Übler Nachgeschmack! Warum?
Wegen hoher Bewertungen und positiver Erwähnung in "Teen Dreams" (Roz Kaveney, 2006) versuchte ich eine zweite Sichtung. Und wieder verspürte ich nachher ein Unbehagen. Obwohl das Ganze ja gut gemeint ist und ich nicht nach Mängeln suchte, obwohl so mancher (Jung-) Männertraum erfüllt wird, von der Errettung einer blonden "Damsel in Distress", die tatsächlich dem Pornomilieu entrissen wird, obwohl Elisha Cuthbert wirklich superhübsch ist, TGND sich eine korrekte Por-"No!" Botschaft anheftet und mit einem Happy End endet, konnte ich das weder genießen noch glauben. Der Spaß blieb mir im Halse stecken. Warum?Schnell kam ich auf meine Probleme, eine ganze Menge:
1.) TGND LIEFERT KEINEN ERFOLG GEGEN PORNO. NUR EINE PERSON IST RAUS, DIE VERANTWORTLICHEN BLEIBEN UNBEHELLIGT, DIE NACHFRAGE WIRD GESTEIGERT, WEITERER UMSATZ KREIERT.2.) DANIELLE HAT SICH NICHT EMANZIPIERT ODER IHRE VERGANGENHEIT VERARBEITET.
3.) DANIELLE DIENT ALS TROPHÄEN-WEIBCHEN.
4.) DIE BEZIEHUNG IST EINE PORNO-ARTIGE WUNSCHERFÜLLUNGSFANTASIE.
5.) DAS "LIEBE MACHEN" ERINNERT AN PORNO - ODER EIN GESCHÄFT.
6.) DER GROSSE GAG DER HANDLUNG WIRD VON DEN HAUPTFIGUREN SELBST NICHT ERNST GENOMMEN UND HINTERLÄSST VOR ALLEM VERWIRRUNG.
7.) DANIELLE WIRD wieder mal NICHT ERNST GENOMMEN.
8.) GEWALT GEGEN SCHWÄCHERE IST IN ORDNUNG, ENGAGEMENT FÜR SCHULE UND SCHWÄCHERE ZÄHLT NICHT.
9.) RASSISMUS.
10.) UNGLAUBWÜRDIGKEIT.
11.) ABWERTUNG VON SEX-ARBEITERINNEN.
12.) BETONUNG VON OBERFLÄCHLICHKEITEN.
13.) ERFOLG ZEIGT SICH ZUERST AN MATERIELLEM REICHTUM UND STATUSSYMBOLEN.Für alle Punkte gilt: WAS DER FILM KRITISIERT (Pornografie, mangelnde weibliche Emanzipation, Rassismus, Oberflächlichkeit, Materialismus, Käuflichkeit, Macho-Gehabe und Männerfantasien), BETREIBT ER SELBST.
1.) Nun, tja, "dem Pornomilieu entrissen": Danielle muss immerhin am Ende nicht mehr dort arbeiten, aber da ist sie auch die einzige. Matthew schloss dazu immerhin einen (faustischen?) Pakt mit dem zwielichtigen Hardcore (HC)-Producer Hugo, der einen Großteil der Profite (an Matthews jugendfreiem, aber bewusst spekulativem Aufklärungsvideo) abgreifen wird, und auch Danielles gänzlich unmoralischer (wenn auch sympathisch gezeichneter - fast sympathischer als das Trio unserer drei jungen Helden) Zuhälter Kelly wird weiter unbefangen seine HC-Filmchen drehen.
2.) Danielle bricht zwar mit ihrer Vergangenheit - sie will "vielleicht aufs College" - Was sie dort studieren will, interessiert nicht weiter, TGND kümmert sich nicht um sie. - Aber ihr Ausbruch ist so unreflektiert, dass sie bei der ersten Gelegenheit wieder in den Pornosumpf zurückkehrt. Und ohne Matthews ständigen Zuspruch, die Liebeserklärung dieses unreifen Halbwüchsigen (eines Mannes, klar, denn eine Frau ohne Mann kann nicht in Freiheit existieren), wäre sie auch im Sumpf verblieben.Wie groß ist der Unterschied zu SILVER LININGS: Da tritt eine Figur auf, Tiffany, die ebenfalls für promiskuitives, nymphomanes Verhalten (allerdings nicht aus kommerziellen Gründen) berüchtigt ist, das zum Zeitpunkt der Handlung ebenfalls hinter ihr liegt:
TIFFANY: "I was a big slut, but I'm not anymore. There's always gonna be a part of me that's sloppy and dirty, but I like that, with all the other parts of myself. Can you say the same about yourself, fucker?! Can you forgive? Are you any good at that?"
Danielle dagegen genoss es, wie Matthew sie ansah, ohne von ihrer Vergangenheit zu wissen. D.h. sie sucht keine Akzeptanz, sondern hofft, als etwas anderes angesehen zu werden, als was sie ist. Während Tiffany sagt: "ein Teil von mir ist verwahrlost und schmutzig, aber ich mag das, mit allem anderen, was ich bin." Danielle ist nicht "gut im Sich-selbst-mögen" oder vergeben, sie ist noch nicht mal so weit, dass sie ihre Vergangenheit akzeptiert hat, oder darüber reflektiert, und das ist nicht Danielles Schuld, sondern die Schuld von TGND und seiner Autoren. Bei ihrer Rückkehr ins HC-Milieu wirkt sie ständig ruhiggestellt oder als habe sie auf eine Zitrone gebissen. Aber sie rettet sich nicht selbst, Matthew muss sie da rausholen. Wenn er ihre Vergangenheit akzeptiert, tut sie es auch.
3.) Doch zuvor, als Danielle angeblich selbständig werden will, selbstbestimmt, emanzipiert, sich von patriarchaler Herrschaft (damit ist die Pornobranche gemeint; dass es dort auch weibliche Regisseurinnen und Produzentinnen und Filme für ein weibliches Publikum gibt, erwähnt TGND nicht) befreien will, warum hängt sie sich an das nächstbeste notgeile Teenager-Männchen, an den Nachbarsjungen, und warum - der Gipfel: lässt sich ohne ihr Einverständnis auf einer Schulparty von ihm niederschmusen - wobei Matthew dieses Niederschmusen ausdrücklich als Behauptung seines Reviers betreibt, weil ein Mitschüler mit Danielle spricht - und für diesen Mitschüler und seine Jock-Kumpane ist seine Kuss-Attacke auch als Demonstration gedacht: "Seht her: Sie gehört mir!" - warum lässt sie das mit sich machen?
Roz Kaveney (in "Teen Dreams") meint, sie suche eine Gelegenheit, Unschuld zu erlangen - aber Unschuld zu suchen bei/mit einem Jugendlichen, der offensichtlich versucht, seine Unschuld zu verlieren?!Ich würde TGND ebenso gut die Aussage unterstellen: "Sie braucht einen Mann, sie ist unsicher, sie kann nicht ohne Mann." Denn ohne diesen (auch noch unreifen) Mann lässt sie sich sofort von einem anderen Mann (ihrem Ex/Zuhälter) wieder zurück ins HC-Milieu zerren.
4.) Was bedeutet die Beziehung zu Matthew überhaupt für sie? Warum verfällt sie einem jüngeren Burschen ohne Lebenserfahrung? Mein Verdacht, der den schlechten Nachgeschmack nährt: Das Drehbuch ist eine Wunscherfüllungsfantasie der Autoren. Wenn man sie fragte, dichteten sie ihr wahrscheinlich irgend so ein Mutter-/Mitleid-/Rührungs-Ding an. Matthew ist es, der uns ausgiebig vorgestellt wird - anders als Danielle - TGND macht sich nicht die Mühe, sie zu charakterisieren, klar, sie ist ja nur eine Frau und Pornodarstellerin, die ist weit weniger wichtig, als die drei hormongetriebenen heranwachsenden Buben und ihre Beziehung, die - mal wieder - das Zentrum von TGND bildet (klar, so was sahen wir ja auch noch nie in einem anderen Teenie-Film) - Aber: Was sucht sie in ihm? Seine Unschuld? Die versucht er stets zu überspielen, sie ist ihm ständig peinlich. Was er sucht, ist klar: Er ist triebgesteuert und fährt natürlich auf sie ab; aber warum kommt er so gut bei ihr an? Keine Ahnung! So was kommt nämlich nur in echten Pornofilmen vor, wo Alters- und ästhetische Unterschiede ebenfalls keine Rolle spielen.
5.) Und da sind wir auch schon bei der Sexszene zwischen Matthew und Danielle, dem Moment des ersten Geschlechtsverkehrs. Eine weitere Szene, die dem Pornomilieu entliehen scheint, denn sie spielt in einer fahrenden Prunklimousine, Darsteller und Darstellerin (oben sitzend) umarmen sich nicht, küssen sich nicht, nein: Sie haben nur Sex. Wieder zeigt und bedient TGND genau das, was angeblich kritisiert wird. (Natürlich bemüht sich Cuthbert, relativ erfolgreich, zu zeigen, dass dieser Sex "wahre Gefühle" bei ihr bewirkt - nun, das können echte Pornodarstellerinnen mindestens eben so gut, z.B. in WASTELAND von Graham Travis.) Und die Frage stellt sich, ob der Sex auch eine Belohnung für Matthew darstellen soll, dafür dass er Danielle schließlich, obwohl "gebraucht", quasi "zurücknahm".
6.) Das Ende mit dem "Sex Educational Video": wahrscheinlich sollte es ein Gag sein, dass sie keinen Hardcore-Streifen drehen, sondern einen jugendfreien "Aufklärungsfilm" (der natürlich auch möglichst schlüpfrig sein muss, d.h. Erwartungen weckt, ohne sie zu erfüllen). Diese ganze Film-"Produktion" wirkte wenig als befreiender Höhepunkt oder "witziger Gag", sondern hinterließ mich völlig verwirrt: Matthew weiß, dass er sich entblößen und sein Gesicht zeigen muss, und sagt zu. Plötzlich fällt ihm ein, dass er es doch nicht "kann". Aber wo ist sein Problem, wenn das Projekt doch so jugendfrei-harmlos ist? Und eigentlich will er doch was wirklich "Großes" für seine Liebe (und sein Geld) tun?
Und warum hat er eigentlich Angst, Gesicht zu zeigen, wenn hinterher Ersatzmann Kitz sein Gesicht auch nicht zeigen muss (denn es ist im fertigen Film hinter einer Fechter-Schutzmaske verborgen)? Wenn aber Kitz sein Gesicht nicht zeigt (nur angeblich seinen Penis, den wir im TGND und im Sex Ed Video aber nicht sehen, d.h. im Sex Ed Video wird er dann außerhalb des Bildrandes gehalten, als "nicht sichtbar" gezeigt), warum strahlt er dann bei der Vorführung so triumphierend, wenn im Sex Ed Video (angeblich!) sein riesiger Penis zu sehen ist (so behauptet es TGND, auch wenn er eigentlich nicht zu sehen ist) - aber egal, ohne Kitz' Gesicht (das ist ja hinter der Fechtermaske) weiß doch dann keine/r, dass es sein riesen Penis ist? Und warum muss Matthew bei diesem seinem Riesengroßprojekt, das vor allem seinen und Danielles Köpfe retten soll, nicht mitarbeiten, sondern kann währenddessen mit Danielle in aller Ruhe auf der Tanzfläche schwofen?
7.) Warum fährt Danielle so massiv darauf ab, auf dem Abschlussball einer fremden Schule zu tanzen, bei dem sie keinen Menschen außer Matthew kennt? Ist ihr das wichtig? Verließ sie für so was wie einen fremden "Prom" ihr Leben? Sie sagt, sie habe einen eigenen Abschlussball nie feiern können - aber hofft sie wirklich, ein fremder Ball, Jahre und Erfahrungen später, könne den ersetzen? Sie ist sonst durchaus als erwachsene Figur angelegt, nicht als kleines unreifes Kind mehr, sie war stark genug, sich vom Milieu zu trennen (wir wissen, wie schwer das gemacht wird, und Kellys Skrupellosigkeit zeigt es), sie ist klug und lebenserfahren genug, um Menschen wie Matthew zu manipulieren (was im Verlauf von TGND in Vergessenheit gerät: mit zunehmender Dauer wird sie immer schwächer und hilfloser). Können wir dennoch ihr "Prom-Begehren" ernst nehmen? Vor allem, dass es ihr wichtiger ist, als bei dem existenziellen "Sex-Ed"-Videodreh (ihrer Freundinnen) dabei zu sein?
8.) Am Anfang schwelgt TGND genüßlich in Erinnerungen der Filmfiguren. Dabei störte mich vor allem, wie ausgiebig und unkritisch die Gewalt junger Männer (Sportler) gegen Mitschüler dargestellt wurde, quasi auch als genussreiche, oder gar "schönste" Erinnerungen. Als nächstes erschien Matthew im Bild, den TGND darüber lamentieren lässt, dass er nicht so wunderbare, prima Erinnerungen hat - TGND lässt ihn ausgiebig darüber jammern, dass er ja nur ein erfolgreicher Streber ist, der nur geschafft hat, einem Schüler aus Kambodscha den US-Aufenthalt zu ermöglichen. In TGND erscheint das als Gipfel der Peinlichkeit, der Schande.
9.) Dieser "Samnang aus Kambodscha" wird als manisch winkender, fast debiler Halbwilder gezeigt. TGND verulkt immer wieder scheinbar kritisch den Rassismus der Figuren, macht aber genau das gleiche.
10.) Wie schafft es Danielle, aus dem fahrenden Autos heraus eine Unterhose von der Straße aufzuheben? Tür auf, Hose nehmen, Tür zu und gleichzeitig weiterzufahren? Allerdings haben PornodarstellerInnen ja manche Fähigkeiten, von denen normale Leute nur träumen...
11.) Warum hat die als "anständig" präsentierte, abgeklärte, attraktive, stilbewusste Danielle so kindische, peinliche, überschminkte, eher alte, unansehnliche Freundinnen? Etwa, weil die noch im Porno-Business verblieben sind? Gibt es da keine normalen Frauen? Hat frau nur dann die "Danielle-Vorzüge", wenn frau sich der Szene entzogen hat? Aber wenn sie so unterschiedlich sind, warum sind sie dann trotzdem so gut befreundet und helfen Danielle aus der Patsche?
12.) Warum nimmt TGND Danielles Äußeres so extrem wichtig, dass sie in jeder Szene andere (sexy!) extrovertierte Outfits und Frisuren hat? Sie und ihre Ausstattung sehen gut aus, das freut das (männliche?) Auge, aber war es das, was Danielle mit ihrem Ausbruch anstrebte?
13.) Am Anfang des Films war Matthew nur in der Schule gut. Was ihn enttäuschte. Am Schluss ist er dann endlich richtig erfolgreich: Als ersten Beleg dafür sieht man, dass er materiell reich ist. Das heisst für TGND: Er gleitet in einem (sage ich:) übermotorisierten, überteuerten, status-geladenem Importauto (BMW Sportwagen) dahin, in schicken Klamotten, hat einen blonden, älteren Ex-Pornostar zur Freundin (die vor dem Auto wartet, wenn er von der Uni kommt - sie studiert da wohl nicht, anders als sie vorher im Film anstrebte) - er hat es also wirklich geschafft!
Daher gilt für Samnang, so raunt Matthew ihm zu, dass er das "Heilmittel gegen Krebs" finden muss; der Asiate ist für die „Arbeit" zuständig, quasi als Dienstbote - Matthew hat das nicht nötig, er ist anderweitig ausgelastet. Achja, PS, und nebenbei kann er jetzt irgendwas, egal was, auch noch studieren, in dieser obskuren "Georgetown" Universität.