen, wird Christine Gerard mitteilen, dass ihr Mann verstorben ist), denn mit ihrer Kurzhaarfrisur und den knabenhaften Brüsten, die Gerard zudem mit seinen Händen verdeckt, während sie ihn reitet, wirkt sie auf ihn reizvoll maskulin. Der Schlaf danach gerät jedoch wenig entspannend - Gerard alpträumt sich ein Szenario zusammen (so hitchcockesk wie nur möglich), in dem er zunächst von der Frau aus dem Zugabteil in einer Allee erwartet wird; aus ihrem roten Blumenstrauß ragt ihm die Mündung einer Pistole entgegen, die sich aus anderer Perspektive betrachtet letztlich als altmodischer Schlüssel entpuppt. Mit diesem gelangen beide in eine Grabkammer, in der drei aufgehängte Rinderleiber drei Bottiche vollbluten, während ein leerer vierter von dem roten Strauß gefüllt wird, den die Frau wie eine Trauernde bei einer Beerdigung niederlegt. Gerard erwacht scheinbar, als Christine ihn mit einer Schere drastisch kastrieren wird - und erwacht anschließend endgültig schweißgebadet.
Die Schere wird Christine am nächsten Morgen sogar benutzen, aber bloß um Gerard in ihrem Salon zu frisieren - Verhoeven putzt die Bezüge nochmals überdeutlich heraus, indem er Christines eigene Kosmetikmarke mit dem Namen "Delilah" ausstattet und den Verlust der Haare nochmal mit der ertäumten Kastration querschneidet.
Um den ganzen noch die Krönung aufzusetzen, berichtet die Frau auf dem Platz neben Gerard (die Mutter aus dem Zug, wie er später merken wird) unter ihrer Schönheitsmaske von einer Geschichte von verhängnisvollen Vorahnungen eines gewaltsamen Todes, von erträumten Todeswarnungen. Christines Fön wird die Geschichte jäh unterbrechen.

Als Christine Gerard schließlich zu entlohnen gedenkt, lässt sie ihn kurze Zeit alleine - er findet einen Briefwechsel zwischen ihr und einem Herman vor (auch hier wird er verleitet, den Namen durch den Faltenwurf zunächst als Gerard zu lesen), dessen Foto kurz darauf ebenfalls in seine Hände gerät: es ist der attraktive junge Mann vom Bahnhof.
Die geplante Abreise verschiebt sich nun und Gerard bleibt zunächst bei Christine, die Einsamkeit nur schwer erträgt, in freudiger Erwartung der Ankunft Hermans. In dieser Zeit macht er sich an seine neueste Erzählung, die ihm nicht recht gelingen will: ihm fällt bloß die am Bahnhof erlebte Namensverwechselung auf dem Kranz des Toten ein, diesmal jedoch wird aus dem Namen Herman letztlich der Name Gerard. Dass ihm dabei auffällt, dass ihm Christine ein Hemd Hermans gegeben hat, unterstreicht die Austauschbarkeit beider Männer noch, mit welcher der Film immer stärker spielen wird - einer von beiden wird der titelgebende vierte Mann sein.
Die Annahme eines vierten Mannes kommt Gerard in den Sinn, als er betrunken einige Filmrollen Christines anschaut: offenbar war sie schon dreimal verheiratet und jeder ihrer Männer ist nun tot. Einer von beiden, Gerard oder Herman scheint nun Christines nächstes Opfer zu werden, so Gerards Verdacht.

In der Folge gelingt es ihm auch, Herman (den er in einem seiner Träume mit heraushängendem Auge aus den Fluten des Meeres steigen sieht) zu verführen: Bei einer gemeinsamen Autofahrt bemerkt Gerard die Frau aus Zug, Traum und Schönheitssalon, wie sie gerade mit einem Strauß roter Blumen die Allee eines Friedhofes entlangschreitet. Er bringt Herman dazu, anzuhalten; gemeinsam folgt man der Frau über den Friedhof, verliert aber ihre Spur bei einem plötzlichen Wettereinbruch und versteckt sich vor dem Regen in einer kleinen Gruft. Dort kommt es zu sexuellen Übergriff Gerards, den Herman oberflächlich abwehrt, gleichzeitig aber auch genießt und sich ihm schließlich völlig hingibt. Fast kommt es zu intimeren Szenen zwischen beiden, als Gerard bemerkt, dass in der Gruft die drei Urnen von Christines Ehemännern untergebracht sind. (Zu den Blitzen des Gewitters blitzt in Gerard auch die scheinbare Erkenntnis der Todesursachen in ihm auf: ein sich nicht öffnender Fallschirm, ein Unglück im Safari-Park und ein Bootsunfall. Diese Todesarten waren anhand der Filmrollen Christines schon zu erahnen, Herman wird sie Gerard letztlich auch bestätigen.)
Mit dieser Entdeckung endet nicht nur die Liebesszene zwischen Herman und Gerard, sondern zugleich überwerfen sich die beiden Männer auch, als Herman Gerards Verdächtigung Christines als Geschmacklosigkeit zurückweist.
Dennoch geht die gemeinsame Fahrt weiter; Gerard scherzt noch kurz, als ein Leichenwagen vorbeifährt, durch dessen Fenster ein Kranz mit der Aufschrift "Herman" zu sehen ist - doch dann kommt es zum folgenschweren Autounfall, bei dem sich eine lange Eisenstange durch Hermans Auge, Kopf und Kopfpolster bohrt.

Gerard steht nun völlig unter Schock: im Krankenhaus wird er dem behandelnden Arzt seine kruden Theorien über Christine als mörderische Hexe darlegen, der er nur durch die Warnungen und den Beistand von Maria, der Mutter Jesu, entkommen zu sein glaubt - diese erblickt er in der Frau aus dem Zug wieder, die sich hier als Krankenschwester entpuppt und Gerard zuletzt in ein Krankenzimmer schiebt, wo er unter einem Holzkreuz zur Ruhe kommt, während Christine (die ins Krankenhaus gerufen worden ist) in den Korridoren einen neuen Freund (und vermutlich auch zukünftigen Liebhaber) aufgabelt und am Ende gemeinsam mit diesem davonfährt.

Verhoeven stellt die Symbolik des Films überdeutlich heraus - so deutlich, dass der Zufall (der ja immer als Erklärungsmöglichkeit herangezogen werden kann, wenn sich keine vertretbare andere finden lässt) als Erklärungsansatz unglaubwürdig geraten muss: Die Marienikonik, die Verhoeven auffährt um Gerard die vielfachen Hochzeiten Christines aufdecken zu lassen, das (möglicherweise von Bunuels "Un chien andalou" (1929) inspirierte) Bild des verletzten Auges, das das Ende des Films allzu konkret im voraus ankündigt, die Kastrationsthematik in den Alpträumen und dem "Samson und Delilah"-Stoff, die die Gefährdung durch die femme fatale ins Spiel bringt.
Übernatürliche Warnungen und Vorahnungen kehrt Verhoeven damit viel stärker heraus als die Möglichkeit des Zufalls: denn dazu sind die Übereinstimmungen von Ahnungen und späteren Erlebnissen eine Spur zu übereinstimmend geraten. Der Zufall gerät damit zum unbefriedigenden Erklärungdmodell (wenn auch nicht zum unmöglichen, bloß zum unwahrscheinlichen), womit Verhoeven von der Vorlage durchaus abweicht: in Reves "De Vierde Man" wird die Existenz des Ich-Erzählers dafür bürgen, dass das Erzählte nichts wahres beinhalten muss, sondern dass durchaus die Möglichkeit besteht, dass der Erzähler seine Erlebnisse im Nachhinein in seinem Sinne umwandelt.
Verhoeven lässt zwar seinen Protagonisten sagen: "Ich lüge die Wahrheit", womit diese Wirklichkeit umformende Phantasie eines Individuums (ganz besonders eines kreativen, alkoholsüchtigen Individuums - das wird Verhoeven am Ende nochmals deutlich ansprechen lassen) von ihm bewusst hervorgehoben wird; aber auch wenn der Film darüber hinaus häufig auf subjektive Darstellungsweisen setzt, kann er der Vorlage in diesem Punkt nicht gerecht werden. Dadurch, dass der Zuschauer immer gleichzeitig mit Gerard in der Gegenwart Zeuge von dessen Eindrücken wird, nimmt er diese zwangsläufig als eindeutig nicht-nachträglich-veränderte Eindrücke wahr (täte er es, müsste er zugleich auch sein eigenes Erinnerungsvermögen als Zuschauer an die Eindrücke der Kinobilder in Frage stellen). Dass eine subjektive Schilderung der Ereignisse aus der Sicht Gerards dann nicht dauerhaft durchgehalten wird, trägt endgültig dazu bei, die Erklärungsmöglichkeit des im Nachhinein beschönigenden, korrigierenden, umformenden Geistes auszuschalten. "Gelogen" hätte also nicht mehr Gerard, der ja ohne zu zögern eingesteht, die Wahrheit zu lügen (seine Wahrheit zu lügen), sondern Verhoeven selbst.

Dass dieser Aspekt der Vorlage im Film nicht mehr ganz aufgeht, gereicht dem Film allerdings keinesfalls zur Unzulänglichkeit: sicherlich steht sich Verhoeven mit seinem dichten Netz aus symbolischen Vorausdeutungen und assoziativen Zusammenhängen ein wenig im Wege, wenn es darum geht, dass Leben eines gläubigen, religiösen Menschen als alternative Weltanschauung zu präsentieren. Dadurch dass er keine andere Erklärung mehr liefern kann (außer den Zufall, der hier jedoch an enorme Unwahrscheinlichkeit gekoppelt ist), ist die Sicht Gerards letztlich keine alternative mehr, sondern die einzig überzeugende. (Einzig die Rolle Christines bleibt bis zuletzt schön doppeldeutig und undurchsichtig: während man daran, dass Gerard durch seine Visionen und Träume zurecht übervorsichtig geworden ist, kaum noch zweifeln mag, wird eine Täterschaft Christines, in der Gerard eine Hexe mutmaßt, weder bestätigt noch aus der Welt geräumt.)
Doch auf andere Art und Weise wirkt sich dieser Umstand auch sehr vorteilhaft aus: denn dieses dichte Netz, das Verhoeven hier wie die Spinne des Vorspanns webt (welche also nicht nur mit der scheinbar männerfressenden Christine, sondern auch mit Verhoeven selbst in Zusammenhang gebracht werden kann), baut ganz wirkungsvoll eine unheilvolle Atmosphäre auf, in der drohende Gefahr beständig in der Luft liegt. Gerade auch mit seinen leichten Verweisen auf die Geschichte des Thrillers vom film noir bis Hitchcock unterstützt Verhoeven die Kraft dunkler Vorzeichen: indem er den Zuschauer ausdrücklich auf Geschichte und Arbeitsweisen des Thrillers hinweist, kann er einige genretypische Anzeichen nochmals überbetonen - etwa die platinblonden Haare Christines, die damit noch enger an die femme fatales des film noir gerückt wird.

Dieses Spiel mit Andeutungen eines Übel, das der Zuschauer schon lange kommen sieht und das dann auch konsequent eintritt - aber ohne, dass man einen wahren Täter (bzw. eine Täterin) geliefert bekommt - gelingt Verhoeven überaus gut: Seine Inszenierung sorgt nicht nur sehr wirkungsvoll für Spannung, sondern ist auch reichlich kunstvoll geraten. Seine künstlerischen Ambitionen spielt Verhoeven hier genußvoll in fast jeder Szene aus und läuft nicht selten Gefahr, sie übermäßig zu strapazieren - seinen artifiziellen Charakter soll "De Vierde Man" nirgends verbergen, sondern beständig hervorkehren. Das passt dann auch recht gut zu diesem Film, der sich vor allem der Spannungserzeugung, also einem durchaus formalen Aspekt widmet, während ihm inhaltliche Aspekte wie die Frage der alternativen Weltanschauung etwas aus der Hand gleiten.
Alles in allem ein stilvoller, atmosphärischer Suspense-Thriller, angereichert mit einigen Schocks und (homo-)erotischen Sequenzen - als doppelbödiges Spiel mit Schein und Sein allerdings nur bedingt brauchbar, wenn auch gerade wegen seiner "Mängel" nicht uninteressant.

9/10

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